
- The Beatles - c Apple Corps Ltd
Die historische Bedeutung der Beatles steht heute außer Frage. Während ihrer knapp zehnjährigen Karriere veröffentlichten die Beatles in Großbritannien über 200 Songs und 12 Studioalben – eine beachtliche Leistung, wenn man den stressigen Tourneeplan der ersten Jahre bedenkt. Während heutzutage Bands Alben im Zwei-Jahrestakt veröffentlichen, brachten die Beatles anfangs im Schnitt zwei Alben pro Jahr heraus, garniert mit Singles – und sie lieferten dabei immer sehr hohe Qualität ab. War ein Song für die Beatles als Band essenziell, so war er das meist gleichzeitig auch für die Entwicklung der Popgeschichte: eine ganze Weile nämlich ging die Entwicklung der Popmusik mit der Entwicklung der Beatles Hand in Hand.
„I feel fine“ und das erste Gitarrenfeedback der Geschichte
Die erste Wende in ihrem Songwriting kam, als sie anfingen, ein wenig die Perspektive zu verlagern: von „I love you“ fanden sie den Weg zu „She said she loves you“. Musikalisch taten sie einen Schritt weiter, als sie für „From me to you“, das in C-Dur steht, einen Mittelteil in g-Moll schrieben. „I feel fine“ enthält das erste Gitarrenfeedback der Rockgeschichte. Entstanden durch Zufall, als Lennon seine Gitarre an den Verstärker lehnte, gefiel dieser Sound den Beatles, und sie ließen gleich ihren aktuellen Song damit beginnen. Mit dem Album „A Hard Day’s Night“ veröffentlichten die Beatles ihr erstes Album mit Songs, die ausschließlich aus der Feder von Lennon/McCartney stammten. Dass Bands ihre Songs selber schrieben und sich nicht auf die professionellen Angestellten der Hitfabriken verließen, war damals ohnehin ungewöhnlich.
John Lennons „Dylan-Phase“: „You’ve got to hide your love away“
Essenziell auch „Ticket to Ride“ mit seinem stolpernden Drum-Pattern (damals etwas noch nie Dagewesenes) und „Norwegian Wood“, in dem erstmals eine indische Sitar in einem Popsong zum Einsatz kam. Das barockeske Piano-Solo von „In my Life“ hat inzwischen Kultstatus und ist einer der Highlights im Beatles-Songkatalog. John Lennons Bob Dylan-Phase kommt am stärksten in „You’ve got to hide your love away“ zum Ausdruck. „Rain“ (B-Seite von „Paperback Writer“, 1966) steht für den Beginn der psychedelischen Phase der Beatles. Es folgten zwei der wichtigsten Alben der Beatles, „Revolver“ (1966) und „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ (1967).
Der größte Wendepunkt: „Yesterday“
„Yesterday“ ist nicht nur einer der bekanntesten und meist-gecoverten Songs der Beatles (ca. 3.000 Coverversionen), sondern war auch der erste Beatlessong, auf dem Streichinstrumente zum Einsatz kamen. Paul McCartney war damals nicht so überzeugt vom Vorschlag des Beatlesproduzenten George Martin, ein Streichquartett zu verwenden: „Willst du mich auf den Arm nehmen? Wir sind eine Rockgruppe!“ Deshalb wurde „Yesterday“ nie als Single veröffentlicht: weil der Song den Beatles immer ein bisschen peinlich war. „Yesterday“ brachte die Beatles mit dem Bereich der klassischen Musik in Berührung. Ein Ausflug, dem noch einige andere folgen sollten: „Eleanor Rigby“ (Streich-Oktett), „She’s leaving home“ (Streicher, Harfe), „Penny Lane“ (Piccolo-Trompete), „For no one“ (Waldhorn), „A Day in the Life“ (Orchester), „Piggies“ (Cembalo), Abbey Road-Medley (Orchester) u.a.
Beatles und Avantgarde: „Tomorrow Never Knows“
Der erste Ausflug der Beatles in die Avantgarde war „Tomorrow Never Knows“. Im gesamten Beatles-Songkatalog gibt es nichts Vergleichbares (von John Lennon/Yoko Onos „Revolution 9“ mal abgesehen). Bandschleifen, Soundschnipsel, abgefahrene Effekte – hier tobten sich die Beatles richtig aus. Die Soundcollage „I’m the Walrus“ mit seinen Effekten, verrücktem Sing-Sang und Lennons Lewis Carroll-inspiriertem Text schlägt in dieselbe Kerbe: einer der verrücktesten Songs, die die Beatles je aufgenommen haben.
Cut&Paste: „Strawberry Fields Forever“ und „A Day in the Life“
Ursprünglich für das „Sgt. Pepper“-Album gedacht, musste im Februar 1967 aus verkaufstechnischen Gründen „Strawberry Fields Forever“ als Single veröffentlicht werden. Der Song besteht aus zwei Teilen in jeweils verschiedenen Tonarten, die Beatlesproduzent George Martin gekonnt zusammenfügte. (Wer genau hinhört, bemerkt den Einschnitt bei ca. 1:00 Laufzeit). Auch „A Day in the Life“ besteht aus ein paar Teilen, die zusammengefügt wurden: zwei unterschiedliche Songfragmente von jeweils Lennon und McCartney wurden zu einem Song verschmolzen. Mit seinem dissonanten Orchester-Crescendo und der Textzeile „I’d love to turn you on“ war „A Day in the Life“ – Schlussstück vom „Sgt. Pepper“-Album – im Jahr 1967 eine ziemlich gewagte Nummer. Der Song führt bis heute sämtliche Bestenlisten der Beatles an.
Die Beatles als harte Rockband: „Helter Skelter“, „Revolution“
Wer die Beatles rocken hören will, sollte sich „Revolution“ (die Single-Version, nicht die langsame Albumversion), „Helter Skelter“, „Yer Blues“, „Come Together“ oder „While my Guitar gently weeps“ anhören. Diese Songs stammen aus den Jahren 1968 und 1969, in der es mit den Beatles eigentlich schon bergab ging (die Streitereien), aber sie mit „The Beatles“ (dem „White Album“) und „Abbey Road“ noch zwei großartige Alben ablieferten. Die Single „Hey Jude“ war damals mit über sieben Minuten Laufzeit ein ziemlich ungewöhnlicher Popsong. Trotzdem ist der Song seitdem einer der bekanntesten Beatles-Hits, nicht zuletzt wegen dem „Na na na“-Mitsing-Refrain, den jedes Kind kennt.
Quellen:
- Ian McDonald: The Beatles. Das Songlexikon. Kassel 2000
- Elisabeth Vock: The Beatles: Revolver. Popmusik als inhaltliches Konzept. Diplomarbeit, Wien 2005
- Stern Edition Nr. 2/2009
- Rolling Stone Sonderausgabe Nr. 1/2010
- Rolling Stone, September 2009
- www.focus.de
