
- Protest gegen rechtsradikale Hetze - Alexander Hauk/pixelio.de
Derzeit herrscht eine aufgeregte Diskussion über den als "Skandalbanker" und "Brandstifter" bezeichneten Buchautor Thilo Sarrazin, der seine meist gegen Ausländer, aber auch gegen Deutsche, die seinem hohen Leistungsanspruch nicht genügen, gerichteten Aussagen nun in einem neuen Buch zusammengewürfelt hat. Wenn man die im Buch enthaltenen "Argumente" deutlich beleuchtet, dann wird man schnell erkennen, dass hier ein der Könner der radikal-islamophoben Rabulistik am Werk war.
Rabulistik (von lateinisch rabire „toben“, oder von rabula „marktschreierischer Advokat“) ist die (zweifelhafte) „Kunst“, wortwörtlich „recht zu haben“ bei einer Sache, die inhaltlich unehrlich ist und nicht vertreten werden kann; also Wortverdreherei oder Haarspalterei. Jemand, der Worte verdreht und unaufrichtig argumentiert, wird Rabulist genannt. Aus rechtswissenschaftlicher Sicht versteht man unter Rabulistik eine rechtsverdreherische und abwegige Argumentation oder Winkelzüge, die man auch an einem direkten Beispiel Sarrazins festmachen kann.
Zitat: "Bei keiner anderen Religion ist der Übergang zu Gewalt, Diktatur und Terrorismus so fließend." Nimmt man nun einmal an, es handele sich nicht um den genannten Islam, sondern man ersetzte zum Beispiel Islam durch die Religion der nordirischen Katholiken, wird man erkennen, dass dieser Satz sich genauso auf diese anwenden lässt.
Ebenso kann man mit gleichem Ergebnis den Protest der ultraorthodoxen Juden mit Unverständnis betrachten. Zitat: "Fast wöchentlich lieferten sich im vergangenen Jahr Orthodoxe Straßenschlachten mit der Polizei, weil sie verhindern wollten, dass ein Parkhaus am Rand der Altstadt von Jerusalem auch am Sabbat geöffnet wurde. Vor wenigen Wochen richteten Orthodoxe bei einer Demonstration allein in Jerusalem Sachschäden in Höhe von mehr als 70 Millionen Dollar an, und in der Stadt Jaffa wurden bei Auseinandersetzungen am Mittwoch fünf Polizisten verletzt." -Zitat Ende-
Anhand dieser Beispiele wird bereits das System deutlich, aus welchem sich Sarrazins "Rechthaben" speist: Wann immer man einzelne Ultra-Hardliner als Beispiel für eine ganze, aber ansonsten moderate Gruppierung benennt und ihnen ein Fehlverhalten zurechnet, werden von unreflektierten Betrachtern zustimmende Bemerkungen laut, die die gesamte Gruppierung betreffen. Erster Punkt auf Sarrazins Rabulistik-Dialektik ist also die
Verallgemeinerung eines Fehlverhaltens einzelner Randgruppen
Auch folgende Aussage aus Sarrazins Buch ist Rabulismus: "Keine Gruppe betont in der Öffentlichkeit so sehr ihre Andersartigkeit, insbesondere durch die Kleidung der Frauen."
Zum einen: Selbst WENN das zutreffend wäre, was wäre das Problem dabei? Jeder Mensch trägt doch das zu seinem Typ, Geldbörse und Herkunft oder religiösen Vorstellungen passende. Sarrazin macht aus einer, jeden Menschen betreffende, richtigen Aussage, eine allein die Muslime diffamierende Bemerkung.
Ersetzt man nun "Muslime" durch zum Beispiel "Punks" oder durch "Franzosen" oder durch "Engländer", oder auch durch "orthodoxe Christen", wird man schnell erkennen, dass diese Aussage näherer Betrachtung nicht standhält und sich der ganze Unsinn daraus erschließt, weil es auf ALLE diese Gruppen anwendbar ist. Zweiter Punkt auf der Sarrzin-Rabulistik-Skala ist also
Kritisieren selbstverständlicher allgemeiner Rechte
(hier: Wahl der Kleidung) als angeblich typisches Zeichen fehlender Integration. Zitat: "Keine andere Immigration ist so stark wie die muslimische mit Inanspruchnahme des Sozialstaats und Kriminalität verbunden." Hier erklärt Sarrazin undifferenziert, dass legale Immigranten die ihnen zustehenden sozialen Hilfen in Anspruch nehmen und vermischt gleichzeitig das Wort Kriminalität damit. Tatsache ist, dass bei islamischen Immigranten gerade KEINE signifikant höhere Kriminalitätsrate vorliegt, sondern dass es Hinweise darauf gibt, dass die deutsche Polizei ausländische Bürger bereits dann in Gewahrsam nimmt, wo einem deutschen Bürger keine Verhaftung drohen würde.
Zitat: "Die Behauptung, Ausländer seien um ein Vielfaches krimineller als Deutsche, gehört zum Repertoire rechtsradikaler Propaganda, aber auch einiger konservativer Politiker, die damit die Forderung nach geschlossenen Grenzen untermauern ( ..)Grundtatsache ist, dass integrierte Ausländer in Deutschland, und sie bilden die überwältigende Mehrheit, nicht öfter mit dem Gesetz in Konflikt kommen als Deutsche. Ein Viertel bis ein Drittel der Ausländer, die in der Kriminalstatistik erscheinen, sind dagegen Touristen, Illegale und alle, die ausschließlich zum Zweck ungesetzlicher Taten (Diebstahl, Raub, Drogenhandel, Prostitution und Zuhälterei, Schmuggel) ins Land einreisen." (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung) -Zitat Ende-. Dritte Sarrazin'sche Rabulistik ist also
die Unterstellung von unbewiesenen oder unwahren Behauptungen als Tatsachen
Man muss keine persönliche Meinung über Herrn Sarrzins politische Aussagen haben, man muss auch weder islamophil noch übermässig in dem Thema bewandert sein. Lediglich geringe Grundkenntnisse einer Textanalyse unter rhetorischen Betrachtungen allein reichen aus, Herrn Sarrazins Buch als das zu erkennen, was es ist: polemische, polarisierende Rhetorik gegen Randgruppen in Deutschland. Was gestern den Politikern die Kampfhunde auf Stimmenfang der Bierkneipenwähler waren, das ist für Sarrazin heute die breite Masse der ungebildeten Arbeiterklasse, die mit gesundem Halbwissen jedem zustimmen, der ihre Stammtischparolen halbakademisch verbrämt laut hinausposaunt.
Thilo Sarrazin versteckt sich gerne hinter der Maske des Nonkonformisten, er bezeichnet seine Verbalinjurien als freie Meinungsäußerung. In seinem Buch findet sich nicht ein einziges Argument, das mittels der Textanalyse nicht entlarvt werden konnte als polemische Hetzkampagne gegen eine nicht näher definierbare Minderheit, die allerdings dazu benutzt werden kann, die deutschen Proletarier zu manipulieren und den Volksfrieden zu gefährden. "Man muss denken, wie die wenigsten und reden wie die meisten." (A. Schopenhauer, der die eristische Dialektik erklärt hat) Wer diese Erkenntnisse bei Sarrazins Aussagen zugrunde legt, kann dessen Bücher vielleicht sogar als humoristische Persiflage auf die deutsche Biertischmentalität einstufen und erkennt hinter all dem einen brillanten Wortakrobaten, der es hervorragend versteht, auf einem extrem dünnen Seil der Dialektik zu balancieren.
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Fotograf: Alexander Hauk
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