
- The Beatles - c Apple Corps Ltd
1966 war ein wichtiges Jahr in der Karriere der Beatles: Sie hörten auf, auf Tournee zu gehen und entdeckten das Aufnahmestudio als zusätzliches Instrument. Die Beatles verbrachten nun mehr Zeit als früher im Studio und experimentierten mit Aufnahmetechnik und neuen Sounds. Das Resultat: ein Meisterwerk namens „Revolver“. Für viele ist „Revolver“ das beste Beatlesalbum, aber darüber lässt sich natürlich streiten. Fakt ist, dass die Beatles noch im Jahr zuvor „Help!“ gesungen hatten und ziemlich unbeholfen vereiste Skipisten hinuntergefahren (bzw. –gerutscht) waren. Nur knapp ein Jahr später – und mit nur einem Album dazwischen – befanden sich die Beatles musikalisch und spirituell bereits auf einem völlig anderen Stern.
George Harrisons „Taxman“ rechnet mit Premier Harold Wilson ab
Das Album startet mit einem Count-in: „One, two, three, four…“ Eine neue Gangart, etwas Neues beginnt hier: Im Hintergrund hört man Gitarrentöne, Räuspern. Es wird klar: Das hier sind nicht mehr die niedlichen Beatles auf Tournee, sondern eine Studioband bei der Arbeit. Es folgt George Harrisons „Taxman“, eine böse Abrechnung mit dem britischen Steuersystem und dem damaligen britischen Premier Harold Wilson und dem konservativen Oppositionsführer Edward Heath, die beide namentlich genannt werden. Erstmals war ein Harrison-Song prominent auf einem Beatlesalbum platziert (und nicht wie üblich unter ferner liefen): Harrison begann, sich als Songschreiber neben Lennon/McCartney zu etablieren. Paul McCartney steuert (ausnahmsweise) ein rasantes, Raga-artiges Gitarrensolo bei, das rückwärts abgespielt wurde. Die charakteristische, abgehackte „Stopp&Start“-Gitarre des Songs und seine Basslinie wurden seitdem von unzähligen Bands kopiert (z.B. von The Jam, „Start!“, 1980).
Klassische Musik als Einfluss bei „Eleanor Rigby“ und „For no one“
„Revolver“ ist ein Album mit großer Kunst und pessimistischen sozialen Kommentaren der bis dato eher unpolitisch agierenden Beatles. „Eleanor Rigby“ mit seinen nach Hitchcock klingenden Streichern und McCartneys traurigen Geschichten über einsame Menschen ist der erste Beatlessong, auf dem weder Gitarren noch Schlagzeug zum Einsatz kommen. „Eleanor Rigby“ besteht nur aus einem Streichoktett und McCartneys Gesang. Der zunehmende Einfluss klassischer Musik auf die Beatles machte sich seit „Yesterday“ bemerkbar und erlebte hier einen ersten Höhepunkt. „For no one“ mit seinem Klavier, Clavichord und dem Waldhorn-Solo ist ebenfalls ein Musterstück darin, wie die Beatles klassische Einflüsse verarbeiteten.
„Yellow Submarine“: Ein Kinderlied auf „Revolver“
Seit 1965 komponierten John Lennon und Paul McCartney großteils getrennt; sie arbeiteten weiterhin eng zusammen, aber sie schrieben nicht mehr alle Songs „Auge in Auge“, wie McCartney es einmal ausgedrückt hat. Mit der etwas süßlichen Ballade „Here, there and everywhere“ traf McCartney sämtliche Frauenherzen, „Good Day Sunshine“ zeigt den Songschreiber McCartney beim Ausüben seines Trademark-Optimismus (auch wenn gemunkelt wird, der Song handle von Marihuana). „Yellow Submarine“ wurde zu einem der größten Hits der Beatles. Seltsam genug, dass dieser simple Song sich überhaupt auf diesem „komplizierten“ Album befindet, aber so waren die Beatles nun einmal. „Yellow Submarine“ war als Kinderlied gedacht, und so klingt es auch: Mitsing-Refrain, lustige Soundeffekte, gut gelaunter Backgroundchor mit den Freunden der Beatles. Vom späteren, gleichnamigen Film war damals noch keine Rede.
George Harrison und indische Musik: „Love you to“
George Harrison durfte nicht nur mit seinem „Taxman“ das Album eröffnen, er hatte auch zwei weitere Nummern auf „Revolver“: Zum einen ist da „Love you to“, das er ausschließlich für indische Instrumente komponierte. Harrison hatte begonnen, sich für indische Musik und Religion zu interessieren und brachte diesen Einfluss nun vermehrt in die Musik der Beatles ein. Und bei „I want to tell you“ scheut er keine Dissonanzen: Im Klaviersatz erklingt in E-Dur hartnäckig und wiederholt ein „F“ (harmonisch müsste es ein Fis sein).
Motown-Soul bei „Got to get you into my Life“
Die Beatles waren große Fans von Motown und Soul generell. In seinem Song „Got to get you into my Life“ huldigt McCartney seinen Vorbildern und nahm ein Stück im Stile der Four Tops auf. Der Text dieses aufgeweckten, fröhlichen Songs scheint auf den ersten Blick die übliche Liebesgeschichte zu sein, aber McCartney bestätigte Jahrzehnte später gegenüber seinem Freund und Biografen Barry Miles, dass der Song von Marihuana handelt. Was für ein Gegensatz zu dem trägen „I’m only sleeping“, das John Lennon entweder als Ode ans Faulenzen oder als Song über die Nebenwirkungen illegaler Substanzen geschrieben hat.
Lennon bezeichnete das fröhliche „And your Bird can sing“ später als „Wegwerfsong“, was ein hartes Urteil ist. Aber okay – auf „Revolver“ gibt es bessere Lennon-Songs: „She said She said“ zum Beispiel, in dem er eine Begegnung mit Peter Fonda und dessen Bericht über ein Nahtoderlebnis verarbeitete. Oder „Doctor Robert“, in dem er einen New Yorker Arzt, der seiner Klientel Drogen verschreibt, in typisch humorvoll-zynischer Weise aufs Korn nimmt (der Song basierte auf einer wahren Begebenheit).
„Tomorrow Never Knows“: Vertonung eines LSD-Trips
Neben klassischer Musik, Motown, indischen Einflüssen und einem Kinderlied enthält „Revolver“ auch ein Stück elektronischer Avantgarde. John Lennon fröhnte damals bereits ausgiebig seiner neuen Lieblingsdroge LSD, was sich auch in seiner Musik niederschlug. Markantestes Beispiel dafür ist „Tomorrow Never Knows“, im Vergleich mit den frühen Beatlessongs eines ihrer eigenartigsten Stücke. Mithilfe von McCartney, der im Umgang mit Bandschleifen und elektronischen Elementen zu der Zeit versierter als Lennon war, schufen die beiden eine drogengetränkte, anarchische Soundcollage, die ihresgleichen suchte. Lennon wollte eine LSD-Erfahrung vertonen und die Eindrücke während eines Trips hörbar machen. Den Text dazu hat er fast wortwörtlich aus Timothy Learys Buch „The Psychedelic Experience“ übernommen. „Tomorrow Never Knows“ ist das letzte Stück auf „Revolver“: Mit dem chaotischen Flirren und Geklinge und Geschnörksel der letzten Bandschleife verklingt ein absolutes Meisterwerk einer Band, die sich zu diesem Zeitpunkt auf ihrem kreativen Höhepunkt befand.
Quellen:
- Elisabeth Vock: The Beatles: Revolver. Popmusik als inhaltliches Konzept. Diplomarbeit, Wien 2005
- Ian McDonald: The Beatles. Das Songlexikon. Kassel 2000
