Tee - Mehr als ein Heißgetränk

Tee ist mehr als ein mit heißem Wasser aufgegossenes Getränk. Es geht neben der Gesundheit auch um Tradition und Kultur - wie die Ostfriesen beweisen.

„Wer Tee trinkt, vergisst den Lärm der Welt“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Um das zu erfahren, muss man allerdings nicht tausende von Kilometern nach Asien reisen. Es reicht auch ein vergleichsweise kurzer Trip nach Ostfriesland. Die „Teetied“ (Teezeit) ist rund um Leer, Aurich oder Emden ein wichtiger und behüteter Bestandteil der ostfriesischen Tradition und Geselligkeit. Wer schon einmal den Nordwesten unserer Republik besucht hat, wird diese Teekultur im Gedächtnis behalten. Einheimische aber auch Zugezogene pflegen sie und setzen für eingetroffene Gäste immer eine Kanne des Heißgetränks auf.

"Echter Ostfriesentee"

Der „Echte Ostfriesentee“, eine Mischung aus bis zu zehn Schwarzteesorten, darf nur so heißen, wenn er auch in Ostfriesland gemischt wurde. Ansonsten trägt er die Bezeichnung „ostfriesische Mischung“. Neben dieser eigenen Sorte, ist es vor allem die Art und Weise, wie er getrunken wird, was den Ostfriesentee so speziell und die Atmosphäre so gemütlich macht. Der aufgebrühte Tee wird durch ein kleines Handsieb in die Tasse gegossen, worin bereits ein Kluntje liegt. Das Knistern des zerbröselnden Stücks Kandiszucker gehört zu Ostfriesland wie das Mähen der Schafe auf den Deichen. Anschließend wird ein Klecks Sahne mit einem speziellen Sahnelöffel vorsichtig am Rand der Tasse eingelassen, sodass eine „Sahnewolke“ entsteht.

Tee-Tradition in Ostfriesland

Alt eingesessene Ostfriesen schwören darauf, aus dieser Wolke das Wetter für den kommenden Tag herauslesen zu können. Andere meinen, es dient eher dazu, die Enkelkinder am Tisch zu unterhalten. Der Effekt ist derselbe: Es entsteht eine gesellige Runde, die eigentlich keiner unter drei Tassen verlässt. Das typische Dresdner Geschirr mit einer blauen Verzierung oder sehr häufig auch mit der bekannten roten Rose als Dekor tut sein übriges. Umrühren ist übrigens verpönt. Ein Relikt aus schlechteren Zeiten, als der teure Kluntje möglichst für mehrere Tassen benutzt wurde.

288 Liter Tee pro Jahr

Die Liebe der Ostfriesen zu ihrem Tee geht soweit, dass dieses gemütliche Völkchen im Vergleich zum Rest Deutschlands einen gigantischen Teeverbrauch hat. Durchschnittlich trinkt ein Ostfriese 288 Liter pro Jahr. Der Pro-Kopf-Konsum in der gesamten Bundesrepublik lag laut dem Deutschen Teeverband im Jahr 2008 bei 25,5 Litern. Insgesamt haben deutsche Firmen rund 51.000 Tonnen Tee importiert. Am beliebtesten ist Schwarzer Tee, vornehmlich aus Indien und Sri Lanka, mit einem Anteil von 77 Prozent.

Der Hamburger Hafen ist der Hauptumschlagplatz für Tee in Europa. Und auch wenn ein Anbau in Deutschland aus klimatischen Gründen keinen Sinn macht, wurden 2008 immerhin 27.000 Tonnen exportiert. Vornehmlich in die USA, aber auch ins Mutterland der „Tea Time“ nach Großbritannien. Dabei handelt es sich um veredelte Sorten, die in der Hansestadt gemischt und aromatisiert werden. Jeder, der einmal vor einem Tee-Regal im Supermarkt stand, hat sich ein Bild der Vielfalt machen können. Von Varianten angereichert mit natürlichen Fruchtaromen bis hin zu Sorten mit industriell hergestellten Aromen wie zum Beispiel Bratapfel oder Schokolade ist dort alles zu finden. Bei vielen dieser Sorten spielt die Qualität des Tees nur eine sekundäre Rolle, da er lediglich als Trägermaterial für die Aromen fungiert. Aber was ist dann ein qualitativ hochwertiger Tee?

FTGFOP - Das Gütesiegel für einen Tee

Der Vergleich von Tee mit Wein- oder Sektsorten kommt nicht von ungefähr. Denn genau wie bei den "Rebensäften" werden Aroma und Güte des Tees durch Pflanze, Anbaugebiet, Klima, Bodenbeschaffenheit, Lage, Erntezeit und Verarbeitung bestimmt. Wenn Sie eine Teepackung mit dem Kürzel FTGFOP in der Hand halten, können Sie davon ausgehen, dass der Tee sehr gut ist. Es steht für „Finest Tippy Golden Flowery Orange Pekoe“ - der qualitativ wertvollste Blatt-Tee. Er enthält den größten Anteil an Blattspitzen (Tippy), die ihn noch feiner und milder machen. Mindere Qualität kann man daran erkennen, dass von vorne ein oder mehrere Buchstaben wegfallen. Steht ein „B“ zwischen dem „F“ und dem „O“, handelt es sich um Broken-Tee. Hier wurden die Blätter bei der Verarbeitung mechanisch verkleinert. Er ist meist dunkler und kräftiger im Geschmack als Blatt-Tee. Eher am Ende der Qualitätsskala findet sich der „Dust“ wieder. Tee-Staub, der beim Brechen der Blätter entsteht, wird ausschließlich für Tee in Aufgussbeuteln verwendet.

Ziehzeit und Zubereitung von Bedeutung

Hat man erst einmal die richtige Sorte für sich entdeckt, kommt der Ziehzeit bei der Zubereitung Bedeutung zu. Sie lässt sich nicht allgemeingültig festlegen, von 20 Sekunden bis zu fünf Minuten ist je nach Sorte alles möglich. Die bekannte Regel, drei Minuten für anregend und fünf für beruhigend, ist allerdings nur bedingt richtig. Anregend wirkt Tee immer, nach fünf Minuten eben nur weniger. Der Grund ist das Koffein, das in den ersten zwei bis drei Minuten zunächst gelöst und von unserem Körper aufgenommen werden kann. In der Folgezeit bindet sich das Koffein aber an die Gerbstoffe (Tannine) im Tee und ist nicht mehr „nutzbar“ für unseren Organismus. Dafür wirken diese wiederum beruhigend auf unseren Magen- und Darmtrakt und lassen uns den Lärm dieser Welt vielleicht tatsächlich für einen Moment vergessen.