
- Die Häuserkulisse von Arras im flämischen Baustil - Foto Andrea Reidt
Wen es als Tourist oder aus Anlass einer Geschäftsreise nach Nordfrankreich verschlägt, der hat in den architektonisch und landschaftlich reizvollen Départements Nord und Pas de Calais die in Europa vielleicht einmalige Gelegenheit, gleich mehrere kulturhistorische Touren unter der Erdoberfläche zu unternehmen. Dies hat mit der exponierten Lage quasi in Wurfnähe zur englischen Küste und am westlichen Rand Europas in fließender Nachbarschaft zu Belgien, den Niederlanden und Deutschland, aber auch mit den reichen Bodenschätzen des Nordens zu tun.
Ausbeutung pur: Kriege, Bodenschätze, Industrie
Durch die Jahrhunderte nutzten europäische Heerführer jeder Couleur - englische, französische, spanische, deutsche Herrscher – nordfranzösischen Boden für ihre kriegerischen Ziele. Die Region, ihre Bodenschätze genauso wie ihre Bevölkerung, wurde gnadenlos ausgebeutet, meistens zum Schaden der Menschen, die dort lebten, und ihres Besitzes.
Erster Weltkrieg: Englisches Hauptquartier im Tunnel von Arras
Ein paar Beispiele des kriegerischen Wütens: Im 14. Jahrhundert eroberte England während des Hundertjährigen Krieges die Küstenregion, die Bürger von Calais wurden als Geiseln gefangen genommen. Flandern jenseits und diesseits der heutigen französisch-belgischen Grenze war immer wieder bitter umkämpft. Das wallonische Flandern fiel im Jahr 1668 im Frieden von Aachen Frankreich zu. Napoleon versuchte 135 Jahre später, von Boulogne aus England zu erobern. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 ging am Norden nicht spurlos vorbei. Und im Ersten Weltkrieg tobte hier ein brutaler Stellungskrieg zwischen Engländern und Deutschen. Die unterirdischen Tunnel von Arras, seit dem 16. Jahrhundert als Kalksteinbrüche für die Errichtung der Stadt genutzt, boten in dieser Zeit den englischen Streitkräften ein ideales Hauptquartier – Hunderttausende junge Deutsche, Engländer und Franzosen starben dort auf den Schlachtfeldern und setzten dem Namen Arras einen traurigen Meilenstein in europäischer Kriegsgeschichte.
Wenn die Glocken von Arras Carillons spielen
In Arras leben heute 45.000 Menschen, die Stadt wurde im Ersten Weltkrieg fast völlig zerstört, aber minutiös nach Originalbauplänen des 17. Jahrhunderts wieder aufgebaut. Das war der Mühe wert, denn das Zentrum von Arras verfügt nicht nur über ein spätgotisches Rathaus („Hôtel de Ville“) mit die City überragendem hohem Beffroi. In ihm ist eines der typisch nordfranzösischen Carillons untergebracht, dessen Glocken an Markt-, Sonn- und Festtagen über die drei großen und baulich eindrucksvollen Stadtplätze erschallen.
Tunnelsystem „Les Boves“ unter Arras
155 Stadthäuser im barock-flämischen Stil errichteten die Bürger von Arras nach 1918 neu und umsäumten sie mit Arkaden. Das Material für diese bauliche Kraftanstrengung wurde seit dem 17. Jahrhundert aus den unterirdischen Kalksteinbrüchen geborgen. Bereits seit dem 10. Jahrhundert nutzte man diesen weißen Bodenschatz und grub nach und nach ein 60 Kilometer langes System unter die Innenstadt. Die Häuser rund um die Grand' Place und die Place des Héros – Großer Platz und Heldenplatz – verfügen über zwei übereinander liegende Keller, unter denen sich die Kreidetunnel befinden. Die Hauskeller von Arras sind auf diese Weise tief unten miteinander verbunden und quasi öffentlich. Im Labyrinth der Tunnelgänge wurden früher Waffen gelagert, natürlich dienten sie als kühl temperierte Weinkeller, in den Kriegen als Versteck, Schutzbunker und Rückzugslager im Kampf gegen deutsches Militär.
Spannende Führungen unter den Kellern
Durch die „Boves“ unter der City von Arras gibt es französischsprachige Führungen (mit Audio Guide in deutscher Sprache, Zugang im Rathauskeller) und außerhalb der Stadt Führungen zu den Kriegsschauplätzen, Tunneln und Soldatenfriedhöfen des Ersten Weltkriegs. Fragen Sie im Tourismusbüro nach dem „Circuit des Champs de Bataille de l’Artois“ oder englisch „Artois Battlefield Tour“, im Sommer sollte man rechtzeitig uhrzeitgebundene Tickets erwerben
Hitler annektierte Nordfrankreich komplett
Nur zwei Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg wurde Nordfrankreich von Hitlers Truppen komplett annektiert – es gehörte weder zur französischen Vichy-Regierung noch zum „freien“ Frankreich des Südens. Flandern sollte auch auf französischer Seite in das neue Germanische Großreich, das Hitler anstrebte, aufgenommen werden. Die Gegend litt noch stärker als andere Regionen im von 1940 bis 1944 besetzten französischen Territorium unter der deutschen Besatzungsmacht. Einen faszinierenden Einblick über die Zustände und Lebensbedingungen in der nordfranzösischen Zone während des Zweiten Weltkriegs gibt das bestens ausgestattete und auch für Jugendliche gut aufbereitete Museum „La Coupole“, das sich einige Kilometer außerhalb von Saint-Omer befindet. Durch eiskalte Betongänge betritt man einen Kriegsbunker, in dem deutsche Wissenschaftler und Militärs parallel zu den Forschungen in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde nördlich der Insel Usedom an der V2-Rakete arbeiteten, diese allerdings niemals von dort starteten, weil die Experimente durch Luftaufnahme der Engländer entdeckt worden waren.
Geheimwaffen und das Leben unter der Besatzungsmacht
Der Rundweg durch die über dem Bunker gelegene Museums-Kuppel, die Filme, die großformatigen Fotografien und zahlreiche Objekte informieren umfassend über „Nordfrankreich in deutscher Hand“, über die französische Widerstandsbewegung, über Hitlers Geheimwaffen und auch über die „Hölle der Konzentrationslager und den Genozid“. Für deutsche Touristen dürfte vor allem der erste Themen-Schwerpunkt etwas Neues bieten.
Ausflug in den Berg des alten Minengeländes Lewarde
Einen lebendigen Einblick in die Arbeitsbedingungen der nordfranzösischen Bergarbeiter im einstigen Kohlerevier vermittelt das hervorragend gestaltete Bergbauzentrum Lewarde („Centre Historique Minier“), das östlich der Nationalstraße von Douai nach Cambrai eine knappe Autofahrstunde südlich von Lille liegt. In dem großen Museum auf dem alten Minengelände wurden einige Räume im Originalzustand erhalten, sodass man die Räume der Ingenieure und des Grubendirektors genauso ansehen kann wie den Umkleidesaal der Schichtarbeiter, die ihre Kleider aus Platz- und Schmutzgründen an einem Haken unter die Decke ziehen mussten. Die Ausstellung enthält auch nachgestellte Arbeiterwohnungen und zahlreiche historische Schautafeln.
Leben und Arbeiten in den Gruben
Das eigentliche Erlebnis aber erwartet die Besucher während einer anderthalbstündigen Führung durch die kühlen Gänge 400 Meter unter der Erdoberfläche, in denen sich Grubenarbeiter in geduckter Stellung mehrere Jahrhunderte lang in den Berg vorarbeiteten. Wenn man Glück hat, wird die Besuchergruppe von einem früheren Minier geführt, der in dem originellen, allerdings schwer verständlichen „Ch’ti“-Dialekt des Nordens authentisch über alte Zeiten parliert. Es gibt Audio-Guides, die in verschiedenen Sprachen die Live-Berichte des Führers ungefähr wiedergeben. Der Bergman erklärt Abbruch- und Fördertechniken seit dem 18. Jahrhundert, erzählt etwas über die soziale und gesundheitliche Situation der früheren Arbeiter, auch die gewerkschaftlich organisierten Arbeitskämpfe lässt er nicht aus. So erhält man ein umfassendes Bild des Lebens in und außerhalb der Gruben.
