
- Seefestspiele Wannsee: Die Reihen füllen sich - Peter Zechel
Berlin hat neue Seefestspiele. Die waren zunächst für Potsdam geplant, wo es schließlich Probleme gab. Sie sollten dann im Wannsee zu Wasser gelassen werden, um schließlich über dem Wannseebad anzulanden. Es war eine komplizierte Geburt, fast eine Notgeburt, deren Ergebnis noch bis zum Sonntag, 28. August 2011, am Wannsee zu erleben ist.
Zauberflöte ohne neue Einblicke
Das Wetter scheint dem Spektakel bei der Premiere am 11. August 2011 immerhin gewogen. Wenn man Glück hat, gibt es sogar eine Ahnung von Sonnenuntergang am Wannsee, denn je nachdem, wo die Zuschauer sitzen, haben sie sogar Seeblick. Und auf den See war Katharina Thalbachs Regiekonzept ausgerichtet. Sie hat der Oper nach dem Libretto von Emanuel Schikaneder und mit der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart keine neuen Einblicke abgerungen. Der Zweiakter wurde schlicht und damit bisweilen etwas langatmig vom Blatt inszeniert. Mit ein wenig Ringelpietz mit Anfassen und einigen Gags, spielt die Regisseurin amüsant auf die gerade nicht ins Wasser gefallenen Seefestspiele an. Nur machte das alles keinen stringenten Eindruck. Da treten die drei Damen der Königin der Nacht zunächst als Nonnen auf, um sich wenig später die Habits vom Leib zu reißen. Und Sarastros Mannen donnern als stets kampf- und kletterbereite Shaolin-Priester auf und unter der 18 Meter hohen Pyramide herum. Das hat zwar Effekt, aber eine weitere Ausleuchtung der auf der Theaterbühne gerne ingeniös interpretierten Zauberflöte ist das nicht.
Maschinenoper mit Effekten
Wuchtig steht die Pyramide also hinter dem Eingang des Wannseebades. Ein riesiger Kreis gestattet den Durchblick auf die zentrale Spielstätte. Darunter liegt ein Felsenmeer, aus dessen imaginärer Brandung bei diversen Gelegenheiten allerlei Viehzeug mit und ohne Kiemen, mit oder ohne Flügel hervorlugt. Modisch tätowierte Sklaven rollen den Serail von der Seite herein. Darin hält Sarastro die Tochter der Königin der Nacht, Pamina, mit Hilfe des Monostatos gefangen. An Effekten lassen es Thalbach, ihr Bühnenbildner Momme Röhrbein und Kostümbildnerin Angelika Rieck – wohl ganz im Sinne der Autoren dieser „Maschinenoper“ – nicht mangeln. Wenn die Königin der Nacht bzw. ihr Double nicht gerade an einem Kranausleger über der Szenerie schwebt, so wird viel Nebel für die Auf- und Abtritte der nächtlichen Königin aufgeboten.
Gelungener Regiestreich: Schauspieler Guntbert Warns als Papageno
Mehr als ein gut gemachtes unterhaltsames Spektakel war am Wannsee nicht wirklich zu erwarten. Und so müssen sich auch Musikpuristen mit Andeutungen von mozartscher Raffinesse begnügen. Gewaltige Lautsprecherbatterien, und eine grobe Klangaussteuerung korrespondieren allerdings mit dem holzschnittartigen Dirigat, mit dem Judith Kubitz die Kammerakademie Potsdam leitete.
Freuen darf man sich am Staatstheater Schwerin auf Musa Nkuma. Der südafrikanische Tenor hat männlich lyrisch einen tadellosen Tamino hingelegt. Sophie Klußmann ist ihm die adäquate gut geerdete Pamina, und beiden gelingen auch die vielen Sprechszenen des Singspiels. Denn Mozart hat sich in der Zauberflöte an keine überkommene Form gehalten. Ohnedies kann die Oper ihre Herkunft vom Wiener Vorstadttheater mit dem Hanswurst als Protagonisten nicht verbergen. Dessen Figur setzten Mozart und Schikaneder mit dem Vogelfänger Papageno ein Denkmal. Deswegen ist Thalbachs gelungenster Streich des Abends, Papageno mit Guntbert Warns zu besetzen. Denn er kombiniert auf das Beste und damit höchst vergnüglich komödiantische Präsenz mit einer tragfähigen Singstimme. Andreas Hörl überzeugte als Sarastro. Sein Gegenpart, die rachsüchtige, Sternen flammende Königin, am gesehenen Abend Chelsey Schill, ließ eine Mozart angemessene Akuratesse als Voraussetzung für tonale Treffsicherheit vermissen. Ansonsten solide Verlässlichkeit bei den drei Damen der Königin der Nacht, bei den Damen die die drei Knaben singen, bei den Priestern, bei den Geharnischten.
Einen schweren Stand hat bei den Seefestspielen Berlin der "Neue Potsdamer Kammerchor" gegenüber dem Lautsprechersystem. Das dürften aber „Kinderkrankheiten“ sein. Das Festival ist jung, und wenn den Organisatoren die Lust am lustigen Spiel behalten, das außerhalb der Opernhäuser erlaubt sein sollte, und am Schluss die Kasse stimmt, dann werden solche technischen Probleme bald vergessen sein. Das Publikum jedenfalls applaudierte höchst angetan.
Lokalpolitiker ohne Interesse
Eine Anmerkung zum Schluss: Weil es in Potsdam Naturschutzbedenken gab, zogen die Seefestspiele nach Berlin. Doch auch die Seebühne im Wannsee stieß auf Bedenken. Das Interesse der sonst so Eventkunst beflissenen Berliner Lokalpolitik an den Seefestspielen scheint aber nicht besonders groß zu sein. Denn die Grußworte des Regierenden Bürgermeisters und des Bezirksbürgermeisters von Steglitz-Zehlendorf spiegeln mäßige Begeisterung wider. Wie anders lesen sich da die wenigen Zeilen von Regisseurin Katharina Thalbach. Sie steht jedenfalls voll hinter der trocken gelegten, spektakel-seligen Variante ihrer Zauberflöte.
