Kurz vor ihrem Konzert in München gab Tarja Turunen, die ehemalige Sängerin von Nightwish, Tanja Lugert von suite101.de ein Interview.
Lugert: Sie leben in Argentinien, ist es schwierig sich ständig zwischen zwei Kulturen zu bewegen?
Turunen: Mein Mann stammt ja aus Argentinien. Deshalb habe ich mich entschieden nach Südamerika zu gehen. Trotzdem bin ich oft in Finnland. Es ist ein großer Unterschied. Finnland ist einfach zu ruhig. Wenn man morgens aufsteht, weiß man schon wie der Tag wird, es ist oft einseitig und monoton. Buenos Aires ist da vollkommen anders. Hier weiß man oft nicht, was die nächste Minute bringt, das lateinamerikanische Leben ist voller Überraschungen. Ich liebe es! Vor allem die Gegensätze: Finnland ist immer kalt, in Argentinien gibt es einen richtigen kalten Winter, einen traumhaften Frühling. Man lebt hier einfach intensiver.
Lugert: Tanzen sie Tango?
Turunen (lacht): Nein, zumindest keinen Argentinischen. In Finnland wird auch Tango getanzt, aber eine ganz andere Form. In der Hochzeit des argentinischen Tangos in den 50er und 60er Jahren wurde er noch auf den Straßen getanzt. Aber er ist melancholisch geworden. Die Argentinier leiden sehr unter der Wirtschaftskrise, da vergeht ihnen die Lust an leidenschaftlichen Tänzen. Trotzdem liebe ich dieses Land, die Menschen dort geben niemals auf. Das muss das südamerikanische Blut sein.
Lugert: Wie verträgt sich eine klassische Sopranstimme mit Heavy Metal?
Turunen: Es war ein Experiment, das sich letztlich als erfolgreich erwiesen hat. Die Zeit war reif dafür. Es liegt daran, dass ich ein sehr offener Mensch bin und die Musik liebe. Ich mag es auszuprobieren, wie weit man gehen kann. Dazu kommt, dass ich nie Gothic machen wollte. Klassische Musik habe ich davor schon gemacht, aber in Verbindung mit Heavy Metal, die Kombination hat mich sehr gereizt. Der Erfolg der Konzerte und die hunderttausende Alben, die wir verkauft haben, haben uns Recht gegeben.
Lugert: War es schwer, sich als Frau in der Heavy-Metal-Szene durchzusetzen?
Turunen: Als ich angefangen habe auf jeden Fall. Eine Frau, die Heavy Metal singt und noch dazu eine klassische Ausbildung genossen hat, das war damals fast eine Sünde. Die männlichen Kollegen haben sich sehr schwer mit mir getan. Das Schlimmste für sie war, dass wir Erfolg hatten. Aber mein Kollege Tuomas hat mir geholfen. Manchmal war ich sehr unglücklich mit der Situation, vor allem bei Veranstaltungen, bei der viele Künstler auftraten. Ich war einsam unter all den Männern. Mir hat dann geholfen, bei meiner Mutter anzurufen, sie hat mir immer wieder Mut gemacht. Heute ist es leichter. Ich bin sehr stolz, dass ich dazu beigetragen habe, jungen Frauen den Weg in diesem Metier zu ebnen.
Lugert: Vermissen Sie die Zeit mit Nightwish?
Turunen: Nein, eigentlich nicht. Es war eine schöne Zeit und doch habe ich als Solokünstlerin ganz andere Möglichkeiten. Damals durfte ich nicht meine eigenen Stücke komponieren. Heute sind alle Stücke von mir und ich kann das Kreativteam nach meinen Vorstellungen lenken. Ich bin kein Diktator und es ist oft eine lustige Runde, wenn wir ein regelrechtes Brainstorming machen. Welche Stücke kommen auf das neue Album, wie gelungen sind die Kompositionen, es macht sehr viel Spaß. Die andere Sache ist die Einteilung. Nach der Tour zu „My Winterstorm“ arbeite ich weiter an dem neuen Album, dazwischen habe ich Zeit meine klassischen Wurzeln zu leben. Im Dezember 2009 gehe ich in Finnland auf „Christmas Tour“, singe in Opern und kann meine Stimme schulen.
Lugert: Bei so einem vollen Terminkalender – bleibt da Zeit für Privatleben?
Turunen: Ja, ich genieße jede freie Minute! Lachen Sie nicht, aber ich bin eine leidenschaftliche Hausfrau. Wenn ich frei habe, dann putze und koche ich wie jede andere Frau. Am liebsten bin ich im Garten und male. Ich schätze es, wenn man etwas von mir sehen kann, das ich mit eigenen Händen geschaffen habe. Ich esse sehr gerne. Gutes Essen ist eine „Passion“ von mir. Oft koche ich mit meinem Mann zusammen. Auch Gesundheit ist mir sehr wichtig. Deshalb ist Privatleben für mich eine Art Therapie.
Lugert: Wie ist es mit Ihrer Familie? Wünschen Sie sich Kinder?
Turunen: Das ist sehr kompliziert. Ich bin ständig unterwegs und liebe meine Musik über alles. Mein Mann macht einen Großteil meiner Familie aus. Als Manager begleitet er mich überall hin. Aber auch mein Vater und mein Bruder sind oft bei mir. Finnland ist weit entfernt, aber es gibt ja Skype, so kann man immer reden. Sehr schlimm war es für mich, als meine Mutter vor drei Jahren gestorben ist, ich habe einen sehr wichtigen Teil meines Lebens verloren, einen sehr großen Halt. Ich vermisse sie heute noch oft. Ich bin in ein sehr tiefes, emotionales Loch gefallen. Die Musik hat mir am Ende geholfen wieder hinaus zu finden.
Lugert: Haben Sie vielleicht ein kleines Geheimnis, das Sie Ihren Fans verraten möchten?
Turunen: Ich habe eins, aber das wird an dieser Stelle nicht verraten. Die Fans werden sich bis zu den Konzerten gedulden müssen, dann werde ich es enthüllen. Es wird ein „Knaller“.
Lugert: Sie kommen genau zum Oktoberfest nach München, werden Sie die Gelegenheit nutzen?
Turunen: Leider nein, ich habe kein Dirndl und noch weniger Zeit! Der Terminkalender ist sehr voll. Ich bin auch nur für ein paar Stunden in München und fahre dann nach Ingolstadt weiter. Mein Bruder hat mich schon geärgert, er kommt auch mit und wird mit Freunden auf das Oktoberfest gehen, allerdings hat er mir versprochen etwas mitzubringen.
Lugert: Ich danke Ihnen für das Interview, viel Glück für die restliche Tour.
