"The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten"

Filmplakat The Descendants - Twentieth Century Fox
Filmplakat The Descendants - Twentieth Century Fox
Seine Frau, die ihn betrogen hat, liegt im Koma, die Töchter rebellieren - und dazu diese Hemden! Aber George Clooney brilliert sogar als Loser auf Hawaii.

Wenn es dick kommt, dann kommt es gleich knüppeldick. Das muss auch Matt King erfahren, dessen Frau nach einem Bootsunfall im Krankenhaus liegt und nur noch von Maschinen am Leben gehalten wird. Denn der Nachwuchs macht ebenfalls Kummer – die beiden Töchter des Anwalts, der sich bisher als Elternteil in Reserve verstanden hat, sind außer Kontrolle geraten. Und nichts wird besser dadurch, dass die Geschichte auf Hawaii spielt. Der Film beginnt in Honolulu, das sich meist wolkenverhangen und grau präsentiert. Ein Leben im Paradies? Von wegen. „Unsere Familien sind genauso kaputt“, sagt der Held, bevor er sich anschickt, das Nötigste zu reparieren. Umwerfend komisch ist es allerdings, George Clooney in Bermudas und Badelatschen loswatscheln zu sehen. Ein Drama, das Ganze, aber trotzdem zum Lachen.

Hauptdarsteller George Clooney ist tragisch und komisch zugleich: Aloha, Oscar!

Nun, Regisseur Alexander Payne („Sideways“, „About Schmidt“) ist ein Spezialist für Tragikomödien, bei denen der Protagonist auf dem Weg zu sich selbst erst einmal ins Stolpern gerät. Clooney schafft den Balanceakt zwischen bedauernswerter Existenz und komischer Figur, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Es ist eine Pein, ihn leiden zu sehen, aber niemals peinlich. Sein stets blendendes Aussehen erleichtert eine solche Aufgabe ungemein, ist aber nicht alles. Die bemerkenswert unangestrengt wirkende Darstellung eines betrogenen Ehemannes, der seiner sterbenden Gattin trotz allem einen würdigen Abschied bereitet, ist hohe Schauspielkunst und war bereits einen Golden Globe wert. Hauptdarsteller und Regisseur sind auch für einen Academy Award nominiert, ebenso wie der ganze Film. Aloha, Oscar!

Bemerkenswert an der Hauptfigur ist die pragmatische Art der Unglücksbewältigung, die nichts beschönigt oder entschuldigt, weder eigene noch fremde Schwächen. In Paynes Film, der auf dem gleichnamigen Roman der hawaiianischen Autorin Kaui Hart Hemmings beruht, geht es weniger um große Gefühle wie Reue oder Sühne als vielmehr um den Versuch, in kleinen Schritten das Zusammenleben für alle Beteiligten erquicklicher zu gestalten. Das klappt nicht immer – Matts Schwiegervater wird kaum von der Ansicht abzubringen sein, dass sein Schwiegersohn ein lausiger Ehemann war und sowieso an allem schuld ist. Aber langsam gelingt es Matt, wieder einen Draht zu seinen Töchtern zu finden.

Die Ehefrau liegt im Sterben, und der gehörnte Held spürt den Nebenbuhler auf

Weil die zehnjährige Scottie (Amara Miller), plötzlich mutterlos, in ihrer Verzweiflung lauter Dummheiten macht, stellt er sie kurzerhand unter die Aufsicht der mit 17 immer noch schwer pubertierenden Alex (Shailene Woodley), die zu diesem Zweck aber erst aus dem Internat geholt werden muss. Das ist eine ziemlich gute Idee, wie sich bald herausstellt – Verantwortung zu übernehmen im Familienverband ist pädagogisch wertvoll. Für alle. Das führt aber auch dazu, dass Alex bald den Grund für ihre Aufmüpfigkeit preisgibt: Dass seine Frau einen Liebhaber hatte, muss Matt von der eigenen Tochter erfahren.

Der gehörnte Held setzt sich nun in den Kopf, den Nebenbuhler aufzuspüren – in erster Linie, um diesen zur Rede zur stellen, aber auch, um ihm die Möglichkeit zu gehen, sich von der Geliebten zu verabschieden. Was Matt zu diesem Schritt veranlasst, ist nicht nur Gutmenschentum, sondern auch eine angemessene Portion Grausamkeit. Verständlich.

Beim Aufspüren des Mannes, den ihre Mutter liebte, erweist sich die ziemlich altkluge Alex als große Hilfe. Weil der Mann, ein Immobilienmakler, offenbar gerade auf Kaua‘i urlaubt, begibt die ganze Restfamilie dorthin. Immer mit im Schlepptau ist Sid (Nick Krause), Alex‘ Freund, bei dem man nie genau weiß, ob er nur zugedröhnt ist oder einfach ziemlich trottelig. Es stellt sich indessen heraus, dass auch er sein Päckchen zu tragen hat, und Alex ihn wohl aus therapeutischen Gründen mit sich führt.

Im Film von Alexander Payne spielt auch ein Grundstücksdeal eine wichtige Rolle

Mutters Liebhaber erweist sich als biederer Familienvater mit Dauergrinsen namens Brian Speer (Matthew Lillard), der keinesfalls die Absicht hatte, aus der Affäre etwas Ernsthaftes werden zu lassen. Wie es der Zufall und der Plot so will, hat sich Brian in einer Strandhütte eingemietet, die Matts Cousin Hugh (Beau Bridges) gehört. Und hier trifft nun der Erzählstrang der ungetreuen Ehefrau auf einen weiteren, der bisher mehr im Hintergrund mitgeführt wurde: Es geht dabei um einen Grundstücksdeal, auf den Vetter Hugh seine ganze Hoffnung setzt. Und nicht nur er.

Der Anwalt Matt King ist ein Abkömmling der ersten weißen Siedler auf Hawaii, aus deren Hinterlassenschaft die Ländereien stammen, die er als Treuhänder verwaltet. Das Grundstück in bester Strandlage soll nun verkauft werden, und Hugh hat – wie auch der Rest der Verwandtschaft – bereits Dollarzeichen in den Augen.

Das Familienerbe verscherbeln? Ein Hawaiianer findet zurück zu seinen Wurzeln

Nachdem Matts Töchter den traumhaft gelegenen Küstenstreifen gesehen haben, halten sie allerdings nur noch wenig davon, das Familienerbe einfach zu verscherbeln. Und auch bei Matt kommen plötzlich Zweifel auf. Nicht zuletzt deswegen, weil der Makler Brian an dem Grundstücksverkauf eine Menge Geld verdienen würde.

Matt erkennt letztlich, dass er vergessen hat, wo seine Wurzeln sind. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch seine Familie den Zusammenhalt verloren hat. Und in dem Moment, in dem die ganze geldgierige Bagage nur noch auf seine Unterschrift wartet, trifft er die richtige Entscheidung.

"The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten" (USA 2011)

Kinostart in Deutschland: 26.Januar 2012

Originaltitel: "The Descendants"

Regie: Alexander Payne

Verleih: Twentieth Century Fox

Laufzeit: 115 Minuten

Quellen

"The Descendants" in der Internet Movie Database

"The Descendants" auf Rotten Tomatoes

Cornelia Schaible, Cornelia Schaible

Cornelia Schaible - Geboren 1963, verbrachte nach dem Abitur ein Jahr in Marseille, studierte anschließend Germanistik sowie Allgemeine ...

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