
- Jerry Rubin: 'We are everywhere' - René Markovits Hoopii
Chicago 1968. Mehrere tausend Antikriegsdemonstranten kommen Ende August während des nationalen Parteitages der Demokraten in den Grant Park nach Chicago um gegen Diskriminierung und Krieg und für ein neues, solidarisches und friedliches Amerika zu kämpfen. Beim „Festival of Life“ wird getanzt, Musik gehört und Pott geraucht – die Yippies (Youth International Party) wollen die Medienpräsenz nutzen um Amerika die Philosophie der „Woodstock-Nation“ und ihren hemmungslosen Lebensstil vor Augen zu führen. Doch Bürgermeister Daley will sich den Konvent nicht kaputt machen lassen und mobilisiert Polizei und Nationalgarde, um mit Tränengas und Knüppel gegen die Demonstranten vorzugehen. 6.000 Nationalgardisten und 12.000 Polizisten treffen auf 10.000 Demonstranten. Am Ende einer Woche, in der viel Blut, Schweiß und Tränen fließen, bleibt der tief gespaltenen Gesellschaft und vielen Eltern die Gewissheit, dass der Staat auf seine eigenen Kinder einprügeln lässt.
Sieben Organisatoren der Proteste und Bobby Seal (Black Panthers) werden angeklagt, sich verschwört zu haben, um einen Aufruhr anzustiften. Sechs werden dazu hin auf individueller Basis angeklagt, Unruhen angezettelt zu haben. Die „Chicago Seven“ (Bobby Seale wurde später vom Prozess ausgeschlossen) sind geboren. Unter den Angeklagten sind Rennie Davis, Tom Haydn und David Dellinger (Mobe), sowie Abbie Hoffman und Jerry Rubin von den Yippies.
Der Prozess als Symbol einer gespaltenen Gesellschaft
Jerry und Abbie fallen fast um vor Freude, als sie von der Anklage vor einem Bundesgericht erfahren. „Es war, wie eine Fernseh-Show zur besten Sendezeit zu bekommen“, schreibt Rubin in seinem Buch 'We are everywhere'. Die Yippies wollen mit dem Prozess die Arroganz der politischen Elite und den Mythos eines gerechten Justizsystems ans Licht der Öffentlichkeit bringen. 'The Conspiracy' (so nennen sich die Angeklagten) werden zu Superstars, sie sind die ersten revolutionären Rockstars. Sie geben Pressekonferenzen, halten Reden an Unis, geben Autogramme und Jugendliche warten ganze Nächte vor dem Gerichtsgebäude, um die Verhandlung live miterleben zu können.
Die Verhandlung symbolisiert die Spannungen konfligierender Werte einer sich verändernden Zeit – „das Menschliche stand gegen das Rassistische, Ignorante und Repressive“, wie Rubin es ausdrückt. Die Staatsanwaltschaft und der Richter Julius J. Hoffman verkörpern das ordentliche, sittliche und autoritätshörige Amerika. Die Anzüge und der peinlich-aufgeräumte Tisch der Staatsanwälte Foran und Schultz sind ein Vorbild an Reinlichkeit und Effizienz. Auf der Anklagebank lümmelt die verlorene Jugend Amerikas mit ihren verwilderten Haaren und langen Bärten und verweigern dem Gericht jeglichen Respekt. Die Füße auf dem Tisch, essen sie ihre Geleebohnen, reißen Witze und verteilen ihren Müll überall auf dem Tisch. Zu Beginn der Verhandlung wirft Abbie Hoffman der Jury einen Handkuss zu, der Richter ermahnt die Jury daraufhin, diesen Kuss bitte zu ignorieren und die ganze Anklagebank bricht in schallendes Gelächter aus. Ein Reporter von der Washington Post bemerkt scharfsinnig: „In diesem Prozess geht es nicht um Schuld, es geht darum, ob man für die Regierung oder gegen sie ist.“
Gerichtssaal als Theaterbühne
Groteske Szenen spielen sich während der Verhandlung ab: Als herauskommt, dass die Angeklagten das Privileg, die Toilette außerhalb des Gerichtssaales benutzen zu dürfen, für allerlei andere Dinge nutzen und der Richter sie anweist, von nun an die Toilette im Gerichtssaal zu benutzen, entspinnt sich folgender Dialog:
Rubin: „Richter, der Staatsanwalt hat mich höhnisch gefragt warum ich nun auf einmal nicht mehr auf die Toilette wolle, als wäre es ein Sieg uns Angeklagte auf die Gefängnistoilette zu schicken.“
Anwalt Schultz: „Ja Euer Ehren, ich bin der Versuchung erlegen, aber Mr. Rubin erwiderte, er würde lieber auf mich pinkeln.“
Die Angeklagten wälzen sich vor Lachen auf den Tischen.
Jerry und Abbie setzen auf infantile Spontanität, Unangepasstheit und Lachen als Waffe gegen sterile Ernstheit, blinde Routine und Mittelstandsängste. Die Verteidigung lädt Country-Sänger, Schriftsteller und Schauspieler als Zeugen: Der Poet Ginsberg lässt bei einem Streit zwischen Verteidigung und Richter im ganzen Saal sein beruhigendes und summendes Ooooommmmm hören – Ginsbergs Art der Konfliktbewältigung. Immer wieder kommt es zu solch karnevalesken Szenen – der Prozess mutiert zu einer Komödie. Auch der Richter trägt durch seine theatralische Ader dazu bei, er ist ein guter Gegenspieler. Jerry Rubin äußert sich in seinem Buch über Richter Hoffman: „Ich hasste und liebte Julie zugleich. Ich liebte seine ehrliche Bosheit. Nie verbarg er seinen Hass hinter richterlicher Unparteilichkeit. Er ist ein liebenswerter Faschist mit fantastischem Sinn für Humor. Wir lachten während des ganzen Prozesses.“
Der Prozess wird zur Farce
Die Anklage der Verschwörung ist ziemlich absurd. Bobby Seale beispielsweise sieht einige der Mitangeklagten im Gerichtssaal zum ersten Mal. Abbie Hoffman bringt es auf den Punkt: „Verschwörung? Zur Hölle: Wir waren uns ja nicht mal beim Mittagessen einig!“ Tom Haydn bemerkt zu der Anklage: „Die Regierung macht Radikalität zur Straftat.“ Die strategische Antwort der Verteidigung ist es, zu betonen, dass es sich um eine Anklage aus politischen Motiven handele. Der Verteidiger Kunstler findet folgende Worte: „Der Prozess ist ein klassisches Beispiel der Regierung gegen das Volk. Die tatsächliche Verschwörung ist, Demonstrationen gegen den Vietnam Krieg zu beschneiden und zu verhindern.“
Wie die Angeklagten es prophezeit hatten wird der Prozess zu einer Farce und das Verhalten des Richters lässt die Öffentlichkeit an der Gerechtigkeit des Justizwesens zweifeln. Bewusst spricht der Richter immer wieder den Namen des Verteidigers Weinglass falsch aus, so dass die Angeklagten ein Schild basteln mit WEINGLASS und es jedes Mal hoch halten, wenn er zu reden beginnt. Bobby Seale, der einzige Schwarze unter den Angeklagten, lässt Julius Hoffman fesseln und knebeln, als dieser wiederholt sein verfassungsmäßiges Recht einfordert, sich selbst verteidigen zu dürfen. Die Verteidiger fordern Hoffman daraufhin auf, diese mittelalterliche Folter sofort zu beenden. Seale beschimpft den Richter als Faschisten und Rassisten. „Ich werde von ein Gericht gestellt, in dem Bilder von Benjamin Franklin und George Washington an der Wand hängen, die beide Sklavenhalter waren und Sie sind einer von denen“, empört sich Seale. Hoffman schließt ihn daraufhin vom Verfahren aus und verurteilt ihn zu fünf Jahren wegen Missachtung des Gerichts.
Wer mehr über den Prozess erfahren möchte, sollte sich den Film "The Chicago 8", der am 23. Oktober in den USA anläuft. nicht entgehen lassen. In Deutschland wird er vermutlich höchstens auf DVD zu sehen sein.
Informationen auch hier:
- Bruce Ragsdale:Chicago Seven:1960sRadicalism in the Federal Court.
- Douglas Linder:The Chicago Seven.
- Jerry Rubin:We are everywhere.Wetzlar 1978.
- Film
