
- Hl. Wenzel /Telc - R. Stipsits
Was in der Antike bei Römern und Griechen zur Unterhaltung, ja sogar zur Bildung des Volkes diente, war bei den christianisierten Völkern des Mittelalters verpönt. Etwas zur Schau zu stellen, gar sich selbst öffentlich darzustellen, galt als unchristliche Gotteslästerung; besonders da sich die Antiken Spiele ursprünglich aus heidnischen Ritualen entwickelt hatten. Trotzdem gingen theatrale Formen niemals gänzlich verloren, bis sie schließlich - Ironie des Schicksals - über die christliche Liturgie wieder Einzug in den Alltag der Menschen fanden.
Die Vorläufer des mittelalterlichen Theaterspiels
Noch bevor szenische Darstellungen wieder en vogue wurden, zu einem Zeitpunkt da man dem Theater abgeschworen hatte und die meisten Stücke der Antike dabei waren, in Vergessenheit zu geraten, gab es jedoch umherziehende Sänger und Jongleure in Europa. Die Tradition der wandernden Sänger entwickelte sich in Frankreich, wo Trobadore durch das Land zogen und ihre Lieder an Häusern nobler Herrschaften, beziehungsweise am Hof zum Besten gaben. Sie waren von dem Erfolg ihres Vortrags abhängig, da sie danach bezahlt wurden. Im deutschen Sprachraum wurden aus den Trobadoren später Minnesänger. Bei den Jongleuren handelte es sich um herumziehende Artisten, die sich auf jegliche Akrobatik, allerlei Kunststücke, sowie auch das öffentliche Vortragen von Texten, verstanden.
Die Wurzeln des liturgischen Dramas
Im 10. Jahrhundert, als die Messe nach wie vor noch in lateinischer Sprache gelesen wurde, begann man immer häufiger, eine Art Dialog in den liturgischen Ablauf einzubauen. Den Grundstein zu dieser Praxis, die wie ein Antwortgesang auf die üblichen Worte folgte, legte die sakrale Szene, in welcher die Marien Jesus im Grab suchen und ihnen der Engel antwortet, dass dieser auferstanden sei. Der "Quem quaeritis in sepulchro"-Tropus wurde in dieser Form erstmals bei der Ostermesse in St. Martial in Limoges in Frankreich gebracht und kann als der Beginn des liturgischen Dramas gesehen werden.
Die Weiterentwicklung des liturgischen Spiels
Begann man anfangs mit kleinen, in den Messablauf eingebauten Sequenzen, so wurde das Kirchengebäude irgendwann zu klein, die biblischen Szenen in aller Größe zu würdigen. In einigen Kirchengebäuden ging die Suche nach der perfekten Umsetzung so weit, dass sogar Kranvorrichtungen konstruiert wurden, die es erlaubten, Engel von der Decke schweben zu lassen. Latein hielt sich lange auch bei den Aufführungen außerhalb der Kirche als die Sprache selbiger, aber man erkannte schnell, dass das Volk mehr durch eine beeindruckende Darbietung, als durch lateinische Verse gefesselt wurde. So wurden die dramatischen Darstellungen immer umfangreicher und siedelten schließlich aus der Kirche ins Freie.
Spiele und Aufführungspraxis im Mittelalter
Aufgeführt wurden große liturgische Spiele an kirchlichen Feiertagen. Aus der ursprünglichen Idee, dem Dialog des Engels mit den Marien an Jesu Grab, entwickelten sich die österlichen Passionsspiele. An Weihnachten gab man Krippenspiele, welche die Geburt Jesu verbildlichten, am Dreikönigstag wurde die Geschichte der heiligen drei Könige erzählt. In weiterer Folge, als man immer mehr dazu überging, in der Muttersprache der Leute und nicht mehr auf Latein zu spielen, waren Heiligen Spiele besonders beliebt, bei denen das Leben eines Heiligen nachgespielt wurde. Nachdem die Kirchengebäude zu klein für die gewünschte Vorstellung geworden waren, verlagerte man die Spielorte nach Draußen. Besonders in England entwickelte sich hier eine Spielpraxis, bei der man verschiedene Holzwägen an den Zuschauern vorbei zog. Diese stellten das jeweilige Szenenbild dar. Andernorts wurde der Szenenwechsel einfach dem Publikum überlassen. Die Zuseher wurden von Ort zu Ort gelotst und ermöglichten in der Form des Stationentheaters einen Szenenwechsel.
Die Gilden als Theatermacher im Mittelalter
Verantwortlich für die Ausführung der Aufführungen waren die stadteigenen Gilden. Jeder Gilde oblag die szenische Darstellung eines Bildes. Sie waren für Aufbau und Ausstattung, wie die Durchführung verantwortlich. Dieser Wettkampf um das spektakulärste Bild eines Stationentheaters nahm ungeahnte Ausmaße an, bei denen stellenweise der gesamte Ort an den Spielen beteiligt wurde und die Aufführung den gesamten Tag dauern konnte.
Das mittelalterliche Volkstheater
Parallel zur Entwicklung des liturgischen Dramas fand außerhalb der Kirche das Volk seinen eigenen Zugang zu neuen Theaterpraktiken. Das Volkstheater wurde an Festtagen des Volkes, wie dem ersten Mai oder Erntedank, aufgeführt, später auch zu politischen Anlässen wie wichtigen Besuchen oder einer Hochzeit. Die Stücke waren immer in der Muttersprache der Menschen und hatten alte Legenden und Rituale als Grundstein. In Italien war der Orpheus-Mythos ein beliebter Stoff, während sich England an die Robin Hood-Legende hielt. Teil der Volksfeste waren auch immer Tänze, die das aufgeführte Stück einrahmten. Oft wurden Masken getragen (Mumme), was der Anonymität des Trägers diente und sich bis zu unserem heutigen Karneval gehalten hat. Man wollte soviel Unterhaltung wie möglich, was zu Ostern, zum Beispiel, eine gemeinsame Eiersuche beinhalten konnte.
Mysterienspiele und Moralitäten
Aus dem liturgischen Drama und dem Volkstheater entwickelten sich nach und nach andere Spielformen. Mysterienspiele hatten immer noch liturgischen Stoff als Grundlage, entfernten sich aber insofern von der Kirche, als sie in der Sprache des Volkes aufgeführt wurden und humorvolle Stellen aufwiesen. Sie wurden meist um Fronleichnam herum aufgeführt.
Bei Moralitäten wurde ebenfalls mit viel Humor, ja sogar Grotesken gearbeitet. Die Moralität stellte den ungebührlichen – in diesem Sinne meist unchristlichen – Lebenswandel eines Individuums dar, das schließlich und endlich doch bekehrt wurde. Eines der heute bekanntesten Beispiele hierfür ist Jedermann.
Literatur
- Stipsits, Julia. Angel Figure and Death Katharsis - Reflections on Tony Kushner's Angels in America. Wien (2001).
- The New Penguin Dictionary Of The Theatre. London (2001).
