Antoine, ein geschiedener Mittvierziger, lädt seine Schwester zu ihrem vierzigsten Geburtstag auf die Halbinsel Noirmoutier ein, wo sie früher, als sie noch Kinder waren, ihre Ferien verbracht haben. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, und doch wird beiden bewusst, wie sie sich gegen die Erinnerungen sträuben. Auf der Rückfahrt will Melanie ihm gerade etwas Wichtiges sagen, als sie einen Unfall haben – plötzlich liegt sie schwer verletzt im Krankenhaus und kann sich nicht mehr erinnern, was ihr auf der Zunge lag. Antoine, der unverletzt geblieben ist, pendelt zwischen seinem bisherigen Leben, den eigenen Wünschen und der Vergangenheit hin und her. Er muss herausfinden, was vor 30 Jahren wirklich geschehen ist – damals, als seine Mutter starb. Bei der Reise in seine Kindheit entdeckt er alte Liebesbriefe und stößt bei seinem Vater auf eine Mauer des Schweigens, ebenso wie bei der Großmutter. Antoine erinnert sich an die Gefühlskälte der Großeltern, an ihren Perfektionismus und an die Veränderung, die in der Familie vor sich ging, als seine Mutter starb.
Familiengeheimnisse und Probleme
Antoine redet auf Melanie ein, er drängt darauf, dass sie sich daran erinnert, was sie ihm so Wichtiges sagen wollte – es hängt mit einer alten Kindheitserinnerung zusammen, mit einem Bild der geliebten Mutter. Ein Geheimnis rankt sich um diese schöne, gefühlvolle Frau, die niemals so ganz in die Familie seines Vaters passte. Was ist tatsächlich geschehen – wie ist sie gestorben? Mit der Unterstützung seiner neuen Freundin Angèle findet Antoine immer mehr Dinge heraus, die Jahre lang vor ihm verborgen geblieben sind. Angèle ist Leichenkosmetikerin, eine gleichzeitig sinnliche und lebenstüchtige Frau, die ihm „gut tut“, wie seine Schwester Melanie bemerkt. Dazu kommen die Probleme mit seiner Exfrau, von der er sich innerlich noch nicht gelöst hat, und mit seinen drei pubertierenden Kindern. Antoine spürt immer deutlicher, dass er das Rätsel um seine Mutter auflösen muss, um über sich selbst besser Bescheid zu wissen. Mit der Zeit verrennt er sich jedoch in die Dringlichkeit seiner selbst gesetzten Aufgabe und hört nicht mehr auf seine Schwester, die Antoine vor seiner eigenen Verachtung gegenüber Vater und Großmutter warnt.
Die Macht der Vergangenheit
Alle scheinen besser über die Vergangenheit Bescheid zu wissen, als er selbst – alle verheimlichen ihm etwas. Nur langsam gewinnt Antoine wieder ein wenig Macht über das eigene Leben und den Wunsch, das Geheimnis seiner Mutter zu enthüllen. Mit aller Verbissenheit forscht er weiter und drängt immer wieder in seine Schwester, die sich endlich daran erinnert, was sie ihm auf der Fahrt sagen wollte. Auf einmal fügen sich ihre und seine Erinnerungsstücke ineinander.
Tatiana de Rosnay hat einen eindringlichen, psychologisch fein ausgetüftelten Roman voller hintergründiger Spannung geschrieben, der vor dem Hintergrund der französischen Atlantikküste spielt. Die Insel Noirmoutier, die früher nur bei Niedrigwasser einen Übergang zum Festland hatte, kann man als Symbol für die Unzugänglichkeit der Erinnerung sehen – oder auch für die streckenweise Einsamkeit der einzelnen Menschen.
Tatiana de Rosnay: Bumerang. Bloomsbury Berlin, 384 Seiten, 19.90 Euro. ISBN 978-3-8270-0865-7
