Die estnische Hauptstadt Tallinn, das alte Reval, ist beides: eine traditionsreiche mittelalterliche Stadt und quirliges junges Zentrum des Baltikums. Tallinn besitzt eines der besterhaltenen mittelalterlichen Stadtensembles Europas und lädt zu einem sommerlichen Besuch seiner Gassen, Wehrtürme und alten Häuser ein, den man gemütlich in einem Straßencafé ausklingen lassen sollte.
Romantik und Moderne prägen Tallinn gleichermaßen. Da ist einerseits die kulturhistorisch bedeutende Altstadt, die auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes steht und andererseits eine moderne Metropole mit beeindruckender Handy- und Internetdichte.
Tallinn, das ist aber auch Jahrhunderte währender baltendeutscher Einfluss, leidvolle Sowjetgeschichte und die unglaubliche politische Wende der singenden Revolution. Heute ist auch das schon wieder Geschichte und Tallinn hat sich seiner traditionellen Brückenfunktion zwischen Ost und West besonnen.
Viele nagelneue und postmoderne Bürotürme von allen möglichen Weltkonzernen beweisen, dass die Rolle Tallinns als Türöffner für die riesigen russischen Märkte angenommen wird. Besonders die sprachliche und mentale Nähe zu Finnland ließ Tallinn von Finnlands Hightech-Boom profitieren. So ist Tallinn mit seiner knappen halben Million Einwohner nicht nur Estlands Tor zur Welt, sondern auch Fenster des Westens nach Russland.
Am Finnischen Meerbusen der Ostsee gelegen, hat die estnische Hauptstadt, in der 1980 die Segelwettbewerbe der Moskauer Olympiade stattfanden, eine lange Seehandelstradition und war einst eine bedeutende Hansestadt.
Wechselvolle Geschichte
Erstmals erwähnt wurde die Stadt als Kolywan bereits 1154 von dem arabischen Kartographen Idrisi. 1219 wurde sie von den Dänen erobert, etwa aus dieser Zeit stammt auch Tallinns alter Name, aus dem estnischen Revele wurde unter baltendeutschem Einfluss Reval. Die Bezeichnung Taani linn, woraus später Tallinn wurde, bedeutet nichts weiter als Dänenburg.
Tallinn trat 1284 der Hanse bei, ein atemberaubender Aufstieg begann, von dem bis heute einige der sehenswerten Tallinner Altstadtbauten künden. An den Deutschen Orden kam Tallinn 1346, als das Königreich Dänemark seine estnischen Gebiete verkaufte. Nach dem Ende des Deutschen Ordens wurde Tallinn 1561 schwedisch und ab 1721 russisch.
Die Altstadt
Die fast unverändert erhaltene Altstadt Tallinns ist ein kulturhistorisches Juwel, dass 1997 unter den Schutz der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes gestellt wurde. Seine von Grünanlagen umschlossene, gewaltige mittelalterliche Stadtmauer mit den charakteristischen Grauschiefer-Türmen zeigt noch heute auf beeindruckende Weise, wie stark und mächtig die Festung Reval einst war. Teile der Stadtmauer und fast die Hälfte der einst 50 Wehrtürme sind erhalten. Imposantestes Tor ist die 1529 fertig gestellte Dicke Margarete, die als Große Strandpforte Zugang zum Hafen bot. Durch dieses Tor in dem gewaltigen Turm mit seinen 24 Metern Durchmessern und bis zu fünf Metern Wandstärke gelangten alle Waren in die Stadt. Heute ist hier das sehenswerte Museum für Seefahrt untergebracht.
Bekanntester und höchste Wehrturm Tallinns ist der fast fünfzig Meter hohe „Kiek in de Kök“. Seine vier Meter dicken Wände beherbergen heute einen Teil des Stadtmuseums. Zahlreiche kulturhistorische Highlights sowie original erhaltene Kopfsteinpflasterstraßen und enge Gassen mit zahlreichen Kneipen, Restaurants und Straßencafes laden zum Bummeln und Verweilen im mittelalterlichen Tallinn ein.
Sehenswürdigkeiten
Zentraler Platz der Altstadt ist der Rathausplatz, der vom bereits ab 1322 erbauten Rathaus dominiert wird. Der achteckige Turm wurde um 1630 errichtet. Vom Rathausplatz aus führt direkt neben der Apotheke ein besonders schöner enger Durchgang auf die Große Gilde zu, dem prächtigsten Tallinner Patrizierhaus von 1410, in dem heute das Historische Museum untergebracht ist.
An der Pikk, der Hauptstraße des alten Tallinns findet man noch heute in großer Dichte die schönsten Bürgerhäuser. Bekanntester Patrizierbau ist das „Schwarzhäupterhaus“ mit seiner prächtigen Fassade. Die Schwarzhäupter waren ein 1399 gegründeter Zusammenschluss unverheirateter Kaufleute und erwarben das Haus 1517.
Überragt wird die Altstadt vom Domberg, dem Toompea, auf dem bereits ab 1219 die Dänenburg errichtet wurde. Jahrhunderte war der Domberg vom Livländischen Schwertritterorden beherrscht und von der Unterstadt durch die Stadtmauer getrennt. Mächtig steht noch heute die in Große und die Kleine Burg unterteilte Burg im Zentrum des Toompea.
Die Kleine Burg wurde von Katharina der Großen 1767 zum Toompea-Schloss umgebaut. Sie dient heute als Regierungssitz. Vor dem Schloss befindet sich die prächtige Alexander-Newski-Kathedrale vom Ende des 19. Jahrhunderts.
Die Neustadt
Sehenswert in Tallinn ist aber auch die Neustadt, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstand sowie Schloss und Park Kadriorg unweit Tallinns. Peter der Große ließ die Anlagen von Niccolo Michetti 1718-23 als Sommerresidenz der Zaren erbauen. Kadriorg ist ein beliebtes Nahausflugsziel für alle Tallinner und leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.
Weitere sehenswerte Städte im Baltikum sind Riga und Vilnius.
