
- Theaterdiscounter, Seitenansicht - Steffen Kassel
Die Inszenierung geht nicht in die Tiefe. Das Ensemble nimmt fast die gesamte Breite der Bühne in Anspruch und dementsprechend sind auch die Zuschauerreihen angeordnet. Obwohl es das erklärte Ziel der Formation ist, sich als städtischer Theatermythos in den Münchner Gehirnwindungen einzugraben, werden auch überregionale Ausflüge unternommen, mit denen sie ein gänzlich unbayrisches Publikum erobern will. Eva Löbau und Judith Huber spielen diese Geisha, und zwar in biederer Hauskleidung, die mehr auf die Wonnen der Gewöhnlichkeit verweist als auf delikate Vergnügungseskapaden. Dennoch scheint der Lustfaktor zu dominieren und es wird trocken verkündet, dass der wahre Schmerz fehlt. Grund genug, einen seelenerprobten Therapeuten heranzuziehen.
Die Geisha ist nicht richtig traurig
Eine auf der linken Bühnenseite befindliche Ledercouch ist das Hauptwirkungsfeld der beiden Geishas, die sich wiederholt in vorgetäuschter Naivität über ihre Lebensweise wundern. An einer metallenen Garderobe macht sich ein resolutes Dienstmädchen (Charlotte Pfeifer) zu schaffen, sie wühlt unruhig in den Klamotten, was sie anscheinend zur einer minimalen Kotzorgie beflügelt. Das Produkt dieser Entleerung ist eine Abstoßung: ein Baby kommt als Brathähnchen zur Welt, knusprig, quasi zum Verzehr bereit. Bei der musikalischen Untermalung verlässt man sich vor allem auf Dim Sclichter, der in einem Großkäfig die Knast-Atmosphäre testet und dabei sein Schlagzeug bedient. Und was macht eine Geisha, die – fuck! – erkennt, dass sie eine Künstlerin ist? Die erste Sitzung beim leicht tumben Therapeuten (Christoph Teußl) verläuft wenig vielversprechend, da er notiert hat, dass die Geisha mit ihrem Tumor nicht länger leben kann. Leider hat sie Humor gemeint und ihr Problem lässt sich kurz zusammenfassen: sie kann nicht richtig traurig sein.
Stuhlgang bei Seegang
Auserwählt, den psychischen Defekt zu beheben, stellt der Therapeut beinahe berufspathologisch fest, dass die arglose Doppelgeisha ihn für ihren Mann hält. Würde er nun mit ihr Essen gehen, so würde sie automatisch an eine Penetration denken – das sei eine typische Projektion. Weniger Probleme als beim Eindringen gibt es beim Herauslassen, denn die Geisha hat ein völlig unverkrampftes Verhältnis zum Stuhlgang und vermag sogar einen Zauberstab abzusondern. Hier nähert sich die Inszenierung bedenklich der Fäkalzone. Mit einem ungeahnten Vorstoß zum Reimen und Singen wird dieser Bereich noch tiefer durchdrungen: „Weil die Spülung das nicht packt, wird einfach an Land gekackt“. Dann wird der „Stuhlgang bei Seegang“ zelebriert, aber die Gefahr, ins Unappetitliche abzugleiten, wird vom naiven Charme der Frauen abgefedert. Kein Mensch scheint sich zu ekeln, zumal eine Hinwendung zum Sex vollzogen wird, der im Leben einer veritablen Geisha einfach zu häufig vorkommt. Der ganze Abend ist auf Komik angelegt, deshalb fällt es wohl keinem Zuschauer ein, sich mit analytischer Tiefenschärfe auf das Gesagte einzulassen. Allerdings ist der Humor so angelegt, dass die Zuschauer eher schmunzeln anstatt in ein schallendes Gelächter auszubrechen.
Nach der Therapie erfolgt die Party
Dass das Dienstmädchen Cordula auch über einen Anflug von Erotik verfügt, ist sogar dem etwas lebensscheuen, verstiegenen Therapeuten nicht entgangen. Nach dem Verrücken der türkisfarbenen Sitzgruppe taucht er plötzlich mit einer gelockten Perücke wieder auf und offenbart eine üppige Zahnlücke. Da es sich die Theatertruppe zur Aufgabe gemacht hat, das Verhältnis zwischen Künstlern und Zuschauern auszuloten, dürfen nun rund zehn Gäste an der Aufführung teilnehmen und eine Art Bowle trinken. Alle nehmen an einer langen Tafel Platz, haben ein Brathähnchen vor sich und hören, wie die Geishas „Kackfack“ und „Kotzfotz“ getauft werden. Das Niveau eines Kindergeburtstags ist vollends erreicht, als ein hastig eingeschmiertes Gesicht einer Geisha von der anderen abgeschleckt wird. Am Ende wirft Judith Löbau eine selbstgelegtes Ei gegen die Tür: ein Befreiungsschlag. Offensichtlich auch für den Therapeuten, der sich einer anderen Gruppe zuwenden möchte, vielleicht, um sich selbst zu therapieren. Wer bei dieser Inszenierung allen Ernst ausschaltet, sieht das Ganze mit heiterer Gelassenheit und ist bestimmt nicht peinlich berührt.
PS: Und ich weine, wenn ich will
nach Blake Edwards' Film "Der Partyschreck"
Konzept und Regie: Judith Huber, Eva Löbau, Bühne: Markus Grob, Musik: Christoph Theußl, Dim Sclichter, Kostüme: Detlev Diehm, Licht: Igor Belaga, Fotos: Daniel Kraus,Ton: Hannes Gambeck, Percussion: Go Brazil.
Mit: Eva Löbau, Judith Huber, Charlotte Pfeifer, Christoph Theußl, Dim Sclichter, Go Brazil.
Aufführung vom 10. Februar 2012
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten
Bildnachweis: © Steffen Kassel
