"The Raven" – Ulli Lommel verfilmt Edgar Allan Poe

The Raven - SUNFILM Entertainment
The Raven - SUNFILM Entertainment
Was kommt dabei heraus, wenn ein Billigregisseur sich an der Verfilmung eines der bekanntesten Gedichte der Welt versucht? Nichts Gutes jedenfalls.

"The Raven" von Edgar Allan Poe ist – neben "House of Usher" – wohl das bekannteste Werk dieses Dichters. Natürlich gibt es zu dem Gedicht schon einige Filme. Der bekannteste dürfte wohl der 1963 entstandene "The Raven" von B-Movie Papst Roger Corman und mit Vincent Price, Peter Lorre, Boris Karloff und einem jungen Jack Nicholson als Schauspieler sein.

Es gibt allerdings auch noch eine aktuellere Verfilmung, welche von Ulli Lommel, dem Regisseur von "Daniel der Zauberer" auf das nichts Böses ahnende Publikum losgelassen wurde. Diese trägt ebenfalls den Namen "The Raven" und stammt aus dem Jahr 2006.

"The Raven": Plots werden überbewertet

Die Handlung von "The Raven" – falls man sie denn so nennen möchte – sieht so aus: Lenore (die hier noch am Leben ist und nicht, wie im Gedicht, nicht mehr unter uns weilt) ist mit den Werken von Edgar Allan Poe aufgewachsen (besonders großartig ist hier eine Szene, in welcher Ulli Lommel selbst als Großvater einer sechsjährigen (!) Lenore die unheimlichen Geschichten von Poe vorliest) und nun als Erwachsene Sängerin einer (miserablen) Gothic-Band. In der Nacht bekommt sie immer wieder Besuch von einem Glatzkopf, den sie "Skinner" nennt. Als Kind glaubt sie daran, dass sie diesen Skinner irgendwann einmal töten wird. Jahre später, wird sie als junge Frau von Skinner vergewaltigt. Sie tötet ihn in Notwehr. Skinner will sich rächen, steht von den Toten auf und beginnt, alle Menschen in Lenores Umgebung zu töten. Skinner möchte am Ende Lenore selbst töten, als plötzlich Edgar Allan Poe selbst aufersteht und Skinner sagt, dass Lenore "ihm" gehören würde. Poe verlässt mit Lenore mit dem Gang über eine Brücke diese Welt, während es einen Flashback zurück in den Raum gibt, in welchem Lenore vorher noch war und in dem Skinner sie diesmal tötet.

Ulli Lommels sehr freie filmische Umsetzung des Gedichts

Wenn man sich diesen Film ansieht, wird man das Gefühl nicht los, dass Ulli Lommel aus dem Text des Gedichtes "The Raven" maximal den Namen Lenore und den des Autors genommen hat ... nur um anschließend mit einem Camcorder in der Hand in die freie Welt zu rennen und alles zu filmen, was ihm vor die Linse kommt, ganz nach dem Motto: "Wir halten jetzt erstmal die Kamera drauf, sowas wie eine Handlung werden wir danach schon noch übers Knie brechen."

Dabei sind zwei Dinge auffällig: Erstens scheint Ulli Lommel ein Faible für Stromleitungen zu haben, die – warum auch immer – alle fünf Minuten in Großaufnahme zu sehen sind. Und zweitens kann man sich tatsächlich nur mit der Hilfe von jeder Menge Fantasie den oben beschriebenen Plot zusammenreimen, der noch dazu mit Dialogen garniert wird, die jeden Autor, der etwas auf sich hält, schreiend die Flucht ergreifen lassen.

Beispiel gefällig? Lenore möchte ihrem Freund ein Motorrad kaufen, ihre Managerin ist aber dagegen, weil das mit der Band verdiente Geld ja allen gehöre und auf dem Geschäftskonto liegt. Lenore: "Ich zahle das Motorrad ohnehin mit dem Geld von meinem Privatkonto!" Managerin: "Aber das Geld auf deinem Privatkonto kommt doch vom Geschäftskonto!" Heißt das jetzt, dass jeder arbeitende Mensch in Zukunft erst seinen Chef anrufen muss, wenn er sich etwas kaufen will?

Das so genannte Drehbuch dieses Filmes darf man also getrost in die nächste Tonne treten.

Kameraarbeit und Effekte bei "The Raven"

Auch hier ist absolute Talentlosigkeit angesagt. Nicht nur, dass Ulli Lommel das billigste verfügbare Equipment genommen hat, um seinen Film zu drehen, schaffen er und seine Crew es auch noch, selbst damit auf allen möglichen Ebenen zu versagen. Meist schwenkt die Kamera wie verrückt durch die Gegend, sodass man wohl möglichst wenig von der billigen Ausstattung erkennen kann, das Bild ist öfters unscharf (was nicht an der DVD liegt) und die "Effekte" bestehen aus drei Flaschen Ketchup als Filmblut. Kaum zu glauben, dass Ulli Lommel früher einmal ein Schüler von Rainer Werner Fassbinder war.

Ulli Lommels "The Raven" – Eine filmische Bankrotterklärung

"The Raven" (hier gibt es den Trailer) ist, wie alle anderen Filme von Ulli Lommel, der mit "Dungeon Girl" unter anderem eine quasi inoffizielle Verfilmung der Geschichte von Natascha Kampusch (!) abgeliefert hat. Lommel zielt mit seinen lustlos heruntergekurbelten Filmen offenbar nur noch darauf ab, das Budget möglichst schnell wieder zu verdienen, was mit dem Verkauf von ein paar Dutzend DVDs aufgrund eines schönen Covers derselben ziemlich leicht sein dürfte. Auf die Frage, ob diese Filme es wert sind, die eigene Zeit damit zu verschwenden, kann also nur so geantwortet werden: "Quoth the Raven – Nevermore!"

Udo Seelhofer, Udo Seelhofer

Udo Seelhofer - Studium: Deutsche Philologie (abgeschlossen) Kombinierte Religionspädagogik (im letzten Abschnitt) Arbeit: Seit Oktober 2006 ...

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