
- Die Etagere der Köstlichkeiten - Kurt Lehmann
Um eines gleich klarzustellen: Kalorienzähler und Schlankheits-Apostel sind hier garantiert falsch. Auch für Pfennigfuchser ist die „Afternoon-Tea“-Zeremonie im berühmten Empress Hotel von Victoria nichts. Sie dürften sich im falschen Film wähnen.
Ganz im Gegensatz zu Leinwandgrößen wie Katherine Hepburn, John Travolta oder Barbara Streisand: Sie und viele andere Filmstars haben allesamt schon die Tee-Zeremonie und auch die übrigen Annehmlichkeiten der so malerisch am Hafen liegenden Herberge genossen.
Dort, wo sich die kanadische Provinz British Columbia zweifellos am britischsten gibt, in Victoria, frönen jahraus, jahrein Tausende von Besuchern einem traditionellen Ritual, das ebenso aus England importiert wurde wie der Name der Provinz-Hauptstadt. Hier, am südlichen Zipfel von Vancouver Island, scheint die Zeit stehen geblieben. Wer sich zum „Afternoon Tea“ angesagt hat, der will in die Zeit der Besiedlung Kanadas zurückversetzt werden, der möchte Tradition bei ein paar Tässchen Tee hautnah erleben – und dazu ein paar leckere Kalorienbomben vertilgen. Und die Gäste, an die jährlich so um die 1,6 Millionen Tassen Tee ausgeschenkt werden, werden nicht enttäuscht.
Beim Afternoon Tea im Empress Hotel ist die Zeit zum Genießen limitiert
Egal, ob am Fenster mit Blick auf die Boote oder mittendrin nahe dem Klavier platziert, egal, ob auf Stühlen am Tisch sitzend oder in der schweren Ledersessel-Garnitur versunken, egal, ob zu zweit oder in größerer Runde: Die Tee-Zeremonie in der großen, ehemaligen Lobby des Empress ist ein Ereignis. Wer von der Bedienung an seinen Platz geführt worden ist und sich niedergelassen hat, der wird in den nächsten knapp eineinhalb Stunden mit Köstlichkeiten (vermeintlich) aus good old England verwöhnt. Mehr als 90 Minuten hat man nicht, um alles zu genießen – dann blasen schon die nächsten Touristen zum Angriff auf die Leckereien. Und das in ganz legerer Kleidung. Nur, wer in zerrissenen Jeans, in Shorts oder trägerlosen Shirts daherkommt, der muss draußen bleiben.
Die „Afternoon Tea“-Zeremonie geht zurück auf Anna Maria, die siebte Herzogin von Bedford, die von 1788 bis 1861 lebte. Zu dieser Zeit waren in Britannien das Frühstück und das Dinner am Abend die Hauptmahlzeiten des Tages. Dazwischen gab es nichts, im wahrsten Sinne des Wortes. Weil Anna Maria hungrig wurde und ein „sinking feeling“ an sich feststellte, kam sie auf die Idee, Freunde einzuladen und sich mit ihnen an Brot und Sandwiches, erlesenen Süßigkeiten und – natürlich – Tee zu laben, bevor endlich das Dinner aufgetischt wurde. Anna Marias Zeremonie wurde so populär, dass sie noch heute existiert. Wenn sie auch kaum noch in „echten“ englischen Haushalten weiterlebt, so wird der „High Tea“ doch noch immer gern in touristischen Hochburgen kredenzt. Da, wo der Geist der Krone durch die Mauern schwebt.
Tee gibt es endlos beim Afternoon Tea - und Kalorien obendrein
Kaffee endlos, naja, das kennt man ja aus Amerika. Aber Tee, so viel man will? Kein Problem hier, sagt Kellnerin Marlene, nachdem sie ihren kleinen Vortrag über die heute im Ausschank befindlichen Teesorten beendet und eingeschenkt hat. In Tassen mit königlichem Wappen an der Innenseite und aus feinstem chinesischen Porzellan, versteht sich. Stilecht eben, wie auch die silbernen Kannen. Schmeckt gut, der Tee hier, denkt der Gast aus Germany, so gar nicht nach Krankheit. Früher gab’s Tee schließlich oft nur in Zeiten, in denen man nichts anderes bei sich behalten konnte...
Auch danach gibt es vorweg eine kurze Einführung in das Wie und Warum, dann kann der Festschmaus, der locker das Mittagessen ersetzt, beginnen. Los geht es mit einem Schälchen Erdbeeren mit Schlagsahne. Anschließend grast man die Etagere von unten nach oben ab und isst sich durch: Erst die Sandwiches mit Lachs, Möhren, Gurken oder Ei, danach die „Scones“, das sind kleine süße Brötchen, auf die man sich Marmelade und echte Jersey-Sahne streicht. Und nicht zu schnell, bitte sehr. Zwischendurch ruhig mal den Blick durch den Saal schweifen lassen. Dann wieder ein Tässchen Tee und die ganze Chose rutscht gleich viel besser. Zum Schluss die Krönung: Süße Sünden, getarnt als Obst- und Schoko-Törtchen. Zu Hause wird die Waage durchdrehen, aber egal: Das hier macht man nur einmal mit - und schließlich ist ja Urlaub.
Nichts geht mehr: Afternoon Tea macht selig, satt ... und kostet!
Dann geht nichts mehr, auch die Teller sind leer. Nach so vielen Delikatessen hat am Ende der Schlemmerei und nach ungezählten weiteren Tassen Tee auch das Bezahlen keinen bitteren Beigeschmack mehr. Was sind schon die maximal 65 kanadischen Dollar (ohne Steuern und Trinkgeld, versteht sich) - also etwa 48 Euro - pro Person gegen solch ein unvergessliches Erlebnis wie den „Afternoon Tea“ im Empress Hotel zu Victoria? Zumal, wenn es hinterher noch eine dekorative Dose voller Teebeutel als Geschenk zum Mitnehmen gibt? Tradition lässt sich nicht bezahlen.
