Mediziner im Theater

Uraufführung: Halbstarke Halbgötter im Pumpenhaus Münster

Tugsal Mogul ist Arzt, Schauspieler und Regisseur. In seiner ersten Inszenierung gibt er Einblick in den Klinikalltag - beeindruckend und unterhaltsam.

Auf einer Großleinwand zeigen EKGs Herzfrequenzen an. Es sind die der vier Protagonisten, Krankenhausärzte in grünen OP-Kitteln, die auf Schreibtischstühlen sitzen. Zur dramatischen Musik schlüpfen sie in die Rolle ihrer Patienten, verdrehen die Augen, simulieren Elektroschocks. Dann drehen sie sich auf ihren Stühlen im Takt zur Musik, erst nacheinander, schließlich gemeinsam – eine kleine Choreografie, schön anzusehen.

Anästhesist und Regisseur

Es ist der Auftakt zu einem ungewöhnlichen Theaterstück, das im Münsteraner Theater im Pumpenhaus zur Uraufführung gebracht wurde. Tugsal Mogul ist Arzt und Schauspieler. Zwei Tage pro Woche arbeitet er als Anästhesist in der Raphaelsklinik, Münster, die restliche Zeit widmet er sich der Schauspielerei, tritt auf namhaften Bühnen Deutschlands auf und übernimmt Fernsehrollen. Jetzt hat er zum ersten Mal Regie geführt und sich „einen Traum erfüllt“, wie er sagt. „Halbstarke Halbgötter“ ist ein Drama über den Krankenhausalltag, so, wie er ihn regelmäßig erlebt. Die Szenen, die er im Stil einer Kollage auf die Bühne bringt, sind authentisch, speisen sich aus seinem eigenen Erfahrungsschatz und aus dem, was Kollegen ihm erzählt haben.

Ärzte plaudern aus dem "Nähkästchen"

Es ist eine sehr intime Atmosphäre, die Mogul hier erschafft. Die Bühne befindet sich im Zentrum, darum herum sitzt das Publikum und hört zu. Die Ärzte plaudern aus dem Nähkästchen. Von ihren ersten eigenverantwortlichen Einsätzen ist die Rede, skurrile, lustige, peinliche Ereignisse, die Lust machen auf mehr und die ungeheuer spannend sind, nicht nur deshalb, weil es sich um wirklich Erlebtes handelt, sondern auch, weil Mogul fragmentarisch erzählen lässt. Erst als es darum geht, die Charaktere zu vertiefen, wird es focussiert und inhaltlich ernster.

24-Stunden Einsätze im Krankenhaus

Da ist Dr. Pröll - authentisch dargestellt von Dietmar Pröll - ein Oberarzt, der seine Ideale schon lange begraben hat. Einen Selbstmordversuch hat er bereits hinter sich, den Klinikalltag erträgt er nur noch, wenn er sich mit Alkohol betäubt. Carmen Dalfogo spielt die Gynäkologin Dalfogo, eine allein erziehende Mutter, die darunter leidet, kaum Zeit für ihren Sohn zu haben, und die im Nachtdienst Betablocker braucht. Stefan Otteni alias Anästhesist Otteni, zeigt eindrücklich, was es bedeutet, 24 Stunden am Stück zu arbeiten und Bettina Lamprecht, alias Assistenzärztin der Chirurgie, berichtet von zwei schweren Einsätzen auf der Intensivstation, die von Kompetenzgerangel und Hilflosigkeit sprechen.

Klinikalltag mit Höhen und Tiefen

Tugsal Mogul zeigt den Klinikalltag mit sein Höhen und Tiefen und weckt vor allem Verständnis für die Mediziner. Letztlich gelingt es dem Regisseur, die Perspektive der Ärzte so darzustellen, dass man begreift, wie es dazu kommen kann, dass ein Arzt für seinen Beruf „brennt“ und weshalb das Individuum für Mediziner an Stelle eines „Falls“ in den Hintergrund tritt. Im fordernden Klinikalltag geht es den Ärzten schließlich auch nicht anders. Auch sie müssen funktionieren, was nicht immer gelingt, wenn selbst die grundlegendsten Bedürfnisse, wie Hunger und Müdigkeit, zurückgestellt werden müssen. Über schlecht gelaunte Ärzte wundert man sich da nicht mehr. Ob Medizinstudenten sich nach diesem Stück weiter auf ihr Berufsleben freuen? Vielleicht, wenn sie sich parallel ein zweites Standbein suchen, so, wie Tugsal Mogul, der Arzt, Schauspieler und Regisseur dieser beeindruckenden Inszenierung.

Isabell Steinböck, Isabell Steinböck

Isabell Steinböck - Isabell Steinböck ist freiberufliche Journalistin mit dem Themenschwerpunkt Kultur (Bühnentanz und Theater) sowie Kinderredaktion. Nach ...

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