"Tatort" am Ostersonntag – "Tango für Borowski"

Axel Milberg, Kripo Kiel und Mörder in finnische Wälder verlegt

Axel Milberg alias Klaus Borowski - ARD / NDR
Axel Milberg alias Klaus Borowski - ARD / NDR
"Tatort" Ostern: Weite finnische Wälder, einsame Seen, raue Gesellen, alte Autos, Tangotänzerinnen, taghelle Nächte. Jedoch: Kein Deutscher Fernseh-Krimi-Preis.

"600 Kilometer geradeaus und dann rechts", soll das ein Witz sein? Fernseh-Tatort-Kommissar Klaus Borowski kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: Schier endlos dehnen sich die finnischen Wälder in Nordkarelien, gelegentlich unterbrochen von einem einsamen See. Kein Haus, kein Gasthaus, kein Ort, nichts.

Axel Milberg in einer Paraderolle des "Tatort"

Der vermutlich kauzigste Mordkommissar der ARD-Serie "Tatort" findet bei seinem beruflichen Abstecher nach Finnland eine herbe, schöne und weite Landschaft vor, die fast besser zu ihm passt als sein schleswig-holsteinisches Umfeld zuhause in Deutschland. Auch die finnischen Menschen, denen Klaus Borowski alias Axel Milberg begegnet – andere Kommissare, Polizisten, potenzielle Täter, Prostituierte und charmante Tangotänzerinnen mitten in der Einöde – können es an schriller Kauzigkeit mit ihm aufnehmen. Endlich findet Borowski seine Meister, abgesehen mal von der klugen Freundin Frieda, der Kripo-Psychologin, die ihm zur Unterstützung schnell nachreist.

Taghelle Mittsommernächte in Finnland

"Schlaflos in Finnland". Diesen Titel hätte Regisseur Hannu Salonen beziehungsweise Drehbuchautor Clemens Murath auch für diesen Film wählen können. Borowski leidet fürchterlich an der Helligkeit der finnischen Julinächte kurz nach Mittsommer, und die Vorhänge in seinem kargen Motel bieten da auch keine Abhilfe. Wie Salonen nach der Film-Premiere zur Eröffnung des Wiesbadener Fernseh-Krimi-Festivals 2010 dem begeisterten Publikum berichtete, ist alles authentisch in diesem Film, der eher an eine Reise-Elegie als an einen klassischen Fernsehkrimi denken lässt: die surreal wirkende Tangobühne mitten in der Wildnis, die 600-Kilometer-Straße, die stur geradeaus nach Norden ohne Knick, Kneipe oder Menschenseele führt, die bescheidenen Übernachtungslokalitäten. Nur die zahllosen Mücken in allen Größen, die zu dieser Jahreszeit eine Plage sind, die kommen in der "Tatort"-Folge, in der Borowski Tango tanzt, nicht vor.

Quer durch Finnland Traumreise oder Albtraum?

Wer sich an Ostersonntag um 20.15 Uhr in der ARD den "Tatort" ansieht, wird garantiert nachdenklich in Sachen Finnland-Tourismus. Wer sich schon immer wünschte, einmal quer durch das Land der tausend Seen bis zur Polargrenze und weiter zu reisen, wird sich entweder bestätigt fühlen – oder ins Grübeln kommen, ob die totale Einsamkeit der Wälder wirklich sein Traumziel ist und vor allem, ob man zur Not allein klar kommt. Im Film "Tango für Borowski" werden denn auch ein paar "verlorengegangene" Touristen genannt, spurlos verschwunden, nach offizieller Version hatten sie "sich verlaufen". Am Ende stellt sich heraus, wo sie abgeblieben sind, aber diese gruselige Wendung der Geschichte sei noch nicht verraten; nur dass Borowski selbst auch einen solchen Albtraum durchleben muss, bevor er das Rätsel lösen kann.

"Tatort"-Kommissar Borowski besucht ein Resozialisierungscamp in der Wildnis

Warum muss Borowski überhaupt das gewohnte Kieler Umfeld verlassen und sich fern der Heimat mit den finnischen Kollegen arrangieren? Er soll den 17jährigen Jungen Ralph vernehmen, der in einem Resozialisierungscamp kurz vor der russischen Grenze auf die Rückkehr in die deutsche Gesellschaft vorbereitet wird (Flucht aussichtslos angesichts 6.000 Quadratkilometern Waldfläche) und ein finnisches Mädchen vergewaltigt und ermordet haben soll. Leider haut der Junge (gespielt von Florian Bartholomäi) doch ab, sodass Borowski und sein finnischer Kollege Mikko (wunderbar in radebrechendem Deutsch gespielt von Janne Hyytiäinen) sich an seine Fersen heften müssen. Ein klassisches Thema: Verdächtiger bricht aus, um seine Unschuld zu beweisen. Und – klappt das? Na, sehen Sie selbst!

"Tatort" ist zugleich Roadmovie, Western und Querverweis auf Aki Kaurismäki

Dieser "Tatort" ist ungewöhnlich in vielfacher Hinsicht: Anders als viele actionreiche Seriengeschwister spielen Story, Inszenierung und Darsteller mit der Filmerinnerung des Zuschauers. Der Streifen bedient kein spezielles Genre, sondern vermischt Roadmovie, Westernstimmung, überhaupt amerikanischen Way of Life mit dezenten Anspielungen auf DEN finnischen Filmautor Aki Kaurismäki und dessen melancholische Filmgeschichten. Finnland-Fan hin oder her: Wer auch an Fernsehspiele künstlerische Ansprüche stellt, der wird hier gut bedient. Sehenswert!

"Tatort" verlor Deutschen Fernseh-Krimi-Preis 2010 an "Bella Block"

Den Deutschen Fernseh-Krimi-Preis 2010 konnte der "Tatort" mit Axel Milberg allerdings nicht erringen. Der prominent platzierte Eröffnungsfilm des 6. Fernseh-Krimi-Festivals in Wiesbaden ging trotz guter Prognosen leer aus. Stattdessen gewann die bereits 2009 gesendete ZDF-Produktion "Bella Block - Vorsehung" (Regie Max Färberböck, Hauptrolle Hannelore Hoger) die begehrte Auszeichnung mit einer ungewöhnlichen Dotierung: 1000 Liter Rheingauer Rotwein. In Konkurrenz standen 60 Kriminalfilme, die von den meisten deutschen Fernsehsendern eingereicht worden waren. In der Finalrunde wurden zehn Filme vor Jury und allgemeinem Publikum in der Filmbühne "Caligari" gezeigt. Erst-TV-Ausstrahlung am Ostersonntag 4. April 2010, ARD 20.15 Uhr. 88,30 Minuten. Drehbuch Clemens Morath. Regie Hannu Salonen. Produktion NDR / Studio Hamburg. Drehorte Kiel/Deutschland, Helsinki und Ilomantsi/Finnland. Bildformat 16:9.

Tatort: Tango für Borowski. ARD-Erstsendung am Ostersonntag 4. April 2010. 88,30 Minuten. Produktion NDR/Studio Hamburg. Regie Hannu Salonen, Drehbuch Clemens Morath. Drehorte: Kiel, Helsinki, Ilomantsi.

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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