Tepco und Atomsicherheitsbehörde: Ein kurzer Bericht in 10 Jahren

Fukushima: Missachtung der wahren Tsunamigefahr - Daniel Clemens
Fukushima: Missachtung der wahren Tsunamigefahr - Daniel Clemens
Fukushima: Am 29.05.2011 werden in der Presse Anklagen laut, Tepco und die Atomsicherheitsbehörde hätten die Tsunamigefahr missachtet. Suite101 weiß mehr.

Die Japan Times berichtet heute auf der Basis eines der Nachrichtenagentur Associated Press vorliegenden Memos aus dem Dezember 2001, dass sowohl Tepco als auch die zuständige japanische Sicherheitsbehörde die tatsächlichen Gefahren eines möglichen Tsunamis höchst fahrlässig missachteten. Das Memo verneinte seitens Tepco mögliche Schäden durch einen Tsunami am AKW Fukushima 1. Die Nuclear and Industrial Safety Agency (NISA) glaubte dem sehr kurzen Report und in den darauf folgenden zehn Jahren wurde laut Japan Times und Associated Press nie wieder an der Sicherheit des Werkes gezweifelt. Suite101 berichtete bereits vor Anfang April exklusiv von Schein und Wirklichkeit der Sicherheitsvorkehrungen Tepcos gegenüber möglicher Tsunamis und entdeckte dabei Erstaunliches.

„Wir haben die Echtheit der Aussagen nicht überprüft.“

Die Worte des heutigen Leiters des japanischen Äquivalents einer Atomsicherheitsbehörde NISA Masaru Kobayashi muten wie Hohn an. Ein seitens der Institution angeforderter Bericht über die Sicherheit des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi gegenüber einem Tsunami wurde damals von Tepco mit einem einseitigen Memo beantwortet. Berechnungen der Betreiberfirma des AKW kamen auf der Basis historischer Beben und Tsunamiereignisse zu dem Schluss, dass es keine Gefahr für das Werk gäbe. Die zuständigen Experten der NISA mussten diese Aussagen aufgrund fehlender gesetzlicher Regelungen akzeptieren. Jedoch haben sie in der Folgezeit auch keine weiteren Anstrengungen gewagt, die Aussagekraft des sehr kurzen Memos zu hinterfragen, geschweige den die Diskrepanzen zwischen rechnerischer Fiktion und baulicher Realität erkennen zu wollen. Auf Deutschland bezogen würde das heißen, das Bundesumweltministerium stellt eine Anfrage bei einem deutschen AKW-Betreiber bezüglich der Sicherheit eines deutschen AKW gegenüber langwieriger Überschwemmung und zurück käme ein einseitiges Fax. „Das war alles was wir sahen“ bestätigte Kobayashi diese Vorgänge von Ende 2001.

Tepco rechnete sich die Welt schöner

Basierend auf Modellen der japanischen Ingenieursvereinigung (JSCE) berechneten Tepco-Ingenieure keine Gefahr für das derzeit havarierte AKW. Auch als die JSCE im darauf folgenden Jahr 2002 eine neue Berechnungsmethode herausgab, folgten keine Sicherheitsbedenken. Das AKW galt weiterhin als sicher. Tepco hatte bezüglich der Abschätzung von Tsunamigefahren in den Jahren bis zum 11. März 2011 die nationale Deutungshoheit. Doch wie Suite101 bereits im April berichtete, ging diese Dominanz in der Sache über die Grenzen Nippons hinaus.

Tepco-Vertreter als Experten in Sachen Tsunami

Als Ende 2004 der Megatsunami die Küsten des Indischen Ozeans überrollte, beeinträchtigte er dabei auch das indische AKW Kalpakkam. Es wurde damals notabgeschaltet, aber bereits sechs Tage später wieder auf volle Leistung gefahren. Keine größeren Schäden wurden verzeichnet, jedoch sensibilisierte das Vorkommnis die internationale Atomenergiebehörde (IAEA). Diese initiierte in den Folgejahren Symposien und Workshops, um international die Tsunamiforschung und bestehende Sicherheitsrichtlinien für Kernkraftwerke auf den neusten Stand zu bringen. Auf diesen Veranstaltungen war selbstverständlich auch Japan vertreten. Versteht es sich doch von selbst, dass dieses Land große Erfahrungen mit Tsunamis hatte und deswegen wahrscheinlich auch die besten Berechnungsmodelle. Nun waren die japanischen Repräsentanten aber in vielen Fällen Tepco-Vertreter. Diese schickten sich an, ihre detaillierten Modelle, auf der Basis des 2002 durch die JCSE publizierten Verfahrens, vorzustellen. Die gleichen Tepco-Vertreter, welche die Sicherheit des AKW Fukushima 1 an besagtem Modell erwiesen glaubten, sollten die internationale Expertenschaft für dieses Thema befruchten. So verfeinert diese Wahrscheinlichkeitsberechnung auch gewesen sein mag, der Schutzwall, welcher das heimische AKW Fukushima gegen die Wassermassen schützen sollte, ist dadurch nicht gewachsen. Aber der Höhepunkt sollte noch kommen.

Tepco modellierte bereits ein Erdbeben und einen Tsunami vor Fukushima

Noch im November 2010 auf dem „Kashiwazaki International Symposium on Seismic Safety of Nuclear Installations“ präsentierte ein TEPCO Vertreter wieder einmal die japanische Methode der Tsunamimodellierung basierend auf der JCSE Methode. Fast grotesk wirkt dabei, dass dieses Modell für ein mögliches Erdbeben vor der Küste Japans durchgespielt wurde und zwar unweit südlich des tatsächlichen Erdbebens vom 11. März dieses Jahres. In der gleichen Präsentation will man dann am Beispiel eines tatsächlichen Tsunamis und seines Einflusses auf die Meiler in Fukushima von Ende Februar 2010, dem Tag des Chile-Erdbebens, zeigen, dass die Sicherheitsmaßnahmen tadellos funktionierten. Nur hatte die quer über den Ozean geschwappte Welle nur eine Höhe von einem Meter. Tepco schien sich mit den Modellen eine eigene Realität geschaffen zu haben.

Natürlich ist Japan ein beben- und tsunamigebeuteltes Land und natürlich kann man davon ausgehen, dass es dort auch Experten gibt, welche sich auf streng wissenschaftlicher Basis mit diesen Phänomenen auseinandersetzen. Doch was nützt es, wenn die Deutungshoheit samt Experten scheinbar in den Händen der Privatwirtschaft liegt? Was nützt es, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, aber an Beton und Stahl für eine Schutzmauer zu sparen? Was nutzt eine zahnlose Sicherheitsbehörde, welche sich nicht nach dem richtigen Biss sehnt? Dass wieder einmal klar zu werden scheint, dass sich veraltete, nicht funktionierende staatliche und/oder privatwirtschaftliche Sicherheitsstrukturen immer erst nach Eintreten eines „Worst-Case-Scenario“ offenbaren, sollte eigentlich (wieder einmal) Ansporn genug sein, überall genauer hinzusehen und strenger auf die Finger zu klopfen.

Quellen: Associated Press, The Japan Times

Siehe explizit: Tepco und Fukushima – oder das Restrisiko ist ein Möchtegern

Siehe auch: Fukushima Update – 12.05, 13.05, 14.05, 15.05, 16.05, 17.05, 18.05, 19.05, 20.05, 21.05, 22.05, 23.05, 24.05, 25.05 (1) – (2), 26.05, 27.05, 28.05, sowie IAEA/Fukushima