The Battle of the Somme

Die Dramatisierung des Faktischen

The Battle of the Somme 1916 - common license
The Battle of the Somme 1916 - common license
Ab wann wurde Re-enactment eingesetzt? Was haben Horrorfilme mit Propagandafilmen zu tun? Und welche Reaktion gab es darauf zu Beginn des 20 Jh.?

The Battle of the Somme ist der erste Dokumentarfilm, der die Kriegsfakten nicht nur einfach präsentiert, sondern auch dramatisiert. Am 10. August 1916 findet die Uraufführung vor geladenen Gästen in London statt. Es handelt sich um einen Propaganda-Film des britischen Kriegsministeriums. Der Film zeigt die gleichnamige Schlacht des Ersten Weltkrieges, die mit über einer Millionen Toten auch zugleich die verlustreichste war.

Der Zuschauer als Allwissender Betrachter

Dem chronologischen Schlachtverlauf folgend wird die Handlung in eine über einstündige Filmdramaturgie übersetzt. Die vorherrschenden Propagandafilm-Konventionen werden über den Haufen geworfen und der Krieg auf authentische Weise inszeniert. Man spricht von nahezu 20 Millionen Zuschauern, allein in Großbritannien. Das spezifische Verfahren: Zwischentitel weisen auf todbringende Ereignisse hin, die genau jene Soldaten treffen, die gerade von der Leinwand zum Publikum schauen – Minuten später geraten sie unter feindliches Feuer. Derartige Hinweise verleihen den unspektakulären Aufnahmen zusätzliche Dramatik und die Aura des Todes. Der Zuschauer wird zum allwissenden Betrachter und muss angespannt auf die verheerenden Ereignisse warten – ähnlich der Situation im Horrorfilmgenre. Die Glaubwürdigkeit erhält der Film durch die Betonung der Fakten mittels Einblendungen, wie „Es ist wirklich passiert!“. Die Notwendigkeit, einige Szenen des Kampfes nachträglich zu inszenieren, ergab sich aus der Gefahr für Mensch und Technik und ist nachgewiesen worden.[1]

Fälschung = Falsch?

Haben wir es hier also mit einer Fälschung zu tun? Einem Fake? Sind nachgestellte Szenen nicht generell als Fälschung zu bezeichnen und gefährden diese dann nicht den Beweis der Wirklichkeit? Nicht unbedingt. Vielmehr stellt sich die Frage, zu welchem Zweck eigentlich betrogen wird? Soll der Betrachter eines Dokumentarfilms durch die Fälschung etwa nur getäuscht werden, wie es zum Beispiel der Propaganda-Film des Zweiten Weltkriegs tat? Oder dient eine Fälschung auch dazu einen Film authentischer wirken zu lassen?

Mit Reenactment zur authentischen Erfahrung

War es vielleicht möglich, dass die Zuschauer bei der Uraufführung 1916 jene Schockmomente der Schlacht ähnlich miterleben konnten, wie die auf der Leinwand vorbeihetzenden Soldaten? Gerade die Dramaturgie der einzelnen Szenen war entscheidend für die zeitgenössische Wirkung der radikalen „Somme-Dokumentation“. Gerade die nachträglich inszenierten Spielszenen brachten jene außerfilmische Wirklichkeit dichter an den Zuschauer heran und machten den Schrecken des Krieges erfahrbarer und authentischer.

The Battle of the Somme ist ein frühes Beispiel für Reenactment und wäre unter realen Bedingungen nur unter höchster Lebensgefahr des Filmteams entstanden. Das Verlassen der Schützengräben zum Angriff – die sogenannte „Over the top“-Sequenz zeigt, was nicht gefilmt werden konnte: den Gegenangriff der englischen Soldaten. In einem Londoner Kino setzte bei dieser Szene das Orchester plötzlich aus – es war totenstill, und als sich die beiden Soldaten (Schauspieler) beim Angriff in den Graben fallen ließen, schrie plötzlich eine Frau in den dunklen Saal: „Oh God, they`re dead!“[2]

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Quellen

[1] Martin Loiperdinger: Die Erfindung des Dokumentarfilms durch die Filmpropaganda im Ersten Weltkrieg, In: Die Einübung des dokumentarischen Blicks, Marburg, 2001, S.77

[2] Martin Loiperdinger: Die Erfindung des Dokumentarfilms durch die Filmpropaganda im Ersten Weltkrieg, In: Die Einübung des dokumentarischen Blicks, Marburg, 2001, S78

Marco Breddin, Freier Autor & Journalist, Marco Breddin

Marco Breddin - Sein Studium nutzte der Dipl.-Designer für die Produktion eigener Dokumentarfilme. Nach einem Abstecher in die Film/TV Postproduction ...

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