
- v.l.: Max Arbeiter und Margarete Kutter - Andrea Weber
Szene 12: Tischgesellschaft, nächster Morgen. Gemeinschaftsraum im Seniorenheim. Auf dem Boden liegt der tote Rolfi (Michael Georgi), ein junger Obdachlose. Neben dran am Tisch sitzt Frau Albert in Frau Tormanns (Petra Gauger) Rollstuhl und hört sich eine Kassette an. Zu hören ist die Stimme von Frau Tormanns Sohn, der seiner Mutter zum 80zigsten Geburtstag ein paar freundliche Grußworte schickt. Doch wo ist die alte Dame? Hat sie etwa schon das Zeitliche gesegnet? So beginnt die vorletzte Bühnenszene von „King Kongs Töchter“ einem Theaterstück der Autorin Theresia Walser.
Es ist Dienstagabend und einer der letzten Probetage vor der großen Premiere. Nur diejenigen Schauspieler der Laiengruppe des Team-Theaters Holzkirchen sind heute gekommen, die bei dieser Szene eine Rolle spielen. Zum ersten Mal führt Falk Janisch die Regie, normalerweise ist er selbst ein Laienschauspieler bei der „Spielspur“ – einem anderen Holzkirchner Ensemble.
Die Laiengruppe aus Holzkirchen ist ein Team, daher ihr Name Team-Theater
Seit zwanzig Jahren gibt es das Team-Theater in Holzkirchen, nur ein Bühnenstück pro Jahr führt das Ensemble auf. Mehr würden sie alle neben Beruf und Familie zeitlich nicht schaffen, bestätigt Margarete Kutter. Sie ist Gründungsmitglied und im Vereinsvorstand. Team-Theater heißen sie deshalb, weil bei ihnen jeder das Gleiche zu sagen hat, erklärt Kutter. „Wir haben keinen Vorsitzenden, sondern entscheiden im Team.“ Die Theatergruppe hat sich schon an vieles herangewagt: Lustspiele, Komödien, Krimis, Dramen und mit der Satire „Der Trauschein“ von Ephraim Kishon fing 1991 alles an. Dann folgten unter anderem „Die Kaktusblüte“ von Pierre Barillet / Jean-Pierre Gredy, „Karten auf den Tisch" von Agatha Christie, der „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare. Und heuer sollte es ein delikates Stück um ein heikles Thema werden, eines, das jeder gerne von sich schiebt und es doch viele am Ende einholen wird – das Altwerden und Dahinsiechen in der Endstation „Seniorenheim“. In „King Kongs Töchter“ entwarf die Autorin Theresia Walser ein Bühnenstück, dass sich mit den Folgen der Überalterung der Gesellschaft abstrus und zugleich irrwitzig-wahr auseinandersetzt. Für dieses schwarzhumorige Stück wurde Walser zur Autorin des Jahres gekürt. Ist es eine bittere Komödie oder doch eher ein Drama? Regisseur Falk Janisch ist auch der Meinung, dass sich dieses Stück nicht klassifizieren lässt.
„King Kongs Töchter“ beschreibt das Altwerden in der „Endstation Seniorenheim“
Im Altenheim herrscht der ganz normale Wahnsinn. Die pflegebedürftigen Greise sind dement, verbiestert und voll absurder Marotten. Drei junge Pflegerinnen (Marianne Epp, Luzia Schwarzer und Lara Seegebarth) wissen nie, ob die gebrechliche Hilflosigkeit echt oder nur gespielt ist. Ihre Schützlinge leben in ihrer eigenen Welt. Immer deutlicher wird nach und nach, dass es weniger um die Alten geht, sondern um die Zukunftsperspektive der jungen Pflegerinnen. Die Autorin hat es verstanden, die einzelnen Charaktere herauszuarbeiten und ihre reduzierte Welt, in denen sie sich im Kreise drehen, doch inhaltlich so zu verzahnen, dass am Ende eine durchgängige Geschichte entsteht, bei der man nicht recht weiß, ob sie zum lachen oder weinen ist. Auf jeden Fall wird in „King Kongs Töchter“ den Zuschauern mit umsichtiger Ironie das Spiegelbild des Altwerdens vorgehalten.
Schauspielkunst ist hier die Entdeckung der Langsamkeit
Seit Wochen proben die Mitglieder vom Team-Theater Holzkirchner. Heute geht es um die „Tischszene im Aufenthaltsraum des Seniorenheims“. Hilde Albert (Ulla Hähn) ist in sich gekehrt und nimmt nicht wahr, wie sich Frau Greti (Margarete Kutter) zu ihr an den Tisch gesellt, die ihre Hände von sich streckt, die Finger spreizt und dabei ihre „Krallen schärft“: „Ist doch toll, dass die ein Messer haben darf“, stellt sie gehässig fest, mit dem Kopf in Richtung der dementkranken Dame gewandt. Herr Pott (Max Arbeiter) hält den Arm in der Schlinge, geht am Stock vorbei und stupst den regungslosen Rolfi an, der wie eine Stolperfalle neben dem Tisch am Boden liegt. „Ich könnte nicht einmal einen Toten spielen, ich glaube, ich müsste wahnsinnig lachen“, stellt er völlig paradox fest, während Herr Nübel (Annemarie Schmirl) ebenfalls am Leichnam zerrt. „Hallo, hallo, das ist aber gefährlich, da könnte einer böse drüber fallen.“ Herrn Albert kümmert das alles gar nicht. Ihm ist viel wichtiger, wann es „endlich den guten Kuchen gibt“.
Helmut Hermann hat schon viele Rollen im Team-Theater übernommen, aber diese von Herrn Albert, sagt er, ist nicht einfach, denn das Altsein muss gelernt sein. Viel zu dynamisch sei er bisher in seinen Bewegungen gewesen. „Das Spannende ist hier, die Entdeckung der Langsamkeit“, findet Hermann.
Fünf Mal ließ Regisseur Janisch die „Tischszene im Aufenthaltsraum mit Leiche“ wiederholen. Jedes Mal wurde es ein Stück runder, immer besser die Gestik. Janisch nahm minimale Ablaufkorrekturen vor, gab Tipps zu Mimik und Ausdruck, damit am Ende der Rhythmus im Stück stimmt und sich die Spannung aufbauen kann. Janisch ist zufrieden mit seinen Bühnenschützlingen. Lassen wir es für heute gut sein – bis morgen, gleiche Zeit und gleicher Ort.
