Theodor Fontane (1819 bis 1898) gilt als der „typische“ poetische Realist. Trotzdem lassen sich in seinem Werk auch Elemente der Décadence-Literatur finden. Dies gilt unter anderem für die Gestaltung seiner Frauenfiguren, wie etwa die der Cécile aus seinem gleichnamigen Roman. Ihr hat Fontane Züge zweier sehr gängiger Frauentypen der Literatur des Fin de siècle verliehen, nämlich solche der „Femme fatale“ und solche der „Femme fragile“.
Merkmale der Femme fatale
- Reiz/Schönheit/Rätselhaftigkeit/Sinnlichkeit
Cécile übt einen großen Reiz auf die sie umgebenden Männer aus. Dies liegt zunächst in ihrer Schönheit begründet, die mehrmals betont wird, und zwar vom Erzähler wie auch von Gordon. Letzterer beginnt sich allein wegen Céciles äußerer Erscheinung für sie zu interessieren. Im weiteren Handlungsverlauf reizt es ihn dann zunehmend, auch etwas über ihre Geschichte zu erfahren, die ihm zu Recht geheimnisvoll erscheint. Er fühlt sich also stark durch ihrer Rätselhaftigkeit angezogen. Ob Cécile auch eine sinnliche Ausstrahlung besitzt – womit das Kriterium einer Femme fatale erfüllt wäre –, wird im Text freilich nicht explizit gesagt. Zwar gibt es einige Szenen, aus denen man versteckte Anspielungen auf den Bereich des Erotischen herauslesen und die man auf Cécile bezogen verstehen könnte. Doch wenn man die Erzählperspektiven berücksichtigt, fällt auch auf, dass die Handlungen der Hauptfigur oftmals aus dem Blickwinkel der männlichen Protagonisten beschrieben und interpretiert werden, nicht aus der des Erzählers. Folglich sind es offenbar sie, die Cécile Sinnlichkeit zuschreiben. Zugleich scheinen sie diese Sinnlichkeit aber auch als bedrohlich zu empfinden – jedenfalls geben sich sowohl St. Arnaud als auch Gordon mehrmals regelrechten „Hexenphantasien“ hin, die womöglich auf Cécile gemünzt sind (zu beachten ist dabei natürlich, dass der erste Teil des Romans in der „Hexengegend“ Harz spielt).
- Gefährlichkeit für den Mann
Ein zweites Charakteristikum der Femme fatale besteht darin, dass durch sie Männer zu Schaden oder zu Tode kommen. Und tatsächlich sterben Céciles wegen sogar zwei Männer: Oberstleutnant Dzialinski, mit dem sich St. Arnaud duelliert, weil Ersterer ihn auf die Mesalliance hinweist, die er mit Cécile einzugehen die Absicht hat, und Gordon, der ihr ernsthafte Avancen macht und damit – wie St. Arnaud meint – Respektlosigkeit ihm gegenüber ausdrückt. Hierbei muss allerdings unbedingt erwähnt werden, dass Cécile über den Tod beider Männer schwer erschüttert ist. Schon wegen Dzialinskis Tod empfindet sie eine erdrückende Schuld, und Gordons Tod wird schließlich sogar zum Auslöser für Céciles Suizid.
- Weitere Merkmale
Darüber hinaus gibt es noch weitere Femme-fatale-Merkmale, die auch auf Cécile zutreffen: Zum einen besitzt sie einen sehr geringen Handlungsspielraum, bleibt also meist passives Objekt ihrer Umwelt (man denke etwa an ihre Verheiratung mit dem Fürsten von Welfen-Echingen) und wird letztlich sogar in den Tod getrieben, das heißt, sie spielt eindeutig eine Opferrolle. Und zum anderen scheint sie äußerst eitel und auf Huldigungen aus zu sein. Allerdings fällt auch hier auf, dass es oftmals Gordon ist, der ihr dies unterstellt (zum Beispiel, als aus seiner Perspektive das Leuchten in ihren Augen beim Anblick des Beetes mit der „Brennenden Liebe“ beschrieben wird).
Merkmale der Femme fragile
- Kränklichkeit/Hysterie
Ein hervorstechendes Merkmal von Femme-fragile-Figuren in der Décadence-Literatur besteht in deren Zerbrechlichkeit und Kränklichkeit. Und tatsächlich wird auch Cécile als überaus schlank und blass beschrieben, sie friert viel und bewegt sich wie eine Rekonvaleszentin. Manchmal bekommt sie rote Flecken, und sie ist schnell und oft erschöpft. Für ihr Umfeld ist klar, dass sie nervenkrank, sprich hysterisch ist. Doch sehr wahrscheinlich wird ihr auch diese Hysterie – übrigens eine „Modekrankheit“ der Zeit – nur durch ihre Umgebung zugeschrieben. Denn vom Erzähler werden entsprechende Aussagen zum Beispiel St. Arnauds nie bestätigt. Cécile selbst wehrt sich auch häufig gegen die Fürsorglichkeit ihres Mannes, und selbst ihre Herzerkrankung empfindet sie als eine „zudiktierte“ Krankheit. Dass sie nicht gesund ist, ist zwar offensichtlich, aber vieles deutet darauf hin, dass ihre Beschwerden psychosomatischer Natur sind: Sie leidet unter ihren Schuldgefühlen und wahrscheinlich auch unter ihrer aufgezwungenen Passivität. Fontane als Autor geht es also offenbar darum, die männlichen Diskurse über Céciles angebliche Hysterie ins Zentrum zu stellen, was den Roman außerordentlich modern macht.
Sonstige Charakteristika
Weitere Femme-fragile-Merkmale Céciles bestehen in ihrem Aristokratismus, in der Farben- und Blumenmetaphorik und den Bezügen zur Bildenden Kunst, mit denen sie in Verbindung gebracht wird, und schließlich in dem Versuch, ihr eine Art „sexuelle Ungefährlichkeit“ zuzuschreiben. Letzteres geschieht übrigens wiederum durch Gordon, der in ihr angeblich eine „Kinderseele“ erkennt. Dass Cécile am Ende des Romans stirbt, ist ebenfalls bezeichnend: Einerseits ist nämlich auch dies „typisch Femme fragile“, andererseits entscheidet sie sich selbst für den Freitod, anstatt langsam und würdevoll zu „verblühen“.
Fontane ordnet Cécile also offensichtlich Merkmale von Femme fatale und Femme fragile zu, aber er tut dies nicht, um so ein Kunstprodukt zu schaffen, das den typischen Femmes fatales eines Oscar Wilde oder den typischen Femmes fragiles eines Maurice Maeterlinck entspricht. Fontane geht es eher um das Aufzeigen der Frauenbilder, die die männlichen Protagonisten in Céciles Geschichte in die Hauptfigur hineinprojizieren wollen (die Erzählperspektiven deuten ganz klar darauf hin). Indem Fontane diese männlichen Diskurse über die Frauen zum Gegenstand seines Romans macht und sie kritisiert, erweist er sich tatsächlich als typischer Realist. Das Verwenden von Décadence-Elementen ist einerseits Spiel mit literarischen Klischees seiner Zeit, andererseits aber auch Teil seines Realismus.
Buchausgabe: Theodor Fontane: Cécile. Hrsg. von Christian Grawe. Reclam. ISBN: 978-3-15-007791-7, UB 7791.
