Tatort Schule - Mobbing unter Schülern

Die brutale Realtität findet sich zunehmend im Fernsehen wieder

Eingekreist fühlen sich häufig die Opfer - Stephanie Hofschlaeger
Eingekreist fühlen sich häufig die Opfer - Stephanie Hofschlaeger
Der "Tatort" behandelt schon lange auch gesellschaftskritische Themen - nicht bloß auf Grund der bestechenden Quoten, sondern auch wegen eines differenzierteren Umgangs.

"Mitgefühl" war wohl das häufigsten gebrauchte Wort bei der Einschätzung des Films "Hilflos", der Nummer 754 der unsterblichen Tatort-Reihe. Wie so häufig griff der Plot ein populäres Thema der heutigen Gesellschaft auf, goss es in eine geradlinige Richtung und nahm den Zuschauer mit auf eine Reise durch die Abgründe des menschlichen Miteinanders. Kaum jemanden kann die Rolle des Opfers kalt gelassen haben, zu deutlich wurde sein Martyrium in Szene und "in Dialog" gesetzt.

Denn anstatt Bilder zu zeigen, saß der Zuschauer mit in der retrospektiven Rolle des Ermittlers, sah also nicht das Geschehene, sondern nur die Schilderungen dessen. Die ambivalente Hauptfigur machte dabei einen weiteren, oft zu wenig belichteten Aspekt eines Mobbingopfers deutlich, indem sie die küzlich erworbene Macht gegenüber dem eigentlichen Täter auspielt und -kostet. Am Ende aber bleibt, wie für die meisten Betroffenen auch, nur die Flucht, dieses Mal sogar mit fatalen Folgen.

Mobbing schadet Kopf und Körper - aus Depressionen werden Schmerzen

Das Wort "mobbing" kommt, wie viele in den letzten Jahren entstandenen Begriffe, aus der englischen Sprache und heißt so viel wie "anpöbeln" oder "angreifen". In der Arbeitswelt versteht man darunter aber schon seit rund 20 Jahren das systematische Schädigen von Kollegen und/oder Untergebenen in der Arbeitswelt. Dass es kein seltenes Phänomen ist, beweist die ungeheure Anzahl an Internet-Plattformen, Internet-Foren und Sonderseiten großer Tageszeitungen,die sich diesem Thema widmen. Dort werden Erfahrungsberichte veröffentlicht, Meinungen ausgetauscht und Forschungsergebnisse vorgestellt.

Dabei wird zumeist nach den Gründen gefragt und sehr häufig der hohe Druck am Arbeitsplatz, sowie Neid und Konkurrenzdenken angeführt. Die häufigsten Verwirklichungen sind dann das Vorenthalten von Informationen, Schlechtmachen vor Anderen und Verbreiten von Lügen (Quelle: Statistika). Die Betroffenen reagieren häufig mit einem Rückzug aus dem "Kampf", was in der Regel zu einer Zunahme der Mobbing-Aktivitäten und deren Heftigkeit führt. Am Ende steht ein verunsicherter und enttäuschter Mensch, der nicht selten unter psychosomatischen Störungen seiner Physis zu leiden hat.

Die Ursachenforschung steckt fest

Tiefer gehende Ursachenforschung wird nur selten betrieben. Zum Einen wird Mobbing zu 100 Prozent vom Verursacher abgestritten und die Aussagen der Opfer nicht anerkannt, zum Anderen ist eine gerichtliche Auseinandersetzung langwierig, denn dazu benötigt man konkrete Beweise. Ursachen für das sehr häufig auch gesundheitsschädigende Mobbing liegen zumeist in der labilen Persönlichkeit des "Täters", der einen Konkurrenten beziehungsweise eine Konkurrentin einschüchtern will oder als Vorgesetzter schlicht ein Machtgefühl erleben möchte (mehr Informationen in Mobbing am Arbeitsplatz).

Als Grund für solche Verhaltensweisen gilt ein hoher Druck innerhalb eines Kollegiums und das Fehlen von Annerkennung seitens der Vorgesetzten. Analog lassen sich zu hohe Erwartungen der Eltern und ein zu großer Leistungsdruck als Gründe für Mobbing unter Kindern in der Schule, ja sogar bereits im Kindergarten anführen. Aber auch viele Betroffene tragen unbewusst zu Mobbing-Vorkommnissen bei, indem sie sich schlichtweg zu viel gefallen lassen, zu häufig nachgeben und zu wenig auf ihre Rechte verweisen. Tiefer gehende Abhandlungen sind noch nicht veröffentlicht. Die Forschung ist in einem deskriptivem Stadium, wobei Daten über die verschiedenen Gruppen, involvierten sozialen Schichten und Auswirkungen reflektiert werden.

Verständnis für die Opfer ist selten

Für die Opfer von Mobbing-Angriffen, wie dem Schüler aus dem Spielfilm, ist es nur selten möglich aus dem Teufelskreis zu entkommen. Viele reagieren mit depressivem und/oder antisozialem Verhalten und bringen sich so nur noch mehr ins Abseits. Während physische Verletzung anderen sofort auffallen, bleiben die seelischen Wunden unentdeckt und vernarben erst lange nachdem der Grund dafür verschwunden ist. Unsere Gesellschaft benötigt daher ein wesentlich höheren Aufmerksamkeit für solche Vorkommnisse und einen geeigneten, helfenden Umgang mit den Opfern. Dafür hat Tatort 754 sicherlich ein wenig gesorgt.

Portrait Nils Bräutigam, Nils Bräutigam

Nils Bräutigam - Im Journalismus bin ich ein echter Quereinsteiger. Bis jetzt war das Schreiben eine Art Ablenkung oder ehrenamtliche Aufgabe, aber nun ...

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