
- Filmplakat The Fighter - Senator Entertainment AG
Ein Film über zwei boxende Brüder aus dem Arbeitermilieu irgendwo an der Ostküste der USA? Nicht mein Ding, werden manche denken. Tipp: Trotzdem ins Kino gehen. Selbst wer sich nicht die Bohne für Boxsport interessiert, kann sich auf eine packende Story mit hervorragenden Schauspielern freuen. Christian Bale und Melissa Leo wurden für ihren Part mit dem Academy Award ausgezeichnet – zwei Nebendarsteller-Oscars für einen Film, das hat es seit „Hannah und ihre Schwestern“ nicht mehr gegeben. Die Hauptrolle in „The Fighter“, der vom unglaublichen Werdegang des irisch-amerikanischen Underdog-Boxers Micky Ward handelt, spielt Mark Wahlberg.
Bevor sich der Held im Ring emporkämpfen kann und schließlich Weltmeister im Weltergewicht wird, muss er sich erst gegen seine Mutter durchsetzen und einen Bruderzwist überwinden. Es war ein lange gehegter Traum des Schauspielers und Ex-Rappers Mark Wahlberg, diesen Film zu machen: Wie der Boxer kommt er aus der irischstämmigen Arbeiterklasse von Massachusetts; er ist mit Micky „Irish“ Ward sogar befreundet. Wobei sicher nicht die entscheidende Gemeinsamkeit ist, dass beide acht Geschwister haben. „Ich bin auch ein riesiger Fan“, sagte Wahlberg in einem Interview mit der US-Fernsehsender CBS über die Hartnäckigkeit, mit der er das Projekt verfolgt hat.
Mark Wahlberg ist „The Fighter“ – auch für den Film musste er kämpfen
Aber wenn einer vier Jahre lang verbissen trainiert, bis sich endlich ein Geldgeber für den Film findet, steckt wahrscheinlich noch mehr dahinter. Interessanterweise ist einer der Drehbuchautoren Scott Silver, der auch das Skript für Eminems halbautobiografischen Film über die Hip-Hop-Subkultur von Detroit lieferte – „8 Mile“ war das. Mit „The Fighter“ ist eine ähnlich präzise Sozialstudie gelungen, nur spielt diese eben in Lowell, Massachusetts und es geht ums Boxen. Mark Wahlberg, der nach eigenem Bekunden in seiner Jugend selbst ein wenig boxte, wollte dieses Milieu möglichst authentisch darstellen. Selten sind in einem Film so viele Schweißflecken zu sehen. Und an Lokalkolorit fehlt es gewiss nicht.
Lowell ist ein alter Industriestandort – kein „Arbeiterstädtchen“, wie es in manchen deutschen Filmbesprechungen heißt – mit gut 100.000 Einwohnern und vielen leer stehenden Fabriken, von denen einige heute Museen sind. Weil gut bezahlte Arbeitsplätze längst ausgelagert wurden, bleiben der Unterschicht nur noch lausige Jobs – und der Traum, als Sportler berühmt zu werden. So berühmt wie der Boxer Dicky Eklund (Christian Bale), der in seinen Glanzzeiten in den Siebzigern gegen Sugar Ray Leonard kämpfte. Fast zwei Jahrzehnte später gilt er immer noch als der „Stolz von Lowell“ und träumt von einem Comeback.
Für die Rolle der matriarchalen Boxmutter bekam Melissa Leo den Oscar
Mit seinem Halbbruder Micky Ward, den er trainiert, teilt er die Leidenschaft fürs Boxen seit Kindertagen. Wenn Micky nicht boxt, pflastert er Straßen. Er hat es nie geschafft, aus dem Schatten des Bruders herauszutreten. Schuld daran ist nicht zuletzt Mutter Alice (Melissa Leo), die das familiäre Box-Business managt und in der chaotischen Großfamilie den Ton angibt. Sie ist Kettenraucherin, und manchmal wirft sie mit Geschirr. Leo, die seit „Frozen River“ als Charakterdarstellerin gilt, ist jetzt offenbar auf diese herben Rollen abonniert; in „Betty Anne Waters“ gibt sie eine erbarmungslose Polizeibeamtin. Als Alice Ward ist sie jedenfalls großartig, und der Oscar ist verdient.
Dicky war und ist Mamas Liebling, und während sich beide der Illusion hingeben, der Box-Veteran könnte es irgendwann noch einmal schaffen, verheizen sie derweil Micky in sinnlosen Fights mit hoffnungslos überlegenen Gegnern. Hauptsache, sie können das Preisgeld kassieren. Dass Dicky schon lange Crack-süchtig ist, sieht Alice nicht. Oder sie will es nicht sehen.
Zwar ist es Wahlberg, der sich in den Kämpfen zu den Dreharbeiten fast die Nase gebrochen hat, wie er sagt, aber auch Filmpartner Christian Bale spielt mit großem körperlichem Einsatz. Wenn auch auf eine andere Art: Wie schon für „Der Maschinist“ verlor Bale für die Rolle drastisch an Gewicht, magerte bis zur Unkenntlichkeit ab. Den selbstzerstörerischen Dicky spielt er mit einer fiebrigen Intensität, die dem Film nicht immer gut bekommt. Wahlbergs solide schauspielerische Leistung droht daneben fast zu verblassen. Die nachdenkliche, etwas verhaltene Art, mit der er den Boxer seinen Weg finden lässt, wirkt indessen in ihrer Gesamtheit sehr überzeugend. Niemand ist nur deswegen ein besserer Schauspieler, weil er wie besessen herumhampelt.
In der Boxersaga geht es auch um Drogensucht – Crack in Amerika
Der drogensüchtige Dicky kommt nicht nur zu spät zum Training mit Micky, er hat auch den Blick für die Realität verloren. Als HBO eine Dokumentation über ihn dreht, bildet er sich ein, es ginge um sein Comeback. Er bekommt den Film erst zu sehen, als er wegen zunehmend krimineller Machenschaften bereits im Knast sitzt. Eine böse Überraschung. Der Titel der Doku: „Crack in America“; im Original lautete er „High on Crack Street: Lost Lives in Lowell“. Für den Film im Film wurden einige Szenen mit den Schauspielern nachgestellt. Die Scham über die öffentliche Zurschaustellung seiner Sucht bringt Dicky endlich zur Besinnung.
Micky, dem bei der Festnahme Dickys von einem Polizisten zu allem Überfluss die Hand gebrochen wurde, hat nun endgültig die Schnauze voll – von seinem Bruder und vom Boxsport. Seine neue Freundin Charlene (Amy Adams) bestärkt in zwar darin, mit seiner Familie und insbesondere der herrischen Mutter zu brechen, aber sie wird auch seine Mentorin in sportlichen Dingen und gibt den Anstoß für den Neustart seiner Boxkarriere. Auch sein Vater unterstützt ihn dabei.
Amy Adams beweist, dass sie nicht nur ins niedliche Fach gehört
Amy Adams („Verwünscht“) zeigt in der Rolle der resoluten ehemaligen Athletin und Studienabbrecherin Charlene, die in einer Bar arbeitet, dass sie nicht nur ins niedliche Fach gehört und überhaupt eine ausgezeichnete Darstellerin ist. Der Schlagabtausch mit der Boxermutter und Mickys sieben bissigen Schwestern ist sehr unterhaltsam. Adams war ebenfalls für einen Oscar nominiert.
In dem Maße, wie Micky sein Selbstwertgefühl aufbaut, steigt auch sein Erfolg im Ring. Bei einem Kampf mit einem Gegner, der ihm zunächst überlegen erscheint, merkt Micky, dass er eben doch nicht ohne den Rat seines Bruders auskommt. Und als der aus dem Gefängnis entlassen wird, kommt es schließlich zur allgemeinen Versöhnung, wobei Dicky sogar Charlene davon überzeugen kann, dass Micky sie beide braucht. Das heißt also Friede, Freude – und die Qualifikation fürs Finale. Der Weltmeisterkampf in London ist der sportliche Höhepunkt des Films.
Mark Wahlberg kann indessen weitertrainieren: Eine Fortsetzung der Boxersaga ist bereits angekündigt.
"The Fighter" (USA 2010)
Originaltitel: "The Fighter"
Regie: David O. Russell
Kinostart in Deutschland: 7. April 2011
Verleih: Senator
Laufzeit: 115 Minuten
Quellen
"The Fighter" in der Internet Movie Database
"The Fighter" auf Rotten Tomatoes
CBS-Interview mit Mark Wahlberg vom 21. November 2010
