Zwar hat ihn noch niemand zu Gesicht bekommen, doch die Spuren, die er hinterlässt sind eindeutig. Seit gut einem Jahr streift der Wolf durch sein neues Revier, das sich über 300 Quadratkilometern vom Rotwandgebiet bis nach Tirol erstreckt. Hier scheint es ihm zu gefallen, hier ist der Tisch für ihn reich gedeckt. Er braucht sich in den Sommermonaten auf den Almweiden nur an Lamm und Hamel bedienen.
Vierzig gerissene Tiere gehen auf das Konto des Wolfs
Seit dem Auftauchen des Beutegreifers müssen die Einheimischen grausame Tierkadaver entsorgen. Deshalb geht die Unruhe in der Bevölkerung um. In der Nachbargemeinde Fischbachau würde man derzeit über einen Schulbringservice für Kinder nachgedenken, weiß der Bürgermeister von Bayrischzell, Helmut Limbrunner. Insgesamt vierzig gerissene Tiere, darunter auch Wildtiere, auf bayerischen Boden gehen auf das Konto des Wolfs, seit dem er vor gut einem Jahr aufgetaucht ist. Per DNA-Analyse von Speichelproben an den Bisswunden konnte der Beutegreifer als Täter eindeutig identifiziert werden. Das klingt schon fast wie ein Kriminalfall in Bayrischzell, und an einer schnellen Lösung sind beide Seiten interessiert: Die, die den Wolf schützen wollen und die anderen, die mit ihm nicht leben können.
Der Wolf gefährdet Almweidehaltung und vom Tourismus
So jemand ist Almbäuerin Brigitta Regauer aus Fischbachau. Jedes tote Haustier stelle einen erheblichen Schaden für die Almbauern dar, sagt sie. Zwar wurde ein Entschädigungsfond eingerichtet, bezahlt aber würde nur die Höhe des Schlachtpreises, der weit unter dem Zuchtpreis läge. Regauer: „Das sind keine gesichtslosen Tiere, sondern Erfahrungsschafe, die das Gelände kennen und die Herde führen.“ Auch weiß die Bäuerin, wie empfindlich das ökologische und ökonomische System ihrer Heimat reagiert. „Wir leben hier ausschließlich von der Almweidehaltung und vom Tourismus. Wenn unsere Tiere dort oben nicht mehr fressen können, verbuschen die Almwiesen, verschwinden Lebensräume geschützter Pflanzen und Tiere und die Folge ist, auch die Gäste bleiben weg. “ Für die 1600 Einwohner hänge alles davon ab, so Bürgermeister Limbrunner. 2010 verbuchte Bayrischzell 160.000 Übernachtungen.
„Der Wolf muss weg!“
Weder Almbäuerin Regauer, noch Bürgermeister Limbrunner oder Stefan Kloo vom Almwirtschaftlichen Verein Oberbayerns (AVO) sind Wolfstöter. Sie wollen nur nicht, dass ihre Bergwelt durch den Aufbau von Schutzzäunen „hinter Gittern“ muss oder die Wanderer auf ihren Ausflügen freilaufenden Schutzhunden begegnen, die sie nicht einschätzen können. Beides aber sind Bestandteile des sogenannten Herdenschutzprogramms respektive des Wolfsmanagementplans. Kloo: „Wir sperren uns nicht dagegen, wir haben nur alle Maßnahmen in Betracht gezogen und kommen zum Entschluss, dass das bei uns im Alpenvorland nicht funktioniert. Das heißt: Der Wolf muss weg!“
Wolfsmanagement in Bayern
Unterdessen hat das Bayerische Landesamt für Umwelt den Wolf im Rotwandgebiet zur Chefsache gemacht. Derzeit wird zusammen mit der Landesanstalt für Landwirtschaft und den Naturschutzverbänden der „Managementplan Wölfe in Bayern - Stufe 2“ entwickelt. Mit dem ersten Wolfsmanagementplan wurden bereits 2007 die Zuständigkeiten und das Monitoring festgelegt sowie ein spezieller Wildtierfonds für Ausgleichszahlungen eingerichtet. Der Fonds wird vom Bayerischen Landesjagdverband, dem Bund Naturschutz und dem Landesbund für Vogelschutz gefördert. Es wurden bereits über 2.500 Euro ausgezahlt für 19 Schafsrisse in 14 Monaten, bestätigt LfU-Präsident Professor Albert Göttle.
Er versteht die Bedenken der Einheimischen, es könnte sich der Wolf bald zu einem Rudel vermehren. „Doch soweit sind wir noch lange nicht.“ Göttle gibt zudem zu bedenken, dass Wölfe von Natur aus scheu sind und den Menschen meiden. Die Zahl spricht für sich: „In den letzten 50 Jahren sind europaweit nur fünf Menschen von tollwütigen Wölfen angegriffen worden“, so Göttle. Bürgermeister Limbrunner aus Bayrischzell ist da anderer Meinung. „Wir haben seine Fährte bis in unserem Schwimmbad im Ort gefunden.“ Auch will Göttle die Vermutung der Bayrischzeller nicht bestätigen, dass bereits drei Tieren in der Region streifen: „Die bisherigen genetischen Untersuchungen zeigen, dass es sich um ein einziges Tier handelt. Auch Hunde können leicht mit dem schäferhundgroßen Wolf verwechselt werden.“
Schafsherden von Hütehunden behirtet
Jetzt in der Winterzeit, wo die Haustiere sicher im Tal in den Stallungen stehen, arbeiten die Behörden zusammen mit dem Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern (AVO) am ersten „Pilotprojekt Rotwand“, das im kommenden Sommer durchgeführt werden wird. Nun soll doch kommen, was vom AVO nicht gewollt ist: Die Schafsherden werden tagsüber mit Hütehunden behirtet und in der Nacht eingepfercht - so wird dem Wolf der Angriff erschwert. Eine andere Lösung ist nicht in Sicht. Auf die Bitte aus Bayrischzell „der Wolf muss weg“ sind Präsident Göttle gesetzlich die Hände gebunden. „Wir müssen uns an geltendes Recht halten. Der Wolf ist deutschland- und europaweit gesetzlich streng geschützt.“ Es sei verboten dem Wolf nachzustellen, ihn zu fangen, zu verletzen oder zu töten. Deshalb appelliert Göttle an alle Beteiligten nicht über zu reagieren. „Unser Ziel ist ein gemeinsames Miteinander zu finden.“
