TEPCO und Fukushima – oder das Restrisiko ist ein Möchtegern

TEPCO Schutzmaßnahmen - Daniel Clemens
TEPCO Schutzmaßnahmen - Daniel Clemens
Das wahre Restrisiko - die Fukushima Betreiberfirma TEPCO modellierte bereits ein Erdbeben vor der Küste, tat aber nichts für die bauliche Sicherheit.

Das Restrisiko, was ist es überhaupt? Man hört es allenthalben durch die Medien geistern. Es wird zum Grenzstein neuer Ideologie. Es ist vertretbar. Es ist nicht vertretbar. Wer mag das für andere entscheiden. Wohl besser für sich selbst. Es geht um Eintrittswahrscheinlichkeiten und daraus resultierende Schäden, um Fakten, um Glauben und um Faktenglauben. Im Allgemeinen klammert man sich dabei gerne an Statistiken – gut, hier ist eine. Nach wissenschaftlichen Studien kommt es in Kernkraftwerken (KKW) nur alle 100.000 Jahre zu einem schweren Unfall. Einerseits könnte man nach Fukushima den Sarkasmus auf die Spitze treiben und den alten Slogan der Atomkraftgegner nach Harrisburg und Tschernobyl - „Kinder wie die Zeit vergeht“ - bemühen. Andererseits hat man nun mit drei schweren Unfällen in 31 Jahren den Soll für die nächsten 300.000 Jahre vielleicht schon erfüllt. Wer weiss das schon, denn Statistik ist halt nur eine Krücke. In der Theorie tritt ein schwerer Störfall also nur alle x-tausend Jahre auf. Genauso könnte man aber überspitzt formulieren, dass in der Theorie Physiker auch beweisen könnten, dass ein Elefant mit seinem Schwanz an einem Gänseblümchen von einer Klippe herunterhängt.

TEPCO-Vertreter – die Experten in Sachen Tsunami

Als Ende 2004 der Megatsunami die Küsten des Indischen Ozeans überrollte, beeinträchtigte er dabei auch das indische AKW Kalpakkam, was zu einer Notabschaltung führte. Bereits sechs Tage später wurde das Werk wieder auf volle Leistung hochgefahren. Glück gehabt. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) rief daraufhin eine Reihe von Workshops ins Leben, welche die Gefahr von Tsunamis für KKW bewerten sollten. Der Erste fand Mitte 2005 in eben jenem indischen Kraftwerk statt. Das letzte Symposium zum Thema ging erst im November 2010 über die Bühne. Dazwischen ist einiges passiert. Man hat nämlich die Modelle zur Vorhersage möglicher Tsunamiereignisse verfeinert und zwar im Sinne der seit 2002 für Japan geltenden Modellierungsmethoden der JCSE. Vorgestellt wurden diese Methoden auf den internationalen Workshops von TEPCO-Vertretern.

Modelle sind aber nur beschränkte Bilder der Wirklichkeit

Alle möglichen numerischen, parametrischen, auf historische Daten basierenden Berechnungen, tragen aber niemals der Realität Komplexität. Die Gefahr, die sich hinter dieser Komplexität verbirgt, ist durch diese Modelle nicht fassbar. Sie wird einfach weg gerechnet und dennoch besteht der Großteil der internationalen und nationalen Sicherheitsstandards aus solchen Berechnungen. Die IAEA rät in ihren Sicherheitsstandards in Bezug auf die Gefahren durch Tsunamis, diese nach bestimmten Methoden zu berechnen. Sie gibt aber keine Anweisung zur baulichen Umsetzung von Schutzmaßnahmen. Die NISA und die JNES ruhten sich derweil die letzten Jahre auf ihrem Polster in Sachen Modellierungsvorsprung aus, ohne den Betreiberfirmen in der Praxis zu nahe zu treten.

TEPCO wusste, der Schutzwall war nicht ausreichend

So verfeinert die neuen Modelle der Wahrscheinlichkeitsberechnung auch sein mögen, der Schutzwall, welcher das KKW Fukushima gegen die Wassermassen schützen sollte, ist dadurch nicht gewachsen. Laut Medienberichten hätte er einer Welle von 5,5 Metern standhalten können. Nach Angaben seitens der Betreiberfirma TEPCO - sogar - einer mit 5,7 Meter. Doch was bringt das, wenn die Welle höher ist, wie die am 11. März? Man wusste im Vorfeld, dass dieser Schutz bei einem größeren Tsunami nicht ausreichen würde und dass die Transformatoren des Notkühlungssystems beschädigt werden könnten. Man tat aber nichts.

TEPCO hat sich verrechnet

Noch im November 2010 auf dem „Kashiwazaki International Symposium on Seismic Safety of Nuclear Installations“ präsentierte ein TEPCO Vertreter wieder einmal die japanische Methode der Tsunamimodellierung basierend auf der JCSE Methode. Fast Grotesk wirkt dabei, dass dieses Modell für ein mögliches Erdbeben vor der Küste Japans durchgespielt wird, und zwar unweit südlich des tatsächlichen Erdbebens vom 11. März dieses Jahres. In der gleichen Präsentation will man dann am Beispiel eines tatsächlichen Tsunamis Ende Februar 2010, dem Tag des Chile-Erdbebens, und seines Einflusses auf die Meiler in Fukushima zeigen, dass die Sicherheitsmaßnahmen tadellos funktionierten. Nur hatte die quer über den Ozean geschwappte Welle eine Höhe von lediglich einem Meter. Da fällt einem nur noch der Refrain eines berühmten Astrid-Lindgren-Klassikers als Kommentar ein.

Das wahre Restrisiko

Wer also einem Restrisiko vertrauen will, sollte wissen, dass es sich bei dem Vielbeschworenen um eine idealisierte Variante handelt. Denn dieses Restrisiko tritt nur ein, - obwohl - alle Systeme laufen. Menschliches Versagen, unvorhergesehene Naturkatastrophen oder mutwillige Zerstörung sind nicht Bestandteil dieses Restrisikos. Das KKW Isar/Ohu liegt in der Einflugschneise des Münchner Flughafens. Was ist, wenn dort das nicht-Unmögliche eintritt? Die meisten KKW liegen an großen Flüssen. Was passiert, wenn sie durch Wind und Wetter lange überschwemmt werden? Das KKW Grafenrheinfeld wird vom Netz genommen, um einen Rohr auszutauschen, das laut Betreiber und Landesregierung Bayerns doch eigentlich in Ordnung war? Neckarwestheim I wird ganz ausgeschaltet, obwohl die IAEA versicherte, es könne noch sechzig Jahre laufen? Wem oder was kann man da noch vertrauen? Dem Schutz vor dem Restrisiko hinter dem Restrisiko jedenfalls nicht mehr! Manchmal ist es besser, sich an Murphys Gesetz zu erinnern – „Alles was schief gehen kann, das geht auch schief“. Erst Rechtens wenn es darum geht, Menschenleben und die Umwelt zu schützen und das nicht nur für den Moment, sondern im Fall der Fälle für Jahrtausende.

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