Theodor Fontane auf Norderney: "Ich lebe hier etwas unterm Stand"

Stürmische See auf Norderney  - Simone Heiland
Stürmische See auf Norderney - Simone Heiland
Theodor Fontane (1819-1898) und Norderney, das war eine besondere Liebe. Auszüge aus Briefen des Dichters und Schriftstellers an seine Frau Emilie.

"Norderney, um dir's offen zu gestehen, gehört zu meinen angenehmen Erinnerungen." Es ist 122 Jahre her, dass Theodor Fontane (1819-1898) sich in seinen Prosaskizzen "Wohin?" (1888), in denen er seine Eindrücke, die er über die Jahre auf und von der Nordseeinsel Norderney gewonnen hatte, so äußerte. Der Dichter und Schriftsteller kam 1880 auf Einladung des Grafen zu Inn- und Knyphausen für nur einen Tag auf die Nordseeinsel Norderney, zweitgrößte der Ostfriesischen Inseln und seit 1797 Seebad. Am 24. Juli 1880 nachmittags um fünf Uhr schrieb er an seine Frau Emilie: "Meine liebe Frau. Da ich es für möglich halte, daß Du Dich wegen der Bootsfahrt ängstigst, so schick ich Dir diese Bleistiftzeilen zum Zeichen, daß ich lebe. Die Fahrt, bei Gewitter, war sehr schön und dauerte zwei Stunden. An die von Capri nach Sorrent reicht sie aber doch nicht, trotzdem ich mit 3 jungen Comtessen fuhr, die dem Vater bis ans andre Ufer entgegengekommen waren....". Wahr ist, dass die Überfahrt auf einem Raddampfer ob des enormen Gewitters der reinste Horror war. Fontane musste noch am selben Tag wieder abreisen und konnte deshalb nur diesen einen, stürmischen Eindruck von Norderney gewinnen.

Fontane und die sanitären Anlagen: Ihm missfiel die "unsägliche" Toilette

Im Sommer 1882 musste er erneut nach Norderney, tat sich jedoch schwer, auf Anhieb eine geeignete Unterkunft zu finden. Er schrieb an seine Frau: "Norderney war überfüllt und ich kroch in eine Dachkammer hinein. Aber schon am andern Tage fand ich ein leidliches Quartier Marienstraße 4 und acht Tage später ein vergleichsweise hübsches Marienstraße 3." Obgleich mit Wohn- und Schlafzimmer großzügig ausgestattet, befand sich die Toilette im Hof, was zu jener Zeit durchaus üblich war, Fontane aber offenbar nicht gefiel. Er schrieb an seine Frau, die Toilette sei ganz "unsäglich". Bei einem Aufenthalt in Karstens Hotel in Hannover, einem angesagten Haus, ließ ihn ein übler Geruch nicht schlafen und er kippte das Nachtgeschirr mit dem vom vorigen Gast hinterlassenen Inhalt aus dem Fenster.

Fontane und das Essen: Die Luft roch nach "beweglichem Fett"

Norderney ist in den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts nicht immer nur von frischer Nordseeluft durchdrungen. Neben frisch gefangenem Fisch sind damals schon Kartoffelpuffer ein gern gegessenes Mahl. Fontane kann sich auch damit nicht anfreunden und schreibt: "Die Zahl, die hier gebacken wird, ist so groß, dass die Luft auf 200 Schritt im Umkreis nach beweglichem Fett riecht." Mit der Ernährung hat Fontane generell Probleme. 1883, wieder auf der Insel, nörgelt er in den Briefen an seine Frau an allem Essbaren: "Die Verpflegungsverhältnisse sind hier sehr merkwürdig; mein Hauptnahrungsuppe ist 'Gerstensuppe', ein nationales Gericht, unsrer Graupensuppe aus Hammelfleisch sehr ähnlich, aber noch kräftiger."

Fontane und das Wetter: Es goss "wie mit Mollen"

Und selbst mit dem wechselhaften Seewetter steht der Dichter und Schriftsteller auf Kriegsfuß. Am 21. Juli 1883 schreibt er an seine Frau. "Sturm, Regen, Kälte. Mir ist es übrigens gleichgültig." Am 29. Juli schreibt er: "Das Wetter wird immer toller. Draußen gießt es wieder wie mit Mollen; ein entsetzlicher, unsagbar langweiliger Aufenthalt." Am 12. August regnete es auf Norderney immer noch, später war in der Norderneyer Badezeitung nachzulesen, dass der Sommer des Jahres 1883 einer der verregnetsten der letzten Jahre gewesen ist. Fontane schreibt: "Gegen 6 machte ich noch einen Spaziergang (!), aber doch sehr mit Vorsicht d. h. in der Nähe menschlicher Wohnungen, nachdem ich vorgestern bis auf die Haut naß geworden war."

Fontane und das Geld: Er lebte auf Norderney "etwas unterm Stand"

Ein Jahr später, im Sommer 1883, zieht es den 64-jährigen Fontane abermals für mehrere Wochen auf die Nordseeinsel. Offenbar ist er immer noch hin- und hergerissen zwischen den angenehmen Seiten, die die Insel bietet, wie Sonne, Wind und Meer, und den Unterkünften, die seinen Vorstellungen einfach nicht entsprechen wollen. Am 13. Juli 1883 schreibt er an einen Freund: "... und stehe jetzt auf dem Sprunge nach Norderney. Dass man sich in seinem vermögenslosen Zustand und bei dem Jammerertrag seiner Feder einen solchen Luxus immer noch gönnen kann, ist eigentlich ein Mirakel." Drei Wochen später schreibt er an seine Frau: "Ich lebe hier alles in allem etwas 'unterm Stand', bin einsam und langweile mich kolossal, aber ich habe Luft, Bewegung, Ungestörtheit und kann arbeiten."

Fontane und die Norderneyer

In einem weiteren Brief vom 9. August schreibt er: "Wie es mir geht, weiß ich eigentlich selber nicht; ich kann sagen gut, aber ich kann auch sagen schlecht. Mit der Wohnung und den Wirtsleuten habe ich es gut getroffen; die Luft ist herrlich, der Anblick des Meeres dito, und nachmittags drei, vier Stunden lang am Strande spazieren zu gehen oder zu sitzen, ist ein Genuß. Dazu kommt, daß mir die eingeborene Bevölkerung sympathisch ist; kräftige, tüchtige, urgermanische Menschen, ehrlich und zuverlässig. Daß sie sich ihre Luft usw. gut bezahlen lassen, kann ich ihnen nicht verdenken....".

Fontane und der Norderneyer Apotheker Ommen: Vorlage für "Effi Briest"

Fontane, stets etwas geknickt, weil ihn trotz diverser Veröffentlichungen bis dato niemand so recht zu kennen schien, fand im Apotheker Ommen von der Inselapotheke in der Kirchstraße "einen stattlichen Friesen von Bildung. Manieren und Distinktion. Eine Inselgröße." Er huldigte dem Apotheker in höchsten Tönen, weil diesem der Name Fontane offenbar ein Begriff war, was dem Namensinhaber ungemein schmeichelte. Und man erzählte sich, dass die Apothekergestalt Alonso Gieshübler in Fontanes Roman "Effi Briest" erkennbare Züge des Apothekers Ommen trage. Hatte Fontane noch wenige Tage vor seiner Begegnung mit dem Apotheker an seine Frau geschrieben: "Und wenn ich Nordernei umgestülpt hätte, von mir wäre nichts herausgefallen", was heißen sollte, dass er trotz seiner vielen Aufenthalte auf der Insel ein No-Name geblieben war, so war er nach der Begegnung mit Apotheker Ommen versöhnt und schwärmte fortan wo immer er hin kam in höchsten Tönen von Norderney.

Zwischen Pflicht und Kür, Simone Heiland

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