Thala, am Rande der Sahara

Einst römisches Lager, heute tunesische Provinz

Thala: Die einzige Frau in meinem Leben - François Maher Presley
Thala: Die einzige Frau in meinem Leben - François Maher Presley
Die ehemalige Provinz Africa wurde zur reichsten Provinz der Römer. Heute zählt Tunesien zu den ärmsten Ländern der Welt. Ein Besuch in Thala und Sousse.

Ein Besuch in seinem Heimatort Thala. Dort leben seine Mutter, seine Cousine Saida, sein acht Jahre jüngerer Cousin Majdi, dessen Eltern schon vor vielen Jahren verstorben sind. Yamel ist ein Einzelkind. Sein Vater verstarb als Yamel 12 Jahre alt war.

Thala - Ein Besuch im frühen Mittelalter

Ein Eisentor, links ein Verschlag mit Loch im Boden, das als Toilette dient, in der Mitte ein Hof, darum herum angegliedert ein Stall, ein Wohnraum mit Fernsehgerät und Sitzmöglichkeiten, abgetrennt von einem Kochbereich, ein Schlafzimmer, Betten und ungezählte Decken.

Drei Schafe im Hof, ein Hund, der immerzu wacht, selbst im Schlaf noch durchgehend bellt und knurrt, als müsse er jedem beweisen, “ich bin noch da und passe auf”, “arabische Musik”, sagt Yamel dazu, drei Hühner pickend im Müll, die für den Eierbedarf sorgen und ein Hahn, der scheinbar seinen Weckdienst auf den Ramadan umgestellt hat.

“Meine Mutter und ich sind eins. Es wird niemals eine andere Frau für mich geben.” Alle sind über die unerwartete Ankunft des Sohnes gerührt. Herzlichkeit, Umarmungen, Küsse, auch für den Fremden. Yamel bringt seinen neuen Freund mit, er führt ihn zurück ins Mittelalter, in eine karge Landschaft, ein tristes Leben ohne Arbeit, ohne Unterhaltung, keine Beschäftigung für die Jugendlichen, unendlich viel Dreck, Plastiktüten, Dosen, Altpapier, der ganze Ort ein Steinbruch, eine Müllhalde und mittendrin ein natürlicher Brunnen.

Der Ramadan macht es noch schlimmer

Der Tag ist lang im Ramadan, es wird nicht gegessen und getrunken, nicht geraucht oder gar gespielt, keine Zigaretten, keine Wasserpfeife, die abends neben dem Kartenspiel in der Männerwelt des Cafés in den Mittelpunkt rückt und nach und nach die lauten Stimmen, die Eiseskälte und den Geruch von Urin aus der offen stehenden Toilette in dicken, alles benebelnden und in Rausch versetzenden Rauch hüllt.

Es bleibt nur Schlafen für die Männer und Fernsehen, drei Programme in schwarz-weiß, manchmal spricht der Präsident, Gottesdienste werden übertragen, Geschichten aus 1.000 und einer Nacht, unterbrochen von den neuen Geschichten einer anderen Zeit, Werbung wie in Europa, manche Kinder in der Schule, soweit vorhanden, beim Arbeiten, Stunden zur öffentlichen Dusche, Frauen bereiten das Haus und die Speisen für die ersehnte Zeit danach, jeden Tag eine Minute später, dreißig Tage, 12 Stunden, 30 Minuten.

Gastfreundschaft, aber auch Hoffnung

Der Fremde ist zu Hause, einfache Menschen, liebevoll und naiv, sinnliche Lippen, gezeichnete Lippen, nicht wirklich scheinend, markante Gesichter, starker Bartwuchs, der die Gesichtszüge noch unterstreicht, dunkle Augen, raue Hände, fast schwarzes, dunkles, festes Haar, viel Tradition eines unter Qualen sesshaft gewordenen Wandervolkes, Grußformeln, Umarmungen, rohe Zärtlichkeiten, Wärme, zusammen unter dicken Webdecken und Teppichen, kaum noch beweglich, stille Erotik, hinein in die Kälte warten, alle Kleider übereinander, mit den Händen essen, laute Musik, laute Gespräche, Verwandte kommen, warten auf den Sohn, am offenen Feuer, Müdigkeit, der sitzt im Caféhaus und spielt mit seinen Freunden Karten, raucht, maskulines Gehabe, temperamentvolles Streiten, wieder Umarmen, Küssen, starker Kaffee und Wasser.

Das Leben die Hölle, Sterben das Paradies

Der Tag ist lang im Ramadan und lässt viel Zeit zum Träumen. Tunis ist weit, kein Traum mehr, in Europa ist alles besser, träumen von einer besseren Zukunft mit Job, mit mehr Geld für die Familie, doch in Thala wohnt der Tod. Früher einmal waren die Römer hier, Ausgrabungen im Stadtkern beweisen das, manche besser erhalten als die Hütten der Lebenden. Heute kommt keiner mehr, kein Römer, kein Tourist.

Für die meisten Kinder und Jugendlichen ist dieses Leben die Wirklichkeit, aber auch das Ende. Schule abgebrochen, Schläge, Wasser schleppen, Tagelöhner, Fußballspielen, promenieren in kaputten Schuhen, durchlöcherten Socken, zerrissenen T-Shirts, ungewaschen, stinkend, frierend, nach Wärme suchend, immer wieder körperliche Wärme untereinander in der Familie, bei den Nachbarn, dem Fremden, der gehen wird, der nicht gehen darf, “Bleibe bei uns, ich sorge für Dich.”, der gehen wird und Majdi weinend zurücklässt, seinen neuen, kleinen Bruder, der einen Vater sucht, jemanden zu dem er aufsehen kann, ein Vorbild, schön, sauber, erzogen, gebildet und nicht gezeichnet, Küsse und Tränen, Umarmungen und Lachen, hoffen auf bald, eigentlich nicht wirklich hoffend, nichts mehr glaubend, kein Versprechen, nichts erwartend, wenn die Kälte kommt, an nichts denkend, in einsamen Nächten, deren Sternenmeer nur noch den Fremden staunen lässt, nur wissen von Allah, der ist gütig und erzählt von einer besseren Zeit im Paradies.

Eindrücke aus Sousse - Ein Beispiel

Die Alt- und Innenstadt von Sousse (ca. 100.000 Einwohner) ist zwar touristisch erschlossen, aber doch auch mit ein bisschen arabischem Charme und einem ebensolchen Treiben auf den Märkten erhalten.

Diese hübsche Kleinstadt bietet sehr viele Mittelklasse-Hotels für den billigen Massen-Tourismus aus Europa. Früher (2000) kamen noch 1,3 Millionen Deutsche (insgesamt über 4 Millionen.), nach dem Attentat auf Djerba jedoch reduzierte sich der Tourismus. Heute sind es nur noch 600.000 deutsche Besucher. Insgesamt nahm der Tourismus um 60 % ab und erholt sich nur mühsam.

Noch 2001 machte der Tourismus 7,1 % des Bruttoinlandsprodukts aus. Ein Drittel aller Beschäftigten arbeitet in der Landwirtschaft und Fischerei, die verarbeitende Industrie macht ein Fünftel der Inlandsproduktion aus. Dennoch bleiben die ausländischen Besucher und die im Ausland lebenden Tunesier eine wichtige Einnahmequelle und ein ebenso wichtiges Standbein der tunesischen Wirtschaft.

Typische Lebensläufe in der Provinz

Der Vater ist verstorben oder fortgegangen und hat sich eine andere Frau genommen. Der älteste Sohn übernimmt seine Rolle als Familienoberhaupt. An ihm liegt es nun, die Mutter, die Geschwister und ggf. sonstige Verwandte und natürlich sich zu ernähren. Das ist in einem armen Land wie Tunesien (10 Millionen Einwohner) sehr schwer und verleitet schnell zu verbotenen Geschäften mit Ausländern oder zu ebenso verbotenen privaten Kontakten. Gerade die jungen Männer in den Touristenorten haben oft Freundinnen und Freunde im Ausland, die ihnen für sexuelle Dienste finanziell unter die Arme greifen.

François Maher Presley, Foto: David Eschrich, Fançois Maher Presley

Francois Maher Presley - François Maher Presley kam in Kuwait/pers. Golf zur Welt und lebte seit seinem sechsten Lebensjahr in Hamburg. Der Autor und ...

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