Testfahrt – das neue BMW 640i Cabriolet

Der neue 6er - Maximilian Planker
Der neue 6er - Maximilian Planker
Vor kurzem wurde das neue Sechser-Cabriolet von BMW vorgestellt. Höchste Zeit wurde es, sich ihm auf den Straßen rund um Bonn zu nähern.

Das Leben ist nicht leicht. Es gibt schwere Tage und es gibt Tage, da möchte man am liebsten alles abschalten. Seit Jahren versuchen die Automobilhersteller daher, wenigstens dem Autofahrer den Stress zu nehmen und – so beschleicht einen manchmal das Gefühl – das Auto für sich fahren zu lassen. Natürlich geht es vorrangig um die Sicherheit und die Unterstützung des Fahrers in schwierigen Verkehrssituationen. Ob das so funktioniert, es den Fahrer vielleicht zu sehr in Sicherheit wiegt oder gar ablenkt, zeigt eine kleine Testfahrt mit dem jüngsten Spross der BMW-Familie: dem neuen BMW Cabriolet der 6er Baureihe, intern F12 genannt.

Design

Rein optisch hat sich viel getan am neuen Sechser. Der polarisierende, aufgesetzte Kofferraumdeckel ist passé, die Seitenlinie zeigt sich jetzt stimmig und aus einem Guss. Das Heck wirkt durch viele Sicken und Wölbungen etwas zerklüftet, was gerade bei helleren Metalliclackierungen ins Auge fällt. Die Tränensäcke der Frontansicht gibt es nicht mehr, stattdessen dominiert die verchromte BMW-Niere das Bild.

Im Innenraum gab jedoch das Vorgängermodell mit dem in das Armaturenbrett integrierten Bildschirm für das „iDrive“ genannte Informations- und Navigationssystem ein harmonischeres Bild ab. Das im aktuellen Modell mehr zum Fahrer geneigte Cockpit wirkt mit dem feststehenden, aus der Mittelkonsole herauswachsenden, großen (und perfekt ablesbaren) Bildschirm verspielt und unruhig. Darunter sitzen die Bedienelemente für den CD-Wechsler und die Klimaautomatik. Die Instrumente sind sehr gut ablesbar, basieren allerdings nur noch auf Bildschirmtechnologie. Einzig die Zeiger arbeiten noch analog, die übrigen Informationen wie Verbrauch, Restreichweite, aktueller Kilometerstand oder die Richtungsangaben des Navigationssystems werden situationsabhängig eingeblendet. Kleinere Personen müssen jedoch das Lenkrad weit nach unten oder den Fahrersitz nach oben stellen, um auch die untere Zeile des Bildschirms ablesen zu können. Ferner wechseln bei Dunkelheit die Ziffern die Farbe von ursprünglich weiß zu einem dunkleren rot. Ein Umstand, der etwas gewöhnungsbedürftig ist, wenn man häufig durch Tunnel fahren muss und ein (serienmäßiges) Extra, das man – wenn man ehrlich ist – nicht braucht.

Komfort und Haptik

Die schweren Türen fallen nicht wie eine Tresortür ins Schloss, sondern klappern, als ob sie aus Einwegdosen zusammengeschnitten worden wären. Das trübt das positive Bild beim Einsteigen in den ansonsten tadellos und wertig verarbeiteten Innenraum. Das Leder auf dem Armaturenbrett und an den Türbrüstungen ist Teil des erweiterten Lederpakets und sehr grob genarbt, weicheres und noch hochwertigeres Leder gibt es als Extra und kostet den geneigten Kunden rund 1.400€ Aufpreis. Auf den ebenfalls aufpreispflichtigen Komfortsitzen dürfte aufgrund der zahllosen Ein- und Verstellmöglichkeiten jeder eine gute Sitzposition finden. Sogar die Seitenwangen lassen sich verstellen, falls man sich dann doch mal auf den Nürburgring wagt.

Beim Fahren

Schlüssel drehen war vorgestern, die große Fernbedienung steuert lediglich die Türen, ansonsten kann sie in der Hosentasche, Handtasche oder in welcher Tasche auch immer verschwinden. Gestartet wird per Start-/Stopp-Knopf. Wo war nochmal das Problem mit dem Zündschlüssel? Vom Motor, einem drei Liter großen Sechszylinder mit Biturbo-Aufladung und 320 PS, hört man recht wenig, leider auch von außen. Ein wenig mehr Sound würde ihm gut stehen.

Den Wählhebel für die neue Achtgangautomatik kennt man noch aus dem alten Modell – er springt immer wieder in seine ursprüngliche Position zurück, sobald man den gewünschten Gang eingelegt hat. Einzig für das manuelle Eingreifen und den Sportmodus der Automatik zieht man ihn ein Stück nach links.

In der Position „D“ angekommen, rollt der Wagen los. Auf dem Bildschirm wird dem Fahrer neben der Radiosenderliste noch in verschiedenen Farben angezeigt, welche Hindernisse er gerade hoffentlich nicht übersieht; beim Rückwärtsfahren gesellt sich die Rückfahrkamera hinzu. Diese ist auch sehr empfehlenswert, denn dank der arg klein geratenen Heckscheibe sieht man nach hinten viel – nur nicht die Straße. Ein nützliches Extra.

Verzichtbar hingegen ist der Parkassistent. Dieser lenkt den Wagen in die Parklücke. Von selbst. Der Fahrer muss nur noch Gas geben und Bremsen, kann also dabei telefonieren, essen, trinken und wahrscheinlich noch ganz anderen Bedürfnissen hinterhergehen.

Das Fahren im Sechser-Cabriolet gestaltet sich ansonsten ähnlich komfortabel, wie es der Parkassistent sein soll. In den verschiedenen Fahrwerks- und Antriebseinstellungen gleitet der Wagen von sehr komfortabel und leise bis unangemessen hart und immer noch leise über die Straßen. Das solide gebaute Stoffverdeck schluckt sämtliche Außengeräusche.

Störend zeigt sich hingegen die verbaute Achtgangautomatik. Leider kann sie im Stadtverkehr die Anfahrschwäche des Sechszylinders nicht kaschieren, sie schaltet auf der Autobahn bei kleinsten Gaspedalbewegungen hektisch zwischen den einzelnen Gängen hin und her. Acht Gänge hätte man sich sparen können, BMW. Aus Frust darüber fährt man auf der Autobahn nur noch im manuellen Modus, damit selber bestimmt werden kann, wann und in welchem Maße runter- oder hochgeschaltet wird.

Der Testwagen war außerdem mit zahlreichen Assistenten ausgestattet: beispielsweise der „Spurverlassenswarner“ (540€). Dieser arbeitet kamerabasiert und kontrolliert, ob der Fahrer eine Spur auf der Autobahn unkontrolliert verlässt und warnt ihn durch eine Vibration am Lenkrad. Das System arbeitet zwar sehr zuverlässig, wirklich brauchen werden das aber nur diejenigen, die im Auto beim Fahren mehr schlafen als fahren.

Überdies war der „Spurwechselwarner“ (620€) verbaut: hier überwachen Sensoren den seitlichen Teil des Fahrzeugs. Sobald sich ein anderes Fahrzeug neben dem Sechser befindet und der Fahrer dennoch auf die besetzte Spur fahren will, wird er optisch und haptisch gewarnt. Das geschieht ebenfalls sehr zuverlässig, aber – wofür genau war nochmal der Schulterblick (0€)?

Ein gar nicht mehr so neues Feature verbauen die Herren aus München ebenfalls gegen Aufpreis: das „Head-Up-Display“. Gar nicht mehr so neu ist es deswegen, da Chevrolet es in der Corvette schon seit Mitte der 90er Jahre einbaut. Es zeigt neben der aktuellen Geschwindigkeit auch die auf der Straße erlaubte Geschwindigkeit direkt im Sichtfeld des Fahrers in der Windschutzscheibe an. Die Geschwindigkeitserkennung ist allenfalls für Vergessliche sinnvoll, das „Head-Up-Display“ aber ein vernünftiges Kreuzchen auf der langen Optionsliste.

Fazit

Ein rundum gutes Auto ist der neue 640i auch ohne Extras, die mehr verwirren und höchstens dem Beifahrer im Stau Spaß machen. Mit der neuen Achtgangautomatik hat BMW einen Fehlgriff getan, sie schaltet zwar fast unmerklich aber zu viel und zu hektisch, wodurch beim schnellen Beschleunigen immer Pausen entstehen, da erst der richtige Gang gesucht werden muss. Spritsparend ist das ganze darüber hinaus auch nicht, der Testverbrauch von 17,1 Litern auf 100 Kilometer ist sicher nicht repräsentativ für alle Sechsermodelle, zeigt aber die Grenzen der Technik auf: ein Benziner mit 320 PS auf zwei Tonnen Gewicht kann nicht sparsam sein und auch der potentielle Käufer sollte sich bereit erklären, ein wenig Platz im Portmonee zu schaffen: 83.300€ für das 640i Cabriolet respektive 74.700€ für das Coupé. Natürlich ganz ohne Extras.

Maximilian Planker - - 1992 geboren - ab Oktober Studienanfänger - schreibe gerne über meine Erfahrungen mit Automobilen, Reisen und über ...

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