Tanz der Stare

Millionen Vögel versammeln sich zu abendlichen Formationsflügen

Wenn sich Tausende und Abertausende von Staren zu einer einzigen furiosen Wolke vereinen, dann wird es still unter den Menschen, die gebannt in den Himmel starren.

Die Formationsflüge der Stare ähneln einem Tornado, der immer ärgerlicher wird, ab und zu nach unten abbricht, sich kurzzeitig in die Breite ausdehnt, um sich dann wieder zu einem immer enger werdenden Trichter zusammenzuziehen.

Wer genau hinsieht, wird entdecken, dass die Flügelschläge jedes einzelnen Vogels synchronisiert sind. Selbst bei den zackigen Richtungsänderungen oder plötzlichen Breitenbewegungen fällt keiner aus der Reihe.

Das Schauspiel, das sich während der kalten Jahreszeit an den Überwinterungsplätzen der Stare in Ländern wie Großbritannien, Amerika oder Algerien vollzieht, findet im Sommer auch in Städten wie Berlin oder Rom statt.

Einheimische und Zuwanderer vollführen gemeinsam einen abendlichen Zauber

Die etwa 40 000 Stare, die sich in Brighton versammelt haben, sind teilweise sesshaft, teilweise sind sie aus Skandinavien, Russland und Deutschland eingezogen, um die „Locals“ in ihren Flugformationen zu verstärken. Ein paar Millionen Stare ziehen jedes Jahr nach Großbritannien, um hier zu überwintern. Diese Schwärme mögen zwar massiv erscheinen, aber die einheimische Starpopulation der Insel ist in den letzten 40 Jahren um 82% geschrumpft. Die moderne Landwirtschaft und die Trockenlegung von Feuchtgebieten stecken hinter diesen schrumpfenden Zahlen.

Seit gut 20 Jahren übernachten die Vögel unter dem Brighton Pier, nachdem die Bäume, die ihnen nachts Schutz boten einem Sturm zum Opfer fielen. Die Vögel fanden an der alten Kaizunge Unterschlupf, bis diese von einem Feuer vernichtet wurde. Sie mussten wieder umziehen und kamen schließlich zum Westpier. Wer Abends über den Pier läuft, hört ihr ständiges Geplapper. Stare, die besten Imitatoren unter unseren einheimischen Vögeln, sind sehr kommunikative Vögel. Sollte man auf dem Pier plötzlich das Gefühl haben ein Mobiltelefon unter seinen Füßen klingeln zu hören, dann könnte es sich durchaus um einen Star handeln.

Die dramatischsten abendlichen Darbietungen erleben Besucher des Piers, wenn sich ein Greifvogel in der Nähe befindet und wen das Wetter gut ist. Kurz vor Sonnenuntergang bieten die Flugkünstler dann ihre Formationsflüge dar, bis sie dann mit Einbruch der Dunkelheit ihre Schlafplätze aufsuchen. Warum sich Stare überhaupt in solch riesigen Formationen zusammenfinden und scheinbar nutzlos am Himmel ihre Flugspiele vollziehen, ist bis heute umstritten.

„Safety in Numbers“ – je größer der Schwarm, desto geringer die Gefahr

Der Schwarm bietet den Vögeln Sicherheit – darüber sind sich alle Wissenschaftler einig. Der Schwarm ist zwar äußerst sichtbar, aber Greifvögel schaffen es nicht, sich auf einen einzelnen Vogel im Schwarm zu konzentrieren – trotz ihres guten Sehvermögens. Sie werden konfus, verlieren die Orientierung und bei der Geschwindigkeit, in der der Schwarm fliegt, droht ihnen die Gefahr im Schwarm eingeschlossen zu werden, mit einem Vogel zusammen zu stoßen und sich das Genick zu brechen. Der Falke muss ein Objekt isolieren können, um es zu schlagen. Sollte ihm das gelingen, dann hat der einzelne Star kaum eine Chance zu überleben.

Die stärksten Gruppenmitglieder, d.h. männliche, erwachsene Stare fliegen meist in Innersten der Schwarms, die Schwächeren weiter außen. Bis zu einer Million Stare hat man anscheinend schon in einem einzigen Schwarm beobachtet.

Es besteht auch die Möglichkeit, dass sich die Tiere zu solchen großen Gruppen vereinen, weil es ihnen sonst kalt wäre. Dieses Argument scheint allerdings nicht zu halten, wenn man sich die Sommerschwärme in Berlin oder Rom ansieht.

Reaktionsschnelle und gute Augen sind gefragt

Wie die Synchronisation in der Luft funktioniert, ist noch nicht genau erforscht. Von Fischen ist bekannt, dass sie ein Sinnesorgan besitzen, das Druckreize wahrnimmt. Mit diesem sog. Seitenlinienorgan können sie im Schwarm die Distanz zu ihren Nachbarn messen. Vögeln fehlt ein solches Organ – Druckempfinden wird bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie sich hauptsächlich visuell orientieren.

Stare sehen sehr gut – sie beobachten im Schwarm die anderen sehr genau und reagieren äußerst schnell auf die Flugbewegungen ihrer Nachbarn. Die Vögel bewegen sich in Richtung des Mittelpunkts derer, die sie in ihrem Umfeld sehen. Sie bewegen sich von ihnen weg, sobald diese ihnen zu nahe kommen, aber zielen immer in etwa in die gleiche Richtung wie ihre Nachbarn. Sobald sich eine Richtungsänderung ankündigt, können die Vögel, die etwas weiter weg fliegen, diese schon vorausahnen – so erklärt sich die unglaubliche Schnelle ihrer Luftfiguren. So können von jeder beliebigen Stelle aus Richtungsänderungen vorgegeben werden, die sich dann in Wellenform ausbreiten. Eine Kommandozelle gibt es also nicht. Durch Laute können sich die Flugakrobaten auch nicht verständigen, denn bei diesen temporeichen Variationen geht ihnen wirklich die Luft aus.

Telepathie?

Der Biologe Edmund Selous (1857-1934) versuchte sein ganzes Leben lang die Formationsflüge der Stare zu verstehen. Er meinte am Ende, dass die Gedankenübertragung die einzig mögliche Erklärung sei für die einzigartige Synchronisation des Schwarms. Man sollte glauben, dass diese Idee der Telepathie unter Biologen heute nur noch belächelt wird, aber der Zoologe Iain Couzin von der Universität in Princeton griff Selous Vorschlag in einem Artikel in der Fachzeitschrift Nature wieder auf. Der abendliche Tanz muss etwas mit Informationsaustausch zu tun haben, denn sonst wäre er schwer zu erklären, argumentiert Couzin.

Teilen sich Stare ähnlich wie Bienen im ihrem Tanz gute Nahrungsquellen mit?

Couzin bestreitet nicht, dass das Individuum in der Gruppe Schutz findet, aber er weist auch darauf hin, dass es immer wieder zu falschem Alarm in solchen Schwärmen kommt. Alle Vögel fangen dann an schneller aufzusteigen oder abzusinken, obwohl keine Gefahr droht. D.h. der Gruppenschutz ist nicht ganz kostenlos.

Wichtige Informationen aber, wie die besten Nahrungsquellen in der Umgebung und die gefährlichsten Orte, etwa die Rastorte der Greifvögel, werden manchmal nur von einigen wenigen Gruppenmitgliedern entdeckt, aber an alle weitergegeben. Es könnte sein, dass während der Flüge ein Informationsaustausch stattfindet, a la „dort unten entlang dieser Straße gibt es viel zu essen“. Ähnlich wie die Bienen in ihrem Schwänzeltanz könnten die Stare in ihren Flugformationen die Lokalität einer Nahrungsquelle beschreiben. Dies bleibt jedoch Spekulation, es gibt noch keinen wissenschaftlichen Beweis für diese These.