Im Jahr 1951 nahm Edward Steichen ein Riesenprojekt in Angriff. Der ebenso einflussreiche wie umstrittene amerikanische Fotograf luxemburgischer Herkunft war bereits im Rentenalter, als er 1947 den Job des Direktors der Fotoabteilung des Museums of Modern Art (MoMA) in New York übernahm.
Eine Friedensbotschaft nach dem Weltkrieg
Er kam aus dem Krieg, wo er bei der US-Kriegsmarine einer Einheit für Luftbildfotografie vorgestanden hatte. Nun wollte er in einer Ausstellung die Fotografie zum Medium einer humanitären Mission machen. Über alle Grenzen von Ideologie, Rasse und Kultur sollte die allgemeinverständliche Sprache des Bildes die Botschaft verkünden: Die ganze Menschheit ist eine Familie, uns verbindet mehr als uns trennt. "The Family of Man" sollte der Titel der Ausstellung lauten.
Eine gigantische Aufgabe mit globalem Anspruch
Die Arbeit an dem Projekt nahm vier Jahre in Anspruch. Steichen und sein Assistent Wayne Miller sichteten mehr als 2 Millionen Fotos. Der Anspruch war gewaltig. Möglichst alle Lebensbereiche sollten erfasst werden, und das weltumspannend. Natürlich war die ästhetische Qualität der Exponate wichtig. Im Mittelpunkt stand aber die Botschaft der Ausstellung. Deshalb wurden Amateure genauso berücksichtigt wie die berühmtesten Berufsfotografen.
In die engere Wahl kamen zunächst 10.000 Aufnahmen, deren Zahl in einem langen Selektionsprozess auf eine überschaubare Auslese weiter reduziert werden musste. Übrig blieben schließlich 503 Bilder von 273 Fotografen aus 68 Ländern, als die Ausstellung im Januar 1955 im MoMA eröffnet wurde.
Der Erfolg war überwältigend. Die Liste bekannter Fotografen beeindruckend: Ansel Adams, Werner Bischof, Bill Brand, Brassai, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Alfred Eisenstaedt, Dorothea Lange, Herbert List, Irving Penn, August Sander und viele andere waren vertreten. Aber weniger die glanzvollen Namen machten die Faszination der Schau aus, sondern die Konzeption. Inmitten der Konfrontation der politischen Blöcke im Kalten Krieg und der McCarthy-Ära in den USA wurde Steichens Friedensbotschaft verstanden.
Ausstellung wird ein Welterfolg trotz Kritik an Steichen
Es gab jedoch auch Skeptiker, die Steichen Naivität vorwarfen. Die realen Konflikte auf der Welt ließen sich nicht mit Mitteln der Ästhetik und einer romantisierenden Weltsicht lösen. Fundamental kritisch setzte sich 1957 der französische Philosoph Roland Barthes in seiner Sammlung "Mythologies" (deutsch: Mythen des Alltags, 1964) mit der Fotoausstellung auseinander. Er attackierte die Grundvorstellung einer "Family of Man" als unhistorisch und harmonisierend.
Das Publikum scherte sich um solche Einwände nicht. Nach New York wanderte die Ausstellung durch die USA und anschließend durch die Metropolen der Welt: Paris, London, Berlin, Tokio, ja sogar Moskau. Hier und in vielen weiteren Städten sahen bis 1964 mehr als neun Millionen Besucher die Fotografien.
"The Family of Man" findet in Luxemburg eine Heimat
Edward Steichen hatte sich zwei Jahre zuvor, also 1962, entschlossen, in Ruhestand zu gehen. Er war damals 83 Jahre alt. Zu seinen Ehren erhielt 1966 sein Geburtsland Luxemburg die Ausstellung als Geschenk. Leider wurde die Sammlung zunächst vernachlässigt und wenig sachgemäß behandelt. Sie wurde auseinander gerissen, etliche Exponate erlitten Schäden, die später mühsam restauriert werden mussten.
Nach kurzer Wanderschaft in den Jahren 1993 und 1994, die die Kollektion noch einmal nach Toulouse, Tokio und Hiroshima führte, fand sie ihre endgültige Heimat 1994 im Schloss von Clerf (Clervaux) in Luxemburg . Hier ist sie als permanente Ausstellung zu besichtigen. Im Jahr 2003 wurde sie von der UNESCO ins Register "Gedächtnis der Menschheit" aufgenommen.
Das Buch zur Ausstellung
Wer sich nicht auf den Weg nach Luxemburg machen möchte, kann die Bilder auch zu Hause betrachten. Das Buch zur Ausstellung, von Steichen zusammengestellt und mit einem Vorwort von Carl Sandburg versehen, ist nicht nur ein Best-, sondern auch ein Long-Seller des Museum of Modern Art und auch heute noch lieferbar.
