Tanja Kinkel: Das Spiel der Nachtigall

Großes Mittelalterepos um Walther von der Vogelwei - Droemer / Knaur Verlag
Großes Mittelalterepos um Walther von der Vogelwei - Droemer / Knaur Verlag
Mit "Das Spiel der Nachtigall" hat Tanja Kinkel einen großen Roman über Walther von der Vogelweide und den Minnesang geschrieben. Eine Buchbesprechung.

Ursprünglich war der Minnesang ja eine vollkommen keusche lyrische Gattung, geprägt durch äußerst unschuldige Gedanken wie die Verehrung einer Frau. Am Ende des 12. Jahrhunderts änderte sich das durch einen jungen Minnesänger, der geradezu eine literarische Revolution anzettelte und damit das Heilige Römische Reich Deutscher Nation prägte.

Walther von der Vogelweise und das Wort

Die Rede ist von Walther von der Vogelweide. Er ist ein junger Mann aus einfachen Verhältnissen und hat verstanden, dass das Leben nicht nur durch die Herkunft bestimmt wird, dass Reichtum und hohe Geburt nicht die einzigen Möglichkeiten sind, Einfluss auf die Geschicke anderer Menschen und das eigene Leben zu nehmen. Er hat erkannt, welche Macht Worte haben. Richtig eingesetzt und in Form gebracht vermögen sie einiges: Man kann eine Frau damit für sich einnehmen, sich für einen Regenten interessant machen oder aber auch das geschliffene Wort als Waffe einsetzen.

Bruch mit allen Konventionen

Es klingt unrealisitisch und ist dennoch wahr: Walther von der Vogelweise nimmt kein Blatt vor den Mund und tut damit etwas, was für die damalige Zeit, in der Adel und Klerus als unanfechtbar galten, eigentlich unmöglich ist. Er verspottet Fürsten und prangert die Machenschaften der Kirche an. Er weiß auch seine Liebe zu den Frauen in Worte zu kleiden und nimmt dem Minnesang seine prägenste Eigenschaft: Seine Unschuld. Und: Er hat Erfolg damit. Jeder Fürstenhof will ihn haben und er wird zum begehrtesten Minnesänger seiner Zeit. Man nennt ihn nur noch "Die Nachtigall".

Walther von der Vogelweide und die Frauen

Aber auch ein Mann mit solch einer spitzen Zunge wie Walther von der Vogelweide ist gegen die Liebe nicht gefeit. Mit der Jüdin Judith stellt ihm Tanja Kinkel die Frau seines Lebens an die Seite. Es wird kein harmonischer gemeinsamer Weg, sondern ein Leben, in dem sich die beiden immer wieder über den Weg laufen und ihre Begegnungen einerseits zu einer Quelle gegeseitiger Inspiration, anderseits zur Ursache ewiger Streitereien werden. Denn Judith fügt sich nicht in die Rolle der typischen jüdischen Frau zu dieser Zeit. Sie will nicht darauf warten, passend verheiratet zu werden, sondern erfüllt sich entgegen aller Widrigkeiten ihren größten Wunsch: Sie studiert an der Universität als eine der wenigen Frauen Medizin und wird Ärztin.

Die Welt verändern

Walther und Judith haben dasselbe Ziel: Sie wollen die Welt zum Besseren verändern, wollen die Gesellschaft von denen befreien, die andere unterdrücken. Dabei benutzt jeder sein Handwerkszeug: Walther das geschliffene Wort, Judith ihre Heilkunde und ihr Wissen. Damit verfolgen sie ein gefährliches Vorhaben, denn sie befinden sich in einer Welt, in der die Gedanken nicht frei sind und für Adel und Klerus unbequeme Äußerungen den Tod bedeuten können. Werden der Minnesänger und die junge Ärztin ihre Ziele erreichen oder werden sie das Spiel mit dem Feuer verlieren?

Große Geschichte und große Figuren

Tanja Kinkel hat mit Das Spiel der Nachtigall ein großes Epos über eine Zeit voller Umbrüche geschrieben. Der Dichter Walther von der Vogelweide war einer der größten Männer seiner Zeit und beim Leser des Romans hat man die Möglichkeit, hinter dem Minnesänger auch den Menschen zu entdecken, ihm hinter die Fassade zu blicken und seine Motive zu ergründen. Ebenso gelungen ist die Figur der jungen Ärztin Judith - auch sie empfindet der Leser als absolut dreidimensional und realistisch - wüüsste man es nicht besser, man würde als Leser nicht bemerken, dass Judith im Gegensatz zu Walther von der Vogelweise eine fiktive Romanfigur ist.

Kein Roman für zwischendurch

Das Spiel der Nachtigall ist ein großer Roman, den man sich als Leser aber erarbeiten muss. Für Liebhaber der Minnedichtung und historisch interessierte Leser ist das Buch ein Leckerbissen. Es ist mitreißend und sehr farbenprächtig, aber dabei sehr anspruchsvoll. Es ist kein Roman, den man zwischendurch zur Entspannung liest, sondern eine Geschichte, auf die man sich einlassen muss. Tanja Kinkel hat sehr gut recherchierte Fakten mit einer von ihr erfundenen Geschichte zu einem großartigen Ganzen verwoben. Herausgekommen ist dabei Das Spiel der Nachtigall, ein Roman, so geschliffen und eindringlich wie Walther von der Vogelweides Minnelieder.

Leseempfehlung: Kinkel, Tanja: Das Spiel der Nachtigall. Droemer / Knaur Verlag 2011. 928 Seiten. 24,99 Euro.

Bildnachweis: Droemer / Knaur Verlag

Ein herzliches Dankeschön für das Rezensionsexemplar geht an den Droemer / Knaur Verlag.

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