
- Fowler: Der Engel auf meiner Schulter - Goldmann
„Tu einfach alles dafür, so zu sein, wie du sein möchtest“ – so lautet der letzte Wunsch Megs an ihre fünfzehnjährige Tochter Savannah. Meg ist unheilbar krank und schreibt in einem Tagebuch all das nieder, was sie ihrer Tochter persönlich nicht mehr wird sagen können. Das Tagebuch wird zugleich ein Rückblick in die eigene Vergangenheit und der daraus entspringende Wunsch zur eindringlichen Bitte an die Tochter: Tu, was dein Herz dir sagt, denn „es gibt nichts Schlimmeres, als auf sein Leben zurückzublicken und zu wünschen, man hätte alles anders gemacht“.
Eine unglückliche Liebesgeschichte
Der Rückblick geschieht mit Wehmut: Meg erlebt die letzte Nacht mit Carson, ihrer ersten großen Liebe, wie in Trance. Als wäre es eine andere, die da handelt. Nur noch ein letztes Mal, denkt sie. Dann ist es vorbei, das Glück eines selbstbestimmten Lebens. Denn Meg wird Brian heiraten. Sie ist verpflichtet, es zu tun. Denn diese Heirat wird ihre Eltern vor dem finanziellen Ruin bewahren. Nur noch ein letztes Mal, dann der Abschied. Was bleibt, ist der Schmerz. Und eine seltsame innere Taubheit.
Jahre später ist Meg erfolgreiche Ärztin mit einem Leben, wie es durchschnittlicher kaum sein kann. Mit ihrem Mann Brian verbindet sie nicht viel mehr als das Eigenheim, und Tochter Savannah ist der typische rebellische Teenager, der sich unverstanden fühlt. Meg ist zerfressen von Schuldgefühlen – gegenüber ihren Patienten, ihrem Mann, ihrer Tochter. Niemandem scheint sie gerecht zu werden, in allen Rollen scheint sie zu versagen. Und dann beginnen die Symptome.
Diagnose: ALS
Es beginnt mit einer unerklärlichen Taubheit im Arm, die sich langsam auf die anderen Gliedmaßen ausweitet. Meg wird arbeitsunfähig und erhält die vernichtende Diagnose – ALS oder Lou-Gehrig-Syndrom. Meg wird zum Pflegefall werden und sterben.
Der Schock weicht Wut, Verbitterung und Resignation. Dann kommt die große Leere, und die treibt Meg zur Innensicht. Was sie sieht, ist vernichtender als die Aussicht auf den eigenen Tod: Sie hat ihr Leben auf Vernunft und Pflichtgefühl gebaut, und das Leben, das sie eigentlich hätte führen sollen, ist unwiederbringlich dahin. Sie erkennt: Kein Leben, das sich so nennen darf, darf gänzlich auf Vernunft fußen.
Inmitten dieser Wirren trifft sie Carson wieder. Und sie weiß, was sie zu tun hat: Schuldgefühle und Gewissensbisse beiseite legen und ihrem Herzen folgen. Für einen Neuanfang ist es zu spät, aber eines kann sie tun – in Aufrichtigkeit beenden, was mit einer Lüge begann.
Wie wird man glücklich?
Immer war da dieses Gefühl, für andere da sein zu müssen. Dieses fremdbestimmte Leben war es, das Meg im Grau der Mittelmäßigkeit hat ertrinken lassen. Mit dem eigenen Tod vor Augen richtet sie ihr Leben völlig neu aus. Sie ist nach wie vor Mutter und Ehefrau, aber vor allem ist sie nun ein Mensch, der es sich erlaubt, gemäß seiner Gefühle zu handeln. Seinem Herzen zu folgen. Und das führt Meg zurück zu Carson.
Der Ausbruch aus der Fremdbestimmung bringt sie auch Savannah näher. Sei stark, schreibt sie ihr. Sei du selbst. Handle nicht aus falsch verstandenem Pflichtgefühl, erspare dir den Schmerz, der aus Vernunftentscheidungen erwächst. Mach nicht dieselben Fehler wie ich. Sei so, wie du sein möchtest.
Ohne Tiefgang: Der Debütroman von Fowler
Das anspruchsvolle Thema von Therese Fowlers Debütroman „Der Engel auf meiner Schulter“ suggeriert Tiefgang, der in der Durchführung aber oberflächlich bis langatmig bleibt. Die Auseinandersetzung mit dem Tod erfolgt nuancenlos, was schade ist, denn sprachliches Geschick besitzt die Autorin durchaus. Sensibel gezeichnete Figuren stehen dem unausgereiften inneren Konflikt der Protagonistin gegenüber.
Therese Fowler. Der Engel auf meiner Schulter. Goldmann 2008. Gebunden, 412 Seiten. Euro 17,95. Deutsch von Angela Stein.
