Tanztheater zwei Jahre nach dem Tod von Pina Bausch (Interview)

Robert Sturm - Hw. Kruse
Robert Sturm - Hw. Kruse
Zum zweiten Todestag von Pina Bausch: Interview mit Robert Sturm, einem der künstlerischen Leiter, zur Situation und Zukunft des Wuppertaler Tanztheaters

Robert Sturm ist neben dem Tänzer Dominique Mercy einer der künstlerischen Leiter des Wuppertaler Tanztheaters. Er sprach mit mir über die Arbeit und die Zukunft der Bühne zwei Jahre nach dem Tod von Pina Bausch.

Hw. Kruse: Wie ist die Arbeit ohne Pina?

Die Arbeit ohne Pina war natürlich vor ihrem Tod nicht wirklich ein Thema. Aber als sie nicht mehr da war, hat sich herausgestellt, dass wir auf diese Situation eigentlich besser vorbereitet waren als wir dachten, wir sahen, dass es doch weiter geht.

Wir hatten bereits arbeitsteilige Strukturen herausgebildet, auf denen wir aufbauen konnten und es gab die kleinen Teams, welche die Stücke sehr gut im Griff haben. Schon vorher arbeiteten in Proben und auf Gastspielen einzelne Assistenten gelegentlich alleine mit den Tänzern.

Wir mussten nicht bei Null anfangen, das war schon sehr überraschend!

Hw. Kruse: Wie sehen Sie die Situation heute?

Ich lehne mich mal zurück und sage: überraschend gut. Es ist ganz faszinierend, mit welcher Kraft und Verantwortung jeder hier im Tanztheater konzentriert das Maximum aus sich herausholt. Niemand ist bisher gegangen, ich habe sehr viel Respekt vor allen Mitarbeitern und Kollegen.

Und ganz toll und wichtig ist das Publikum, sowohl in Wuppertal als auch überall bei den Tourneen, wir spüren eine Begeisterung in der mitschwingt, „Macht weiter!“.

Hw. Kruse: In den letzten Jahren wurde in den Stücken wieder mehr getanzt…

Pina sagte, der Tanz kommt, wenn Worte nicht mehr reichen. Auch die Compagnie hat sich geändert, für manche ist der Tanz wieder eine stärkere Ausdrucksform und die Zeit hat sich auch verändert. Pina hat sich immer neu die Frage gestellt, was braucht unsere Zeit, muss man mehr weinen, muss man mehr lachen, braucht man mehr Schönes? Ich glaube, da war sie immer zeitgemäß.

Je weniger das Schöne um uns herum wurde, um so mehr hat Pina, glaube ich, den Wunsch gehabt das Schöne auf der Bühne zu zeigen. Aber ich ziehe gar keine so scharfe Grenze zwischen den „alten“ und den „neuen“ Stücken. Für Pina gab es ja nie nur das Eine oder das Andere, in keinem der Stücke…

Das alles war eine Entwicklung, ihr Blick auf die Welt hat sich verschoben. Ich denke, sie hätte diese Tendenz auch weiter geführt, aber das Szenische und Collagenhafte wäre sicher die Grundstruktur geblieben… (lacht) Aber das ist reine Spekulation, Pina hatte jedenfalls viel Freude an der Arbeit mit den jungen Leuten, die auch so gerne tanzten.

Hw. Kruse: Wie sieht die Zukunft des Tanztheaters aus? Konservieren Sie die Stücke oder kann eine neue Choreografin kommen?

Das ist eine schwere und sensible Frage: Nach Pina Bausch, was kann da kommen? Natürlich denken wir darüber nach, aber es ist noch zu früh darüber zu sprechen. Wir wollen nicht zum Museum werden, denn jede Compagnie braucht den kreativen Prozess und die Möglichkeit etwas Neues anzufangen. Aber Pina war schon der Magnet in der Mitte, der Grund warum wir alle hier sind, gerade die Tänzer aus 17 Ländern!

Der Hauptinhalt unserer Arbeit ist im Moment, dass Pinas Werk lebendig bleibt. Dafür unterstützen uns die Stadt Wuppertal und das Land NRW. Das Faszinierende ist ja auch die Frische der Stücke, die nichts von ihrer Kraft und Lebendigkeit eingebüßt haben.

Hintergrund

  • Seit den 80er-Jahren unternimmt die Compagnie des Wuppertaler Tanztheaters Tourneen in alle Welt und berührt die Menschen in anderen Ländern und Kulturen. Sowohl die Gastspiele als auch die jährlichen 30 Vorstellungen in Wuppertal sind immer ausverkauft.
  • Zur Olympiade im nächsten Jahr zeigt das Tanztheater in London 10 Stücke, die in internationalen Kooperationen entstanden, darunter auch „Como El Musguito“. Im Sinne des olympischen Gedankens wurden diese Werke noch von Pina Bausch ausgesucht.
  • Mit Unterstützung der Stadt Wuppertal und des Landes Nordrhein-Westfalen ist die Zukunft der Compagnie für die nächsten Jahre gesichert. In zwei Jahren gibt es das Tanztheater 40 Jahre und Robert Sturm hofft darauf, „dass wir dann etwas Besonderes machen“.
Hanswerner Kruse, Privat

Hanswerner Kruse - Hanswerner Kruse, 63 Jahre alt mit abwechslungsreichem Lebenslauf: * Hauptschule, Feinmechanikerlehre, Abitur * Arbeit als ...

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