
- Cover - schreiber&leser
Der Grafik-Designer und Kinderbuchillustrator Thierry Murat hat inzwischen auch den Comic für sich entdeckt. Für Der Mörder weinte (schreiber&leser) hat er einen Roman der Kinder- und Jugendbuchautorin Anne-Laure Bondoux als kunstvolle Graphic Novel adaptiert. Murat war derart von der Vorlage angetan, dass er sogar die ins Deutsche übersetzten Texte in seine Illustrationen integrierte. Dadurch wil der Zeichner sichergehen, dass auch die deutsche Ausgabe nah am Original bleibt.
Mord auf kargem Boden
Im tiefen Süden Chiles ist das Leben der Menschen hart und karg, wie der Boden. Nur selten verirrt sich jemand zu dem Haus am Ende der Zivilisation, in dem Paolo Poloverdo mit seinen Eltern lebt. Es sind meistens Geographen oder Astronomen, die es aufgrund wissenschaftlicher Neugierde in diese verwunschene Ecke Patagoniens verschlägt, oder abenteuerliche Dichter, die auf der Suche nach Inspiration sind.
Eines Tages kommt der Mörder Angel Allegria und wird das Leben Paolos für immer verändern, indem er dessen Eltern umbringt. Fortan verdrängt der Junge das Verbrechen und beugt sich seinem Schicksal. Er gewöhnt sich an den Mörder, der seinerseits beginnt Wurzeln zu schlagen. Erst der gut betuchte, aber zivilisationsmüde Luis Secunda sorgt wieder dafür, dass die Würfel noch einmal gewürfelt werden.
Werkgetreue Adaption
Man merkt von Anfang an, dass sich Murat um eine werkgetreue Umsetzung von Bondoux' Romans bemüht hat. Die Erzähltexte dominieren und sind Schreibmaschinen-Lettern unter oder über den oft seitenbreiten Panels angesetzt. Murat verwendet keine Sprechblasen, die spärlichen und knappen Dialoge werden ebenfalls in Schreibmaschinen-Lettern frei in die Illustrationen gefügt. Ein kurzer Strich zeigt an, wer gerade spricht.
Dadurch verbindet Der Mörder weinte tatsächlich viel mit dem illustrierten Kinder- und Jugendbuch. Um dem Roman Rechnung zu tragen, macht der Illustrator oft Sprünge und bildet oft auch abstrakte Szenen oder vergrößerte Details ab. Das Verhältnis von Text und Bild ist überraschenderweise gut verteilt, Der Mörder weinte versinkt in keiner Bleiwüste.
Kunstvolle Bilder
Murats Bilder sind stark reduziert und auf das Notwendigste beschränkt. Er erzeugt eine dichte Atmosphäre, indem er seine Zeichnungen gezielt mit einer oder zwei Farbe(n) koloriert. Auf diese Weise gibt Murat auch grafisch die Stimmung der Erzählung wider. So erscheint die karge Landschaft beispielsweise in sandigen Orange- oder Brauntönen.
Die dunklen Aspekte der Erzählung erzielt Murat durch kräftige schwarze Striche und den häufigen Einsatz von Schatten, so dass beinahe eine typische Noir-Stimmung aufzukommen scheint. So ist Murat mit Der Mörder weinte eine eindrucksvolle Adaption gelungen, einer Mischung aus Noir, Poesie und Drama. Mit Spannung darf eine von schreiber&leser angekündigte weitere Arbeit erwartet werden, bei der sich Murat mit Corbeyran zusammengetan hat.
Wertung: 4,5 von 5
Thierry Murat: Der Mörder weinte. schreiber&leser, 2011. Hardcover, 128 Seiten. Euro 18,80.
