The Dead Zone von David Cronenberg (1983) – Kritik und Würdigung

Ein hervorragend spielender Christopher Walken in einer Verfilmung von Stephen Kings gleichnamigen Roman "The Dead Zone", ein zu Unrecht vergessenes Juwel.

Stephen King hatte das große Los gezogen. Nach Jahren der Ablehnung seiner früheren Werke, die später unter dem berühmten Pseudonym Richard Bachmann veröffentlicht wurden, gelang ihm seit seinem Debüt-Roman „Carrie“ 1974 nahezu jedes Jahr eine weitere Veröffentlichung, die kurz darauf zum Bestseller wurde. Und seit 1976 gelangen auch regelmäßig Adaptionen seiner Horrorvisionen auf die Kinoleinwände. Genre-Filmer wie John Carpenter („Christine“) oder George A. Romero („Stark – The dark Half“) erprobten sich genauso an Kings Geschichten wie Regisseure, deren Metier eigentlich in anderen Bereichen zu finden ist: Rob Reiner („Stand by me“) oder Frank Darabont („Die Verurteilten“, „Der Nebel“).

Gelungene Umsetzung von „The Dead Zone“ durch David Cronenberg

Mal ehrlich: Die meisten Adaptionen sind nicht oder nur mittelmäßig gelungen, was ein manches Mal auch an der Vorlage liegen mag. „The Dead Zone“ von David Cronenberg allerdings gehört zu den gelungenen und braucht sich in einigen Punkten durchaus nicht hinter den King-Fan-Lieblingen „Die Verurteilten“ oder „The Green Mile“ verstecken. Primär verdankt die Adaption das seinem Regisseur und dem Hauptdarsteller, die aus dem übersinnlichen Drama ein sehenswertes Erlebnis machen.

Inhalt von „The Dead Zone“: Hellsehen ist Gabe und Fluch zugleich

John Smith (Christopher Walken) ist Lehrer an einer Schule in Castle Rock. Er datet seine Kollegin Sarah (Brooke Adams) und eigentlich führt er ein ganz normales Kleinstadtleben. Doch in einer schicksalhaften Nacht hat er einen Autounfall und fällt für 5 Jahre ins Koma. Als er wieder erwacht, ist er nicht nur gehbehindert, sondern besitzt auf einmal hellseherische Fähigkeiten. Wenn er Personen berührt, kann er in ihre Zukunft und Vergangenheit sehen. Auch Gegenstände, die zuvor von Menschen berührt wurden, scheinen diese psychische Reaktion in ihm auszulösen. Gezeichnet von seiner Fähigkeit ist er nicht mehr imstande ein normales Leben zu führen. Er wird gleichermaßen von den Einwohnern gefürchtet und um Hilfe gebeten. So gelingt es ihm zum Beispiel zusammen mit dem ortsansässigen Sheriff George Bannermann (Tom Skeritt) einen Serienkiller zu fassen.

Keine typische Thriller-Geschichte

Genauso wie das Buch folgt der Film keiner stringenten Storyline, die sich in die typischen Drittel vieler Hollywood-Produktionen teilen lässt. Vielmehr verfolgt der Film fast behutsam das Schicksal John Smiths und wie er versucht mit seiner Gabe, die auch ein Fluch ist, zu leben und letztendlich daran scheitern muss. Dass er sein Leben am Ende zur Errettung der Menschheit einsetzt, ist ein konsequenter Gedanke und keineswegs kitschig. Schließlich hat John am Ende nichts mehr zu verlieren.

Was der deutsche Untertitel „Das Attentat“, sowohl beim Buch als auch beim Film, andeutet, spielt eigentlich erst im Finale der Geschichte eine Rolle. Martin Sheen spielt den Senator Greg Stillson, der, von John bei einem Händeschütteln gesehen, später als Präsident der Vereinigten Staaten einen Atomkrieg auslösen wird. Ab diesem Zeitpunkt, der vielleicht das letzte Viertel ausmacht, folgt der Film den typischen Thriller-Konventionen mit der Frage, ob John es schafft Stillson aufzuhalten. Diese Aufgabe gibt John und damit seinem Schicksal aber einen Sinn, der sogar eine philosophische Frage aufwirft: Darf man ein Leben nehmen, um viele Leben zu retten? Darüber hinaus hat Martin Sheen am Schluss eine wunderbare Szene, die sein Bild des guten Politikers demontiert.

David Cronenberg kann mehr als Gewaltdarstellungen

Als 1983 der Filmemacher David Cronenberg die Gelegenheit bekam, ein Buch von Stephen King zu adaptieren, hatte er schon fünf abendfüllende Kinofilme gedreht und die Kopfplatz-Szene aus „Scanners“ hatte ihm zu einem Kultstatus verholfen. Diese Szene oder auch andere „Ekel“-Szenarien (man denke nur an das Parasiten-Auskotzen in „Shivers“) begründeten den Ruf des gebürtigen Kanadiers, er genieße es, die Menschen mit übertriebenen Gewaltszenen zu schocken.

In einem Interview, das viel später in seiner Karriere geführt wurde, erklärte er schließlich, dass er sich mit Gewalt in seinen Filmen auseinander setze, weil er die Zerstörung des menschlichen Körpers als etwas Endgültiges betrachte, was ihm Angst einflöße. Und diese Angst versuche er in seinen Filmen zu kompensieren. Nur so ist auch zu erklären, warum die filmische Umsetzung von „The Dead Zone“ brutaler ist als die Buch-Vorlage („The Dead Zone“ gehört nämlich zu Stephen Kings unblutigsten Büchern).

Im Gegensatz zu seinen vorherigen Werken, die von surrealen Elementen und den erwähnten Schock-Szenen durchsetzt waren, gelingt es Cronenberg mit „The Dead Zone“ eine angenehm ruhige, nahezu tragische Geschichte zu erzählen, die fast gänzlich ohne Blut auskommt. Vom Ton her kann man diesen Film am ehesten mit seinen neuesten Werken vergleichen, vor allem „A History of Violence“, der ebenfalls in einer Kleinstadt spielt und eine überragende Hauptfigur bietet.

Christopher Walkens beste Rolle?

„The Dead Zone“ ist nämlich die One-Man-Show eines Christopher Walken, bevor er auf die Rolle des Mafia-Bosses und coolen Gangsters festgelegt wurde. Auch hier ist die physische Präsenz des ehemaligen Musical-Darstellers überwältigend, aber sein sensibles und nuaciertes Spiel zeigt neue Facetten, die Fans der neueren Tage überraschen mögen. Gerade in den stillen, nachdenklichen Momenten zeigt sich, zu wie viel mehr Christopher Walken imstande ist. In jeder seiner Szenen, und er ist fast immer zu sehen, dominiert sein Spiel den Rest des Casts. Man könnte sagen, in „The Dead Zone“ gibt er eine seiner besten Vorstellungen überhaupt.

Trotz der omnipräsenten Ausstrahlung Walkens muss sich der Rest des Casts nicht anhören, er sei nur Beiwerk. Besonders Martin Sheen („Apocalypse Now“) und Brooke Adams („Party Animals“) als emotionale und entscheidende Bezugspunkte in Johns Entwicklung spielen Walken nicht nur die Bälle zu. Sie sind eine exzellente Ergänzung, wenn auch nur in der zweiten Reihe. Auch Herbert Lom als Johns Arzt und Sean Sullivan sowie Jackie Burroughs als Johns Eltern erden Walkens Charakter in der Realität. Einzig Tom Skeritt hat nicht wirklich was zu tun und gibt eine routinierte Vorstellung des Kleinstadt-Sheriffs.

Auch die Inszenierung von „The Dead Zone“ ist gelungen

Zur tragischen, spannungsgeladenen Atmosphäre trägt der Score von Michael Kamen („Lethal Weapon 2“, „Die Hard 3“, „Event Horizon“) kongenial bei. Gruselige Melodien beginnen den Film stimmungsvoll und geben dem Schicksal Johns eine hörbare Komponente. In den richtigen Momenten, und das ist wichtig für so einen Film, gibt es keine Musik.

Das Drehbuch aus der Feder von Jeffrey Boam (u.a. Mitautor von „Lethal Weapon 2“ und „The Lost Boys“) arbeitet sich zum Glück nicht nur an den wichtigsten Plot-Punkten der Geschichte ab, sondern integriert auch die stilleren Momente in Johns Entwicklung.

Abzüge bekommt der Film lediglich bei seiner Inszenierung. Die Bilder, geschaffen von Mark Irwin („10 Dinge, die ich an die hasse“, „Road Trip“), erinnern zeitweise leider an eine TV-Produktion, und hätten dem Film manchmal die Atmosphäre geraubt, wenn der Rest nicht so wunderbar funktionieren würde. 3 Jahre später sollten Cronenberg und Irwin noch einmal für „Die Fliege“ zusammen arbeiten, bei dem der kammerspielartige Stil Irwins besser passte.