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Teach First Deutschland will bessere Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen schaffen. Die gemeinnützige Initiative fördert die Schulbildung von Schülerinnen und Schülern mit schlechten Startbedingungen, indem zusätzliche kompetente Fachkräfte („Fellows“) für zwei Jahre an Schulen in sozialen Brennpunkten tätig werden.Seit Schulbeginn 2009/2010 arbeitet der erste Fellow-Jahrgang an Schulen in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen.
Suite101-Autorin Cora Haertl sprach mit Verena Köstner über die Umsetzung der Idee von Teach First in Deutschland.
Wie wurde die Idee für Teach First Deutschland geboren?
Die Idee kommt ursprünglich aus den USA, wo es seit 1990 „Teach for America“ gibt. Als zwei unserer Gründungsmitglieder, Kaja Landsberg und Michael Okrob, ihre Masterarbeit darüber schrieben, war die Idee geboren, eine solche Initiative auch in Deutschland aufzubauen.
Was machen Sie anders als andere gemeinnützige Bildungsträger, die ja auf ähnlichem Gebiet schon jahrzehntelange Erfahrung haben?
Zum einen konzentrieren wir uns auf eine bestimmte Zielgruppe: Wir möchten die Schülerinnen und Schüler fördern, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen. Zum anderen setzen wir neben dem mittelfristigen Ansatz von direkter, zusätzlicher Förderung auf ein langfristiges Ziel: Wir wollen, dass unsere Fellows auch über ihren Einsatz hinaus als Bildungsbotschafter dauerhaft eine Lobby für im Bildungsprozess benachteiligte Schülerinnen und Schüler bilden, ein Netzwerk knüpfen und Vorbildfunktion einnehmen.
Fachlich qualifiziert heißt nicht automatisch auch pädagogisch gut. Nach drei Monaten Vorab-Qualifizierung geht es für Ihre Fellows schon in die Schulklassen. Wie schafft man das?
Die Vorab-Qualifizierung ist sehr intensiv, unsere Fellows bekommen dort grundlegendes Wissen über Pädagogik, Didaktik und Lernpsychologie vermittelt. Die Ausbilder sind erfahrene Pädagogen aus dem Schulbetrieb und der Erwachsenenbildung. Während des Einsatzes geht die Qualifizierung begleitend weiter. Dabei werden unsere Fellows durch Tutoren von Teach First Deutschland und durch Mentoren der jeweiligen Schulen betreut und beraten.
Sie sprechen von einer begleitenden Evaluation zur Überprüfung der Wirksamkeit. Wer führt die durch?
Evaluation ist für uns ein selbstverständlicher Teil einer lernenden Organisation – wir evaluieren unsere Arbeit fortlaufend. Ein Teil davon sind Befragungen von Schulleitern und Lehrern an unseren Partnerschulen, die wir regelmäßig eigenständig durchführen. Darüber hinaus streben wir eine externe wissenschaftliche Evaluation an, die vor allem die Wirkung auf die Schülerinnen und Schüler überprüfen und zeigen soll, wie sich deren Motivation und Leistung verändern. Im ersten Schritt wird dazu derzeit ein unabhängiges Expertengutachten verfasst.
Ihre Fellows bekommen 1.700 Euro brutto für ihren Einsatz pro Monat. Mal Hand auf's Herz – wie viele junge, hoch qualifizierte Akademikerinnen und Akademiker entscheiden sich für Sie, wenn ihnen das wesentlich höher dotierte Angebot eines Unternehmens vorliegt?
Unsere Erfahrung bisher hat gezeigt, dass andere Motivationsfaktoren für unsere Fellows eine große Rolle spielen: das Gefühl, sich direkt einbringen zu können, etwas zurückzugeben an die Gesellschaft, positiven Einfluss nehmen zu können, außerdem die große Herausforderung und der direkte Kontakt, der es ermöglicht, schnell die Ergebnisse des eigenen Handelns zu sehen.
Wie finanziert sich Teach First Deutschland?
Das Gehalt der Fellows wird aus öffentlichen Mitteln bezahlt, wobei die genauen Rahmenbedingungen der Finanzierung in den jeweiligen Ländern unterschiedlich sind. Hierbei handelt es sich immer um zusätzliche Mittel, die nicht vom Lehrerbudget der Schulen abgezogen werden. Die weiteren Kosten stellen wir über private und wirtschaftliche Sponsoren und Stiftungen sicher.
Elternvereine, Lehrergewerkschaft und Betriebsräte – wie stehen die zu Teach First Deutschland?
Die breite Akzeptanz unseres Projekts an den Schulen ist uns wichtig. Daher gehen wir nur an Schulen, an denen sowohl die Schulleitung als auch die Schulkonferenz den Einsatz ausdrücklich wünschen. Da Fellows keine Lehrer sind, sondern zusätzliche Angebote ermöglichen, können alle Seiten profitieren. Auch mit Gewerkschaften und Personalräten arbeiten wir in den meisten Fällen sehr konstruktiv und im Sinne der Förderung von Schülerinnen und Schülern zusammen. Von den Elternverbänden wird das Programm ebenfalls begrüßt.
Wie sehen positive Beispiele in der Praxis aus?
Die Fellows bringen sich im Unterricht und außerhalb des Unterrichts ein. Im Unterricht ermöglichen sie beispielsweise kleinere Lerneinheiten in den Klassen durch Teamteaching oder intensivere Einzelförderung, außerhalb des Unterrichts stoßen sie Projekte wie Schülerfirmen, AGs, Sportgruppen oder Ähnliches an.
So kann eine Molekularbiologin mit einer Schülergruppe im Labor der Charité DNA-Analysen durchführen, was für die Schüler ein echtes Erlebnis ist. Eine der Schülerinnen aus dieser Gruppe macht nun ein Praktikum im Labor und interessiert sich für eine Ausbildung in diese Richtung, obwohl sie daran vorher nie gedacht hätte.
Ein anderer Fellow hat mit seinen Schülern zusammen 5 Projekte durchgeführt, die die Schüler bei den Regionalwettbewerben von „Jugend forscht“ präsentiert haben. Im jeweiligen Fachbereich erhielten zwei der Arbeiten anschließend den dritten, eine sogar den ersten Platz. Das Gewinnerprojekt tritt nun beim Landeswettbewerb Hamburg an.
Eine dritte Fellow hat die Gründung einer Schülerfirma angeregt, die kulturelle Events wie Schulfeste oder Konzerte organisiert. Die Schüler lernen direkt durch die Praxis, erhalten neue Berufsperspektiven und erwerben ganz nebenbei entscheidende Kompetenzen.
Das sind für uns die ersten kleinen sichtbaren Erfolge, die uns glauben lassen, dass der Einsatz der Fellows wirklich einen Unterschied machen kann.
Ist daran gedacht, das Programm auch auf andere Bundesländer zu übertragen?
Ja, das haben wir vor. Bereits im Herbst dieses Jahres werden wir in weiteren Bundesländern starten. Langfristig wünschen wir uns, mit allen Bundesländern zu kooperieren. Hierzu suchen wir auch weitere Förderer, die uns finanziell unterstützen. Mehr Informationen finden Interessierte auf unserer Website.
