
- Tanja Langer: Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit - dtv
Zwei historisch verbürgte Personen, eine von ihnen der Dichter Heinrich von Kleist, haben sich verabredet, um gemeinsam zu sterben. Es soll „der heiterste Moment“ ihres Lebens werden. Die Autorin hat die vorhandenen Quellen, Briefe, Gerichtsakten, Zeugenaussagen studiert und versucht, durch einfühlende Erfindung die Leerstellen zu füllen, die diese Entscheidung zum Doppelselbstmord notwendig bereithält. Was haben die beiden in ihrer letzten Nacht vor der Tat gemacht, gedacht, gefühlt?
Ein Doppelselbstmord, der bis heute Rätsel aufgibt
Tanja Langer nähert sich diesem schwierigen Unterfangen auf subjektivem Weg: Sie wohnt seit einigen Jahren nicht weit von der Stelle am Kleinen Wannsee, wo Kleist am Nachmittag des 21. November 1811 Henriette Vogel erschossen hat und gleich darauf sich selbst. Genau eintausenddreihundertzwölf Schritte sind es von ihrer Wohnung bis zum Kleistgrab, sie hat das mehrmals getestet, denn sie läuft oder rudert oder fährt mit dem Rad oft an dieser Stelle vorbei. Einst war es eine Kiesgrube unter Kiefern mit Ausblick auf den See, unweit des Gasthofs Stimming, den es nicht mehr gibt. Dort hatten der adelige Dichter und die bürgerliche Hausfrau und Mutter die letzte Nacht ihres Lebens verbracht, in zwei durch eine Tür verbundenen Zimmern. Was, fragt Langer, ging da wohl vor, was mochte diese beiden zum Sterben Entschlossenen bewegt haben in diesen letzten Stunden? Sie nennt sie beim Vornamen, Heinrich und Henriette, denn es ist eine sehr private Geschichte, die sie erzählt, wenn auch einiges von den politischen und kulturellen Verhältnissen der Zeit mit aufgenommen wird.
Heinrich von Kleist und Henriette Vogel: Die letzte Nacht am Kleinen Wannsee
Es beginnt mit der Kutschfahrt von Berlin Mitte, wo beide wohnten, hinaus zum Wannsee und der Ankunft der seltsamen Berliner Herrschaften im Gasthof. Henriette hat einen Picknickkorb voller Brot, Käse und Wein mitgebracht, er drei Pistolen. Seine Dramen sind nicht erfolgreich gewesen, seine Zeitungsprojekte gescheitert, die Schwester hat ihm schwere Vorwürfe gemacht, Geld hat er keins. Sie hat ihre Tochter Pauline bei einer Freundin zurückgelassen, das einzige Kind, das ihr blieb von vieren, die sie geboren hat. Zeit, überzugehen in ein anderes, besseres Leben. In Heinrich hat sie einen Seelenverwandten gefunden, so wie er in ihr, gemeinsam stirbt es sich schöner, daran glauben beide.
Und doch gibt es Zweifel in dieser unruhigen Nacht, ob man es nicht doch noch einmal mit dem Leben versuchen könnte. Dieses Hin und Her zwischen den Zimmern, zwischen den Stimmungen, zwischen den Gesprächen der letzten Nacht und den Rückblenden auf zuvor Erlebtes bestimmen den Verlauf der Erzählung. Da der Leser von Anfang an weiß, wie sie ausgehen wird, richtet sich das Interesse auf das Warum: Was hat diese beiden erst 31 und 34 Jahre alten Menschen dazu gebracht, ihrem Leben ein Ende zu setzen und dieses Ende so sinnfällig zu inszenieren?
Tanja Langer imaginiert Seelenzustände
Die Autorin behauptet nicht, dass es so war, sie lässt Spielraum für Möglichkeiten. Dies alles könnte Motiv gewesen sein: Bei Heinrich der frühe Verlust der Eltern, der verhasste Stumpfsinn während seiner der Militärzeit, sein Misserfolg als Autor, das Scheitern aller seiner Lebensentwürfe. Bei Henriette das Schicksal der unverstandenen Ehefrau, die jährlichen Geburten, der untreue Ehemann, ihre ruinierte Gesundheit. Ein Konglomerat von Gründen auf beiden Seiten, zwei sensible Charaktere, die nicht in ihre Zeit passen und sich herausnehmen, wenigstens im Tod selbstbestimmt zu triumphieren: „Und Henriette sieht, es gibt nur einen einzigen Ort für ihn und sie, an dem sie glücklich sein können und vereint.”
Kleistjahr 2011
Diese Zuversicht, das Kippen der Stimmung, die heitere Entschlossenheit schließlich, all dies umkreist die Erzählung auf sensible Weise und lässt doch vieles weiter in der Schwebe. Erst hundert Jahre später rücken Kleists Stücke und Novellen in den Kanon der Klassiker auf. Und noch einmal hundert Jahre später, im Kleist-Jahr 2011, sind Menschen fasziniert vom Werk dieses genialen Autors, widmen ihm Theater-Events und Ausstellungen und interessieren sich für die Hintergründe seines Todes. Tanja Langer hat ihm in dieser Erzählung eine ebenbürtige Partnerin zur Seite gestellt, sie hat aus der Nebenfigur Henriette Vogel einen gleichermaßen wichtigen und komplexen Charakter gemacht. Am Ende der Lektüre bleibt das Gefühl: Ja, so könnte es gewesen sein – oder vielleicht war es doch ganz anders?
Tanja Langer: Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit. Die letzte Nacht von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist. dtv 2011. Klappenbroschur, 240 Seiten. 9,90 Euro.
