HAMBURG hat einige Theater. Trotzdem ist es selten, dass an einem Wochenende drei neue Stücke an drei aufeinander folgenden Theatern herauskommen – und dann auch noch zwei Ur- und eine Erstaufführung. Aber auf die Vorfreude folgte bald Ernüchterung – vor allem am Ende.
Thalia
Das Thalia präsentierte „Quijote. Trip zwischen Welten“. Mehrere Stückeschreiber, darunter namhafte (Roland Schimmelpfennig) und weniger namhafte (Ginka Steinwachs), hatten zu dem „Projekt“ Texte beigetragen. Stefan Pucher führte Regie und arbeitete heutige Aspekte heraus – wir alle sind Don Quijotes, es ist unser menschliches Los, dass wir nicht wissen, was wirklich ist, bleiben stets von einem Traum umfangen.
Als einzig interessanter Aspekt dieses „Projekts“, das sich so gedankenschwer gab und so gedankenleer war, erwies sich Barbara Ehnes’ Bühne. Im Mittelpunkt stand ein raffiniertes Spiegel-, Kamera- und Prokjektionssystem. Wenn Don Quijote (manieriert: Jens Harzer) sich auf den Bühnenboden legte, schien es, als ginge der die Wand hoch und überwinde die Schwerkraft. Die Erfindung traf genau die radikale Skepsis der Aufführung, unsere menschliche Wahrnehmung sei ungeeignet, die Welt zu erkennen. Am Ende sangen alle melancholisch „Ich glaub, wir sind nicht gemacht für diese Zeit“.
Diese elitäre Aufführung, noch zäher als bedeutungsschwanger und langweilig war zumindest inhaltlich und formal das Gegenteil vom „Großen Gatsby“ im Deutschen Schauspielhaus gegenüber vom Hauptbahnhof. Rebekka Kricheldorf hat den gleichnamigen Roman von F. Scott Fitzgerald bearbeitet – als Volksstück. Ihr Fazit dürfte von den feinen Herrschaften im Thalia Theater kaum geschätzt werden. Kricheldorf arbeitete heraus, dass die reichen Leute nicht nur nutzlos für die Gesellschaft sind, sondern durch und durch egoistisch und gefährlich. Sie nutzen ihr Geld, um, wenn sie mal ein kleineres Verbrechen begangen haben, sich abzuschotten und vor Verfolgung zu schützen. Verantwortung? Nein, danke!
Deutsches Schauspielhaus
Wie im Thalia war im Schauspielhaus das Bühnenbild das Beste. Gregor Wickert ließ in der Schlüsselszene auf der Drehbühne einen Palast aus der Unterbühne emporwachsen, der genauso aussah wie der Hollywood-Alptraum einer gigantischphantastischen Buttercremetorte. Der Elite, die sich auf der Bühne langweilte, wurde attestiert, dass sie nicht nur überflüssig ist, sondern auch noch über einen ausgesprochen schlechten Geschmack verfügt.
Ernst-Deutsch-Theater
Den Vogel schoss das Ernst-Deutsch-Theater ab, dessen Strahlkraft meistens nicht einmal bis zu Hamburgs Stadtgrenzen reicht. Die Bühne hatte die deutschsprachige Erstaufführung von „Gethsemane“ auf dem Spielplan, ein Stück über den Niedergang der Moral in Politik und Presse. In einer Szene tritt der Premierminister auf, ganz offenbar ist Tony Blair gemeint. Er klebt an seinem Sessel und ist wesentlich mehr an seinem Machterhalt als am Wohl der großen Mehrheit interessiert. Bei den Auftritten gab es bitteres Lachen und Gesinnungsbeifall: Die Attacken des britischen Autors trafen auch bei uns ins Schwarze, der Politiker auf der Bühne sprach aus, was unser hochverehrter Herr Bundespräsident vermutlich insgeheim denkt.
Verfasser des Stücks ist David Hare. Der Dramatiker, Drehbuchautor, Theater- und Filmregisseur wird in London und New York hoch geschätzt, Cate Blanchett hat mit ihm gearbeitet und Judy Dench, Vanessa Redgrave, undundund… Die Queen hat Hare zum Ritter geschlagen wegen seiner Verdienste um das Theater – bei uns werden seine Stücke kleinen Bühnen überlassen. Irre! Ohne Rebekka Kricheldorf oder Stefan Pucher zu nahe treten oder gar Unrecht tun zu wollen – ihre Schöpfungen haben kaum nationalen Rang. Das internationale Format von Sir David fehlt ihnen völlig. Pucher arbeitet für jene, die sich was Besseres dünken, Kricheldorf kümmert sich um modernes Volkstheater, Sir David bemüht sich um die Quadratur des Kreises. Seine Maxime: Theater muss sublim und volkstümlich zugleich sein, tief und unterhaltsam – sein Vorbild ist Shakespeare, sein Ziel: „Theater für alle“.
In Hamburg sind, wie in allen Bereichen, auch im Theater die Kategorien in der schändlichsten Verwirrung. Woran es liegt? Der Fisch stinkt vom am Kopfe. Unseren Theaterleitern fehlt Geschmackssicherheit.
Sir David beklagt einen Niedergang auch des Theaters. „Das eigentliche Drama“, so postulierte der Stückeschreiber, der zu seiner Erstaufführung von der Themse an die Alster geflogen war, „spielt heute im Fernsehen“. Dann lohnt sich die Theaterreise nicht, man kann die Puschen anbehalten und zu Hause bleiben.
Auch keine schlechte Nachricht.
