Martin Bélanger steht auf der Bühne und beschreibt seine Arbeitsweise als Choreograf: Wie den Zeiger einer Uhr lässt er seine Hand hin- und herticken, der Kopf macht die Bewegung mit, setzt aus und wieder ein. „Das sieht einfach aus, ist es aber nicht. Probieren Sie es mal aus“, sagt der Tänzer zum Publikum. Es geht um einfache, isolierte Bewegungen, die sich aneinander reihen. Bélanger hält sich die Augen zu; der Tanz soll von Innen kommen, ohne der skeptischen Prüfung durch das eigene Spiegelbild ausgesetzt zu sein. Der Tänzer kriecht über den Boden, sucht mit den Augen nach einem imaginären Punkt, windet sich. Das Licht geht aus und wieder an, zeigt Momente einer Bewegung. Authentizität bedeutet hier letztlich gebrochen und klein zu sein.
Langwierige Wiederholung
„Demonstration No.I“ ist der Titel des Stücks mit dem die kanadischen Tänzer und Choreografen Daniel Léveillé und Martin Bélanger ihr dreiteiliges Gastspiel im Münsteraner Theater im Pumpenhaus eröffneten. Isolation und Wiederholung scheint Programm zu sein, denn auch Louise Bédard zeigt in „Les traces No. II“, einer Choreografie von Daniel Léveillé, immer wieder dasselbe. Mit zuckendem Oberkörper, bebenden Händen und fliegenden Haaren hockt die Tänzerin vor einer nackten Neonröhre und ist wie von Stromschlägen gepeinigt. Dabei lässt sich inhaltlich weder eine Steigerung der Bewegungssequenzen noch ein Sinnzusammenhang ausmachen. Auch tut sich in diesem wenig originellen Stück, das zunächst ohne Musik auskommt, keine besondere Ästhetik auf. Dass Léveillé die Tänzerin schließlich wie aufgezogen auf Zehenspitzen durch den Raum trippeln lässt, verleiht der Choreografie immerhin eine gewisse Ironie, die sich jedoch durch quälende Wiederholung schnell wieder abschwächt.
Musik, in den Boden gestampft
Eine Wohltat dagegen die dritte und letzte Produktion des Abends, „Le sacre du printemps“. Daniel Léveillé interpretiert den Klassiker auf seine Art, indem er die Struktur der Musik durch Bewegung wirkungsvoll unterstreicht. Vier Tänzer in schlichten Hosen und mit nackten Oberkörpern stampfen Stravinskys Takt gewaltsam in den Boden, setzen Akzente durch kleine Sprünge und Drehungen. Dabei teilen sich die Tänzer immer wieder in Paare auf und verdeutlichen so verschiedene Klangebenen der Musik. Inhaltlich wird die Geschichte um das archaische Frühlingsopfer nur angedeutet, etwa, wenn die Tänzer wiederholt zu einer unsichtbaren Gottheit gen Himmel blicken, wenn sie sich mit der bloßen Hand imaginäre Nahrung in den Mund schaufeln oder ihre rituellen Kreise ziehen, denn auch hier, wie wohl in fast allen Sacre-Choreografien ist der Tanz wiederholt kreisförmig angelegt. Das ist aber auch alles, was Léveillés Stück mit anderen gemein hat. Wer geopfert werden soll, lässt sich zwar erahnen, ist aber zweitrangig. Dafür sind Wiederholung und zwanghafte Mechanismen hier mit Bedeutung gefüllt, ja, gehören gleichsam organisch zum Wesen dieser spannenden, musikalischen Choreografie.
