
- Tätowierung als soziales Phänomen - Michael Berger/pixelio.de
Die Tattoos sind in. Stars, Sternchen und sogar die First Lady Bettina Wulff zeigen in der Öffentlichkeit die gestochenen Muster auf ihrer Haut. Der Ursprung dieser Bezeichnung liegt im südpazifischen Raum. Die englische Form „Tattoo“ oder das deutsche „Tätowieren“ setzte sich gegen Mitte des 18. Jahrhundert durch. Die Bilder auf der Haut sind viel älter.
Tätowierungen sind so alt wie der Mensch selbst
Wahrscheinlich entwickelte sich das Tätowieren aus dem uralten Bemalen des Körpers und ist fast so alt, wie der Mensch selbst. Darin erkennen einige Forscher den Beginn der Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt, wie auch eine Abgrenzung von den Tieren. In den prähistorischen Höhlen fanden Wissenschaftler Farbstoffe wie Ocker, was sie zu Spekulationen über die frühen Tätowierungen veranlasste. Die Beweise stammen aus den späteren Zeiten: In den bronzezeitlichen Gräbern von Dänemark über Schleswig-Holstein bis nach Lüneburg stießen Archäologen auf feine Ahlen und erkannten in ihnen die Tätowierungsgeräte. Der bekannteste Tätowierte aus den alten Zeiten ist über 5.000 Jahre alt und heißt Ötzi. Die in der Schweiz im Eis entdeckte mumifizierte Leiche trägt eine beeindruckende Vielzahl von ornamentalen Tattoos.
„Ihr sollt keine Male an eurem Leib reißen“
Die Tätowierungen schienen eine durchaus positive Rolle gespielt zu haben. Sie brachten Stammeszugehörigkeit und sozialen Rang zum Ausdruck, sie gehörten zu den Initiationsritualen und befriedigten die Bedürfnisse nach Verzierung und Schmuck. Im Laufe der Geschichte änderte sich ihre Funktion. Im alten Rom wurden Soldaten, Sklaven, Verbrecher und niedere Staatsbeamten auf diese Weise gekennzeichnet. Ähnliche Praxis herrschte im antiken Griechenland. Auch in China wurde die Tätowierung sehr früh als Strafzeichen genutzt.
Die Briten waren dagegen ausgesprochen tätowierfreundlich, sodass sich die Kirche dazu gezwungen sah, die weit verbreitete Sitte zu bekämpfen: Im Jahre 787 verbot ein Konzilbeschluss das Tätowieren für die getauften Christen. Eine „göttliche“ Grundlage lieferte schon das Alte Testament: „Ihr sollt keine Male um eines Toten willen an eurem Leib reißen, noch Buchstaben an euch ätzen, denn ich bin der Herr“ (Moses 3/19/28). Eine ähnliche ablehnende Haltung findet sich im Koran, der die Änderungen des Körpers wie auch bildliche Darstellungen von Menschen und Tieren verbietet.
Tätowierung und Persönlichkeitsstörungen
Noch vor kurzem setzte man die Tätowierungen mit dem kriminellen Milieu gleich. R. M. Schulte vertrat in seinem Werk „Motivation zur Tätowierung“ 1988 die Meinung, dass sich die tätowierten Personen durch Persönlichkeitsstörungen kennzeichnen. Ähnliche Ansichten herrschten auf der anderen Seite der deutsch-deutschen Grenze. Christa Ruhnke behauptete im Jahre 1974 in ihrer Dissertation im Fach Medizin, dass man anhand von Tätowierungen zwischen zwei Gruppen verhaltensgestörter Personen unterscheiden kann: Habe solch eine Person eine Tätowierung, gehöre sie mit großer Wahrscheinlichkeit zu Kriminellen. Das Fehlen von diesen Zeichen auf der Haut beim gestörten Verhalten solle auf Geisteskrankheit hinweisen. Außerdem bescheinigte die Autorin den Tätowierten einen Hang zum abweichenden sexuellen Verhalten wie auch zum Masochismus und Exhibitionismus.
Der schlechte Ruf der Tätowierung begründete 1993 Adolf Spamer mit der Auswahl der untersuchten Gruppen.Die Wissenschaftler beschränkten sich auf die auffälligen Jugendlichen, Kriminellen und psychisch Kranken, lautete sein Vorwurf. Gleichzeitig stellte er jedoch selbst fest, dass die Tätowierung ein Phänomen aus den unteren Volksschichten sei. Dazu zählte er Seeleute, Schwerarbeiter, Schlosser, Fleischer, Bergleute, „Unsesshafte“ wie Schausteller, Artisten, Wanderhändler. Das Hautbild solle „den Erlebnisradius seines Trägers“ (S. 96) offenbaren.
Tätowierung als eine Art Kommunikation
In den letzten Jahren machte die Tätowierung eine beachtliche Karriere; nicht zuletzt dank anschaulichen Mustern von oben. Mehr oder weniger Prominente zeigen freimutig ihre Bilder auf der Haut in der Öffentlichkeit. Sie finden viele Nachahmer. Zwölf Prozent aller Deutschen sind tätowiert. Dadurch nehmen sie in einer besonderen Kommunikation teil. Im Unterschied zur Sprache, aber auch zu Schmuck und Kleidung zeichnet sich die Tätowierung durch ihre relative Unzerstörbarkeit und extreme physische und psychische Nähe zum Träger aus. Sie erfüllt verschiedene Funktionen: Die Tätowierung dokumentiert die Zugehörigkeit, Zuneigung oder hält einen bestimmten Moment aus dem Leben eines Menschen fest. Eine wichtige Rolle spielen erotische Hautstiche. Darüber hinaus bekundet die Tätowierung auch den überlebensnotwendigen Wunsch nach Individualität unter uniformen Bedingungen.
Bildnachweis: Michael Berger/pixelio.de
Zitate und Quelle: Frank-P. Finge, Tätowierungen in modernen Gesellschaften. Universitätsverlag Rasch Osnabrück 1996. 196 Seiten.
