Thomas Askan Vierich – Blutgasse

Der deutsche Krimiautor durchleuchtet das Wiener Baumilieu

Blutgasse - www.haymonverlag.at
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Berliner in Wien: Nicht nur mit seinem zweiten Roman „Blutgasse" übersiedelt der mehrfach ausgezeichnete Kriminalschriftsteller Thomas Askan Vierich in die Donaumetropole

Nach seinem Erstling „Tödliche Delikatessen“, der unter anderem als bestes Debüt für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert war und einen Bloody-Cover-Award gewann, erschien kürzlich „Blutgasse“, der zweite Kriminalroman des Kriminalschriftstellers und Journalisten Thomas Askan Vierich. Ein mitreißender Roman, exzellent formuliert, der dem Leser neben einer spannenden Handlung auch Wiener Lokalkolorit und historischen Tiefgang bietet.

Journalist und Lebemann Alfred Brinkmann ist seiner frisch angetrauten Frau Cordula von Pokorny nach Wien gefolgt, wo sie ein Museum für zeitgenössische Kunst managt. Alfred hat viel Zeit in Kaffeehäusern und Wirtshäusern herumzusitzen, um an seinen Feuilletons für eine deutsche Zeitung zu feilen. Außerdem macht er ab und zu die Drecksarbeit für seinen Schwiegervater, indem er renovierungsbedürftige Mietshäuser kreativ „entmietet“.

Als sich die beste Freundin von Cordula, Barbara, die überkandidelte Tochter eines berühmt-berüchtigten Wiener Baulöwen, verfolgt fühlt, vermutlich von ihrem eigenen Vater, engagiert sie Alfred als „Bodyguard“. Wenig später wird ihr Vater tot auf einer seiner eigenen Baustellen gefunden, eingegossen in Beton.

Alfred gerät zunehmend in ein Netz erotischer Versuchungen und tödlicher Intrigen im Baumilieu. Während eines feuchtfröhlichen Landausflugs schöpft er zunehmend den Verdacht, dass Barbara selbst ihren Vater ermordet haben könnte. Zumindest hat sie ein starkes Motiv. Als er nach langem innerem Kampf zur Polizei geht, hat die eine Überraschung für ihn parat...

Thomas Askan Vierich im Interview

Zwischen Alfred Brinkmann und seinem Schöpfer Thomas Askan Vierich gibt es einige Parallelen. So sind Autor wie Protagonist von Berlin nach Wien übersiedelt. Wir wollten es genau wissen und haben Thomas Askan Vierich befragt. Im folgenden Interview spricht der Erfolgsautor über das Schreiben seiner Bücher.

Wo endet die Realität, wo beginnt die Fiktion?

Ich sage mal, Alfred ist zu fünfzig Prozent ich. Er dient mir als Figur, mit der und in der ich Dinge und Situationen ausprobieren kann. Zum Beispiel wird er im dritten Roman, an dem ich gerade schreibe, zu einem flotten Dreier eingeladen. Ich weiß noch nicht, ob er die Einladung annimmt. Manchmal tut er Dinge, die ich so bestimmt nicht machen würde. Manchmal sagt er Sachen, die ich gerne gesagt hätte. Aber er ist schon anders, jünger, vielleicht ein bisschen schüchterner und unsicherer als ich. Er rückt mir mit jedem Buch, jedem Kapitel näher.

Was unterscheidet Berlin von Wien beziehungsweise was nicht?

Darüber könnte man Romane schreiben... Was ich ja auch getan habe. Berlin ist aufregender, jünger, billiger, improvisierter, bietet mehr Freiräume, ist aber auch anstrengender. Wien hat mehr Klasse, Stil, viel mehr Tradition und eine wesentlich bessere Küche. Die Menschen sind in beiden Städten gleich griesgrämig. Was mich in Wien immer verwundert. Ich mag Wien sehr gerne. In Berlin habe ich mich in den dreizehn Jahren, die ich dort gelebt habe, nie wirklich heimisch gefühlt. Dazu ist Berlin zu spröde, zu hässlich. Wien ist eine gut gebaute Geliebte, die einen, wenn man sie einmal erobert hat, immer wieder zärtlich in die Arme nimmt.

Was war am Thema der Baufirmen in Wien so inspirierend?

Mich hat Architektur immer interessiert und ich kenne viele Architekten. Deshalb hatte ich durchaus intime Einblicke in die Szene. Und es gab eine Silvesterparty in Baukreisen in einem neu gebauten Hochhaus an der Donau, die zur Urszene des Romans wurde. Aber es ist trotzdem eine Menge Fantasie dabei, Vermischungen. Ich wollte keinen Schlüsselroman schreiben. Das ist mir zu billig. Und im kleinen Wien vielleicht auch zu gefährlich.

Wie lange dauerten die Recherchen? Wie lange das Schreiben?

Ungefähr zwei Jahre. In heftigen Schüben. Mit großen Unterbrechungen. Man muss ja zwischendrin auch Geld verdienen. Ich recherchiere und plane und plotte immer sehr intensiv. Das dauert länger als das Schreiben selbst. Alles wird Stück für Stück erarbeitet. Unter anderem in langen Gesprächen mit Freundin und Freunden in Wiener Beisln. Und dann feile ich sehr lange an jedem Satz, jedem Kapitel. Ich hoffe, das merkt man...

Ist der historische Hintergrund im Roman wahr oder erfunden?

Der ist wahr. Natürlich nicht mit diesen Leuten an dieser Adresse. Aber derartiges ist passiert. Und nicht nur einmal. Ich bin studierter Historiker. Und der lasche, verlogene österreichische Umgang mit der Nazivergangenheit hat nicht nur Thomas Bernhard aufgebracht. Das haben wir Deutschen etwas besser gemacht. Obwohl auch in Deutschland der Umgang mit den jüdischen Opfern nach dem Zweiten Weltkrieg zu lange ziemlich erbärmlich war. In Österreich ist er noch erbärmlicher. Bis heute. Die quälenden Diskussionen um die Klimt-Restitutionen haben mich erst auf die Idee gebracht, dieses Thema in meinen Roman einzubauen.

Wird Alfred Brinkmann weiter ermitteln?

Er ermittelt bereits. Diesmal in Zürich. Im Kunst- und Rotlichtmilieu. Der dritte Roman wird emotionaler, zwischen Alfred und Cordula geht es heftig ab, Eifersucht, Misstrauen, Entfremdung, Versöhnung. Und Alfred flirtet ziemlich viel. Und dann dieser besagte flotte Dreier mit einem Mann und einer Frau. Wenn alles klappt, erscheint der Roman 2010.

Thomas Askan Vierich: Blutgasse. Haymon 2009. Broschiert, 288 Seiten. Euro 9,95. (Österreich Euro 9,95; Schweiz CHF 17,90).

Ilona Mayer-Zach, Sabine Windsor

Ilona Mayer-Zach - Geboren in Graz, Wahlwienerin. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften; Medienkundlicher ...

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