
- Unikursales Hexagramm (Hauptsymbol Thelemas) - Aleister Crowley
Wir schreiben das Jahr 1904. Der britische Schriftsteller und Okkultist Edward Alexander Crowley (besser bekannt als Aleister Crowley) verfasst in Kairo (Ägypten) das sogenannte "Buch des Gesetzes" (Liber al Vel Legis). Auf den ersten Blick nur eine lose Aneinanderreihung von Gedichten, Phrasen und mystisch-okkulten Statements, schaffte es dieses Buch jedoch eine ganze religiöse Bewegung in Gang zu setzen...
Thelema - Der Wille
Das Wort "Thelema" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Wille". Und um den geht es hauptsächlich bei diesem religiös-philosophischen System. Die Essenz liegt darin dem Individuum den eigenen Weg zu finden leichter zu machen. Thelema weist eine hohe Konzentration an altägyptischer sowie jüdischer/christlicher Mystik (Kabbalistik) auf. Nach Zeitrechnung der Thelemiten (Anhänger Thelemas) befinden wir uns im Zeitalter (Aeon) des Horus, das mit dem Verfassen des Liber al, also 1904, begann. Jene zentrale Glaubensschrift, auf die sich alle Gruppierungen um Thelema berufen, besteht aus 220 Versen in 3 Kapiteln und stellt dabei folgende drei "Gottheiten" dar:
Nuit (Der unendliche Raum / Das Nichts)
Hadit (Der heilige Geist / Das Leben)
Ra-Hoor-Khuit (Die Gottheit des derzeitigen Äons)
Wesentliche Leitsätze, diesem Werk entnommen, sind dabei:
Tue was du willst, soll sein das ganze Gesetz.
Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.
Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.
Es gibt kein Gesetz außer: Tue was du willst.
Zwei Grundsätze haben durchweg positiven Charakter. Die zwei anderen sind auf den ersten Blick paradox, denn wenn jeder tut, was er will, herrscht Anarchie - und wir können uns ja vorstellen, wie das ausgeht!
Wie also damit umgehen? Die vernünftigste Herangehensweise ist die folgende: Seinen wahren Willen finden, ohne dabei Kants goldene Regel zu verletzen, ergo: Lebt man seinen eigenen Willen, in Liebe und Harmonie mit seinen Mitmenschen und der Welt sind diese Grundsätze durchaus tragbar. Das Problem liegt schlicht, wie Sie lieber Leser weiterhin merken werden, in der individuellen Interpretation des Konstrukts Thelema.
Das Individuum begibt sich also auf eine zielgerichtete Reise den für sich bestimmten, wahren Lebenswillen, frei von Zweck, zu entdecken und dann zu leben. Nun man könnte hier einfach sagen: Finde deinen Platz im Universum, oder gib deinem Leben einen Sinn. Alles richtig! Entscheidend ist aber, dass man durch Thelema eine Art gefestigten Rahmen bekommt, der trotzallem anpassungsfähig ist.
Religion - ja oder nein?
Seit langem streiten sich nicht nur Theologen und andere Fachleute, ob nun Thelema eine Religion ist oder nicht, nein, sondern gar die eigenen Anhänger sind, aufgrund der Eigenarten Thelemas, fast schon gezwungen im ständigen Diskurs mit anderen Individuen über die Frage "Thelema - Religion ja oder nein?" zu debatieren. Das Problem ist einfach: Es gibt viele Organisationen, die die Ansichten Thelemas und Crowleys Gedanken unterschiedlich interpretieren. Dies lässt sich auf den Umstand zurückführen, dass dieses religiöse System eher an das einzelne Individuum gerichtet ist, und nicht, wie bei üblichen Religionen, an eine Gruppe von Individuen.
Thelema erhebt universellen und zugleich individuellen Anspruch auf den Menschen. Daher resultiert auch die Uneinigkeit zwischen den Gruppierungen und die Ansichten. Wer sich also selbst als Thelemit bezeichnet, der soll das gerne tun, so mag er sich aber nicht zwangsläufig als Anhänger einer Religionsgemeinschaft sehen, für jemand anderes wiederrum mag es lediglich eine Lebensphilosophie sein...
Thelema damals - und heute
Herr Crowley, schon in frühen Mannesjahren aktiver Okkultist, durchlief Laufbahnen in drei freimaurerischen Organisationen. Zu erst war er Mitglied im "Hermetischen Orden der goldenen Dämmerung" wurde später Kopf des "Ordo Templi Orientis" und schließlich gründete er seinen eigenen Orden: "Astrum Argenteum" (Silberner Stern). Erwähnenswert ist, wie Crowley angeblich damals zum Schreiben des Liber al und damit zum Beginn Thelemas kam. Es wird berichtet, dass Crowley in den Abenden vom 6.4. bis 8.4. 1904 von einer geheimnisvollen Entität namens "Aiwaz" heimgesucht wurde, die ihm die mystischen Zeilen des Liber al diktierte. Man muss an dieser Stelle jedoch anmerken, dass Crowley extrem mit Drogen experimentierte und es überhaupt ein Wunder ist, dass er noch halbwegs aussagefähige Sätze zusammenbekam. Drogenhalluzinationen oder Vision? Das sei dahingestellt. So trägt Crowley also sein thelemitisches Wissen von Orden zu Orden und beeinflusst viele Menschen, man könnte ihn dabei als schillernden, geheimnisvollen Verführer beschreiben.
Ende des 20. Anfang des 21. Jahrhunderts bildeten sich dann moderne Formen von Gruppierungen heraus (Foren, Chats etc.) sowie weitere Organisationen, wie der Thelema Society. Hier, lieber Leser, sei jedoch vorsicht geboten. Die Thelema Society steht unter Verdacht eine gefährliche okkulte Sekte zu sein. Es gibt mehrere Fälle in denen Frauen und Männer verfolgt werden, nur weil sie mit der Organisation abschließen wollten.
Generell rate ich von dem eingliedern in thelemitischen Organisationen ab. Thelema als solches ist zu persönlich, als dass man es in eine Form und Gruppierung pressen kann. Meiner Ansicht nach, lässt sich Thelema nicht in eine Organisation pressen, denn das verhindert, über kurz oder lang, den eigentlichen thelemitischen Weg der freien Selbstentfaltung und Erkenntnis über das große Ganze, womit sich diese Organisationen kein bisschen besser geben, als übliche Religionen.
Was ist denn nun Thelema?
Ganz einfach: Es ist das, was du für dich aus deinem Leben machst, um einen für dich optimalen, selbstbestimmten Lebensweg im Einklang mit allen Mitmenschen zu finden. Ob du nun, wie Crowley empfiehlt, Okkultismus hinzuziehst (Das Konzept der Magick) oder deine eigenen "Rituale" aufstellst, ist egal. Entscheidend ist, dass Thelema als Konzept über die Bahnen von Religion und Philosophie auszubrechen versucht. Ob man nun dadurch allein Thelema gar als "Metareligion" (Eine Religion, die auf völlig anderer Ebene steht, als alles bisherige) ansieht oder als Lebenshilfe muss das Individuum für sich entscheiden.
