The Beatles und das "Butcher"-Cover: Rohes Fleisch und Babypuppen

The Beatles - c Apple Corps Ltd
The Beatles - c Apple Corps Ltd
Nicht nur, dass ihr Meisterwerk "Revolver" in den USA zerstückelt wurde, nein: Auch das dadaistische Cover für "Yesterday... and Today" wurde zensuriert.

In den USA erschien das Album „Revolver“ (1966) nicht in der von den Beatles intendierten Version, sondern es wurde – gemäß der damals vorherrschenden Veröffentlichungspolitik von Capital Records – vorab ein Album mit dem Titel „Yesterday… and Today“ veröffentlicht, das neben älteren Beatlessongs drei neue, ursprünglich erst auf „Revolver“ veröffentlichte Songs enthielt. Diese drei Songs fehlten dann in der amerikanischen Version von „Revolver“.

Zensuropfer: Die Beatles mit kaputter Babypuppe und Fleischstücken

„Yesterday… and Today“ sollte ursprünglich ein Cover erhalten, das mittlerweile zu einem begehrten Sammlerstück avanciert ist: das legendäre „Butcher“-Cover („butcher“, englisch für „Fleischhauer“). Bob Whitaker fotografierte die Beatles in weißen Fleischhauer-Kitteln, rohes Fleisch und perforierte Puppenteile auf dem Schoß; von einem nostalgischen Rückblick, wie der Albumtitel suggerierte, keine Spur. „Yesterday… and Today“ sollte mit diesem Cover erscheinen, und es waren 750.000 Plattenhüllen bereits gedruckt, als erste Reaktionen von Radio-DJs, die Vorausexemplare erhalten hatten, bei Capitol Records ein Umdenken auslösten. Man beschloss, ein anderes Cover zu verwenden und die bereits ausgeschickten Exemplare wieder zurückzuholen, was der Plattenfirma einen Verlust von ca. 200.000 Pfund bescherte. Jedes der bereits produzierten Stücke musste von Hand aus der alten Hülle genommen werden und in eine neue, recht hastig improvisierte Hülle, verpackt werden. Bei manchen Exemplaren wurde das „Butcher“-Cover schlicht überklebt, um Zeit zu sparen.

Das Statement von Capitol Records

Capitol Records schickte als Erklärung folgendes Statement aus: „Liebe Rezensenten, (…) das originale Cover, wie es in England gemacht wurde, war als „Pop Art-Satire“ gedacht. Jedoch legte eine Stichprobenerhebung der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten nahe, dass das Coverdesign Gegenstand von Missverständnissen ist. Aus diesem Grund, und um jede mögliche Kontroverse oder unverdienten Schaden am Image oder am Ruf der Beatles zu vermeiden, hat Capitol entschieden, die LP zurückzuziehen und durch ein allgemein akzeptableres Design zu ersetzen“.

John Lennon sagt, was er denkt

John Lennon verteidigte das Werk vehement und meinte, das Cover sei genauso relevant wie Vietnam. Er gab auch zu, dass die Idee, die Fotos der Session als Album-Cover zu verwenden, von ihm stammt. Es ist durchaus möglich, dass die Beatles mit diesem Experiment zum Vietnamkrieg Stellung beziehen wollten, und sie taten es auf ihre Weise, ziemlich plastisch und ungewöhnlich für die „vier liebenswerten Pilzköpfe“, als die sie damals ja noch galten. Ihr experimentelles Meisterwerk „Revolver“ war noch nicht erschienen, und sie tourten nach wie vor durch die Welt. Es gibt aber auch noch eine andere Interpretationsmöglichkeit: „Zu der Zeit fingen wir wirklich an, Fotosessions zu hassen. Fotosessions waren eine echte Qual, wisst ihr?“, erklärte John Lennon damals bei einer Pressekonferenz. „Wir mussten versuchen, normal auzusehen, aber wir fühlten uns nicht so. Der Fotograf war ein bisschen ein Surrealist, und er brachte all diese Babies, Fleischstücke und Doktorkittel, und so ließen wir uns darauf ein, und so fühlten wir uns eben, klar?“ Interessant: Für Lennon waren es Doktorkittel.

Paul McCartney will die Wogen glätten, Bob Whitaker experimentiert

Der vorsichtige, immer um Diplomatie bemühte Paul McCartney jedoch übte sich in Beschwichtigungsversuchen und wollte all dem eine besondere Bedeutung absprechen: „Wir wurden gebeten, dieses Bild mit etwas Fleisch und einer zerbrochenen Puppe zu machen. Es war nur ein Bild. Es bedeutete gar nichts. All das bedeutet bloß, dass wir ein bisschen vorsichtiger sein werden mit den Bildern, die wir in Zukunft machen. Ich selbst mochte es“. Der Fotograf Bob Whitaker selbst erklärt Intention und Bedeutung seiner Bilder so: „Ich wollte ein echtes Experiment machen (…) das Ganze basiert auf etwas ganz Einfachem, man verbindet vier sehr echte Personen mit etwas Echtem, Realem. (…) Das ist das Resultat. Die Verwendung der Kamera, um bestimmte Situationen zu kreieren“.

Das „Butcher“-Cover ist Dada und zeigt die Beatles im Aufbruch

Hauptgrund für die Zensur des Covers war, wie es oben in der Presseaussendung heißt, dass die Plattenfirma einen Schaden für das damals immer noch recht harmlose Image der Beatles befürchtete. Abgesehen davon, dass es ziemlich naiv (und heute undenkbar) erscheint, dass der Beweggrund für eine derartige Aktion dermaßen offen in einer Presseaussendung angeführt wird, bleibt auch dahingestellt, ob die „Butcher“-Fotos wirklich eine „Pop Art-Satire“ sein könnten, wie Capitol schreibt. Man könnte diese Foto-Session als einen dadaistischen Akt bezeichnen, oder zumindest als eine radikale Abwendung von den bisherigen Albumcovers der Beatles, wo sie meist nett lächelnd und adrett gekleidet für die Fotografen posierten. Wie John Lennon sagte: Die Beatles hatten es satt. Dass das „Butcher“-Cover in den USA durch ein Foto ersetzt wurde, auf dem die Beatles an einem Kabinenkoffer lehnen, hat vielleicht das alte Image der Beatles bestätigt; aber der Eindruck, dass die Koffer bereits gepackt und die Beatles auf der Reise zu neuen Ufern waren, konnte nicht wegzensuriert werden.

Quellen:

  • Elisabeth Vock: The Beatles: Revolver. Popmusik als inhaltliches Konzept. Diplomarbeit, Wien 2005
  • Keith Badman: The Beatles Off the Record. Outrageous Opinions and Unrehearsed Interviews. London 2000

Elisabeth Vock - Geboren 1978 in Wien, wuchs ich am Land auf, zwischen Musikinstrumenten und Pferden. Bereits im Grundschulalter begann ich, Geschichten zu ...

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