"The Artist"

Hollywood im Zeitalter des Stummfilms  - Rainer Sturm/ pixelio.de
Hollywood im Zeitalter des Stummfilms - Rainer Sturm/ pixelio.de
Der Kinofilm erzählt den Epochenübergang vom Stumm- zum Tonfilm. Mit dem Filmskript entweicht auch ein wunderbarer Flaschengeist im kommerziellen Filmgenre.

"Ich werde nicht ganz sterben", sagte Horaz in der Antike und auch im amerikanischen Filmgeschäft der Zwanziger Jahre weist der Satz auf einen tatsächlichen, zurückliegenden und imaginären Ruhm hin: Vornehmlich gilt er für George Valentine. Hauptdarsteller des neu angelaufenen Kinofilms "The Artist". Es ist eine Stummfilmproduktion des Regisseurs Michel Hazanavicius und lief - mit begeisterten Zuschauerreaktionen für eine verstoßene und wunderbar geschaffene Schwarzweißfilmwelt - am 26. Januar in den deutschen Kinos an. So blicken die Kinobetreiber derzeit vergnügt zu den bereits vom Trailer entzückten Besuchern, die vom Eingang zu den Popcornmaschinen und Softdrinkverkäuferinnen staken und ihre Verköstigungen in die Kinoräume tragen zur altmodischeren Unterhaltung und äußerst gelungenen Produktion aus Frankreich, in der der verräterische Ruhm und ebenso beginnende Imperialismus einer neuen Filmtechnik geschildert wird.

Der Ruhm, die Zwanziger Jahre und Peppy Miller

Zunächst zum Ruhm: Schon im Filmtrailer bleckte der Ruhm mit seiner grellen, täuschenden Höhe, seiner Zartheit und lügnerischen Unerschöpflichkeit für jeden Zuschauer als hauptsächliches Spannungselement des Films. Amerika. Das Jahr 1927. Vor dem "La Reina Theatre" tummeln sich etliche Besucher in eleganten Anzügen und mit Hüten. Auch Reporter, die auf ein Interview mit dem großen Hauptdarsteller des Stummfilms und Königs seiner Zeit George Valentin (Jean Dujardin) warten. Der tänzelnde Artist mit dem Clark Gaible Bart, der die Lebensfreude und den majestätischen Schwung in der bröckelnden Glorie des Stummfilmzeitalters tanzt, tritt hinaus, zur Fan- und Reporterschar, als plötzlich die junge, unbekannte Schauspielerin und Tänzerin Peppy Miller (Berenice Bojo) vor seine Füße fällt. Sie tingelte bislang nur in Statistenrollen. Nach und nach findet der Tonfilm Wohlwollen bei den Kinoliebhabern und Filmkritikern. Er steigt auf - mit ihm Peppy Miller.

George Valentin gelangt zu einer seltsamen Linie, wird allmählich zu einem melancholischeren, vergessenen Artisten, der wie ein überlebter und unverstandener Opernstar durch die Straßen schleicht und diese endlose Linie, die neue Filmentwicklung nicht einordnen kann. In einer Szene hält er vor einem Vitrinenfenster für Herrenanzüge und wird an einem Garderobenständer träumerisch und imaginär: Er spiegelt sich darin, samt Frack und Fliege und der früheren Popularität. Denn der Tonfilm streut seine Sterne nun über den Kleidern und Anpassungsbegabungen der Tänzerin Peppy Miller aus. "The Artist" zeigt die Quantensprünge und menschlichen Schicksale - zwischen Vergötterung, aufsträubenden und verblühenden Seelen und gipsenen Einsichten des George Valentin - innerhalb der Filmindustrie.

Der entwichene Flaschengeist: Ein kraftvolles, rares Filmskript

Die Geschichte des Films, die ohne der Macht der Dialoge auskommt und auf den Unterhaltungswert und die Unwiderstehlichkeit der Bilder setzt, auf die dramaturgische Entwicklung wettet, schöpft auch seine Einnahmegarantien aus dieser feinen Inszenierung und Drehbuchkunst.

Jurymitglieder weltweit haben es schon wie beim Blick auf einen besonderen Flaschengeist, der 2012 entwichen ist, erkannt. Jean Dujardin wurde bei den Filmfestspielen in Cannes als bester Hauptdarsteller geehrt. "The Artist" erhielt drei Golden Globes. Darüber hinaus verlieh die Jury des Chicago Film Festivals den Audience Award an Regisseur Michel Hazanavicius.

Jean Dujardin vagabundierte in kleinen Pariser Clubs

Der 1972 nahe Paris geborene Jean Dujardin vagabundierte zunächst als Komiker und Schauspieler durch die Pariser Kabarettclubs. Seine Bühnenpräsenz wurde durch Auftritte in Theatern der französischen Seinemetropole verfeinert. Dabei atomisierte sich eine mögliche Verdrossenheit vor dem Publikum: Sein Humor und Unterhaltungstalent amüsierten bereits die Leute in den noch spärlicheren dritten und vierten Reihen. Den Durchbruch als Schauspieler ermöglichte ihm die Serie „Un gars, une fille", die Millionen französischer Zuschauer Ende der Neunziger Jahre vor die Fernseher lockte.

Jean Dujardin war nicht unbekannt, aber wird jetzt als der Mann des wiederbelebten Stummfilms viel feierlicher und getragener im Abspann eines jeden Kinofilms gelesen werden. Neben einflussreichen und einfallsreichen Drehbuchautoren, die sich selbst dort bestätigen. So wird der brandneue Kinofilm "The Artist" - der Aufstieg und Fall des Goerge Valentin - , sein Sündenfall zum grandiosen Sonderfall seiner Filmkarriere, den die Regisseure in Europa und Hollywood fortan wie goldene, späte Talentscouts einkalkulieren werden bei der Vergabe ihrer Hauptrollen.

Die Vergabe zukünftiger Hauptrollen und feierlichere Begegnungen

Nachdem Dujardin also in den Vorjahren mit seinem zarten Bekanntheitsgrad vor die Regisseure trat, und weder diese "Präsidenten des Filmsets" noch er selbst den Coup mit dem Drehbuch "The Artist" erahnen konnten, und somit jeder bewährte Charme und jede bewährte Selbstgefälligkeit, also der herkulesche Auftritt in Hollywood fehlte, um für jene potentiellen Rollen in Betracht gezwogen werden zu können, reißt der Lob in diesen Tagen nicht ab. Ein Lob, der äußerst klar und und eindeutig ausfällt. Auch für Regisseur Hazanavicus. Ohne empörten Gegenmeinungen oder überraschten Kritikern aufspringt. Ein Lob, der seinen Ritterschlag und seine Pracht wohl gänzlich in der Oscarnacht in Los Angelos erleben wird. "The Artist" ist für zehn Oscars aufgestellt.

So kann die Filmcrew und jener ehemalige Pariser Kabarettist, der in den Auftritten und Dialogszenen der Vorjahre gemocht, aber übersehen wurde, für den gespaltenen, stummen Gentleman mit dem größtmöglichen Fachlob und publiken Zustimmen in Los Angelos rechnen. Es ist ein sehr individueller Beitrag im Angebot des vielfältigen Neuzeitfilms. Jean Dujardin wird dabei heiter die spätere Party der Hollywoodnacht betreten können. Tritt er für wichtige Projekte fortan in die Büro´s der wichtigen Männer Hollywoods, wird er als der tänzelnde, schmalbärtige, charmante und charmant-entmachtete Mann aus dem wunderbaren Drehbuch gelten.

Ein Drehbuch, daß sich ebenso als Filmprojekt bewährte und die Geschichte des desillusionierenden und schöpferischen Epochenübergangs im amerikanischen Filmbuiseness erzählt und als verwundernde und ebenso tonanbegebende Produktion der vergangenen Jahre in den Frühjahrskinos anläuft.

"The Artist"

Drehbuch/ Regie: Michel Hazanavicius

Darsteller: Jean Dujardin, Berenice Bejo, John Goodman

Filmlänge: 100 Minuten

Delphi Filmverleih

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