
- tangofest - sabine soelbeck
Tango. Die Zuschreibungen sind zahlreich, wecken die Phantasie, fördern die Magie und enthalten Klischees. Praktizierende im Tango sagen, Tango sei Kulturtradition, Lebensform, Meditation, Zauber, Dialog, ein trauriger Gedanke, Melancholie, Improvisation. Andere sagen, Tango sei Wohltat, Übel und Sucht gleichermaßen, etwas, dem sie sich nicht mehr entziehen können. Es kommt vor, dass für das nächtliche Tanzen Mann, Weib und Kind vernachlässigt werden.
Berlin bietet alle Möglichkeiten
In Berlin wird viel Zeit mit dem freudigen, sinnlichen und zwiespältigen Freizeitvergnügen verbracht. An sieben Tagen der Woche gibt es in der Metropole mindestens fünfzig Möglichkeiten in einem Salon eine Milonga, eine Tangotanzveranstaltung, zu besuchen. In der heißen Jahreszeit kommen die Angebote zum Open-Air-Tango hinzu, teilweise in traumhaftem Ambiente direkt an der Spree. Berliner Tanzinstitute bieten Kurse, Workshops und Einzeltraining. Die Tangoschulen mit ihren Namen klingen exotisch: Nou Tango Berlin, Mala Junta, ART. 13 oder Salon Urquiza.
2009 ist diese argentinische und uruguayische Lebensart mit all seinen Facetten von der UNO zum Weltkulturerbe erklärt worden. Tango ist Bestandteil eines Kulturerbes, das von Gemeinschaften, Gruppen und Individuen weiter gegeben und fortwährend neu geschaffen wird. Es vermittelt ein Gefühl von Identität und Kontinuität, fördere den Respekt vor kultureller Vielfalt und menschlicher Kreativität. Hermann Hesse schreibt 1919: Der Tango drücke Glück und Freude aus, Schönheit und Luxus, gute Lebensart und Lebenskunst. Er drücke Liebe und Geschlechtlichkeit aus, nicht wild und glühend, aber voll Selbstverständlichkeit, Naivität und Anmut.
Tango ist auf der ganzen Welt etabliert
In den allen europäischen Städten haben sich eigene Tangoszenen entwickelt. Die Berliner Tangoszene nimmt eine herausgehobene Stellung ein. Das spüren und schätzen die TänzerInnen. Eine davon ist die Sozialpädagogin Katja, 35. Sie praktiziert seit fünf Jahren Tango. Es fing mit der guten Musik an, erzählt sie. Heute ist Tango für Katja ein wichtiger Bestandteil ihrer arbeitsfreien Zeit. Er bietet eine andere Realität. Es sei ein Tanz, sagt die Sozialpädagogin, der schön ist, wenn man wirklich anwesend und aufmerksam ist. Tango habe mit dem Jetzt zu tun, mit dem Augenblick. Es sei besonders, dass Tango sich mit jedem Tanzpartner anders anfühle. Katja hat sich im Tangounterricht für die führende Rolle entschieden. Tango ist Improvisation. Alles ist möglich in Verbindung mit Tangomusik, ob traditionell oder modern. Für Katja ist Tango ein Dialog, ein Gespräch, eine internationale Sprache. Sie hat das auf ihren Reisen erlebt. Tango gibt es überall auf der Welt, und es bedarf keiner Worte. Dabei ist Berlin durchaus anders als Sydney, Auckland oder Bangkok. Berlin ist ein Paradies des Tangos. Es gibt die zahlreiche, unterschiedliche Milongaorte und diese sind wählbar, je nachdem, welche Musik man mag. Es gibt immer neue Möglichkeiten zum Unterricht zu gehen, viele internationale Aktive leben in Berlin und geben ihr Wissen weiter. Katja hat den Berliner Tango auf ihren Reisen vermisst. Zum Beispiel war eine führende Frau oft eine kleine Revolution an anderen Orten. In der Metropole ist der Rollenwechsel etwas Normales. Es sei unwichtig, ob Männer oder Frauen zusammen tanzen, wer führt oder wer folgt.
Ein ausgesprochenes Geheimnis in der Szene lautet: Tango ist der Tanz des depressiven Bildungsbürgertums. Es ist kein Tanz, der von einem sozial schwachen Publikum betrieben wird. Tango ist eine Frage des Geldes. Wer Zugang zum Tango haben will, traut sich meist nicht ohne Unterricht und ein paar einstudierten Schrittfolgen.
Das erklärt Christian (27), Promotionsstudent der Psychologie: "Im Tango haben wir einen sehr hohen Bildungsgrad." Christian hat dort nicht wenige Professoren aus der Universität getroffen. Es sei ein Gebildetensport, und, Christian wagt den Vergleich, eben kein Salsa. Der Student tanzt zwei Jahre.
Das Wesentliche im Tango ist die Zweisamkeit und der Dialog
Christian kann beides, klassisch "Tango Argentino" oder modernen "Neotango" tanzen. Er hat nichts dagegen, wenn sich die Stile mischen. Die Kommunikation miteinander sollte stimmen. Jede Woche kommen nationale und internationale Besucher nach Berlin. Die Stile mischen sich. Interessant sei, dass die Schritte und Figuren gleich sind, die getanzten Dialekte sind durchaus verschieden. Christian ist dem Tango nie verfallen, aber schon der einen oder anderen tanzenden Frau. Der Reiz des Tangos bestehe in seiner Intimität. Wenn diese von beiden Seiten zugelassen werde, hebe sie die emotionale Distanz der Menschen auf. Im Alltag habe man seinen Partner, seine Familie, die Arbeit und den Rest. Beim Tango erlebe man das Zulassen von Zwischenmenschlichkeit. Gerade das biete die heutige Gesellschaft nicht, so der Promovent. Wir seien alle etwas vereinsamt, und das wäre bei dieser Gesellschaftsform nicht verwunderlich.
Tango fungiert als Spiegel der Gesellschaft
Das erklärt ein Stück die Entscheidung der UNO, Tango zum Weltkulturerbe zu erheben. Im Tango begegnet man Menschen, die in kein oberflächliches Hobby betreiben. Jeder macht sich Gedanken, fast sorgfältig. Einer dieser Denker ist der Tangoveranstalter und Tangolehrer Thomas Rieser (35). In keiner Stadt sei die Tangoszene so groß wie in Berlin, sagt er, es sei fast anarchistisch. Er meine damit, dass es die Freiheiten sind, die den Tango in Berlin ausmachen, der noch ohne etablierte Hierarchien auskomme. Thomas Rieser beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Tanz. Er ist von Haus aus Bewegungslehrer an Waldorfschulen. Er betreibt die Tangoschulen Nou Berlin. Von Anfang an hat Thomas mit argentinischen und amerikanischen Gastlehrern gearbeitet. Er organisiert Milongas mit Livemusik und ist Mitorganisator des Berliner Tangofestivals. Für Thomas ist die Szene in Berlin nicht abgeschlossen. Die Stimmung der Schulen untereinander sei kollegial. Und doch habe Berlin einerseits einen ganz schlechten Ruf, andererseits den Ruf des Eldorados des Tangos.
Berlin, das Eldorado des Tangos
Viele internationale Profis machen hier Halt, einfach um hier zu sein und zu tanzen. Die Tanzschulen haben sich in den letzten Jahren professionalisiert. Zunehmend kommerzialisiere sich die Szene. Dennoch vertraut er darauf, dass sich Qualität durchsetzt. Er möchte viele Leute für den Tango begeistern, um ihnen zu zeigen, dass er eine lebendige Kultur ist. Es wäre schade, wenn der Kommerz Überhand nähme. Die Szene lebe davon, dass es fluktuiert, dass alle überall hingehen, dass Schüler an verschieden Schulen lernen, dass jung und alt sich auf den Milongas mischen. Für Thomas ist Tango ein soziales und ein emotionales Erlebnis. Was er sucht, wenn er selbst tanzt? Geschlossene Tanzhaltung, schöne Musik, guten Tanzboden.
