Thomas Glavinic - Der Kameramörder (Rezension)

Thomas Glavinic - Der Kameramörder - dtv
Thomas Glavinic - Der Kameramörder - dtv
Mit eingeschalteter Kamera zwingt ein grausamer Mörder zwei kleine Kinder unter Psychoterror zum Selbstmord durch das Springen von einem hohen Baum.

Mit seinem medien- und gesellschaftskritischen Werk "Der Kameramörder" erzählt der österreichische Autor Thomas Glavinic die Geschichte eines Mordes und der darauffolgenden Fahndung. Das Interessante dabei ist nicht nur die Frage nach dem Täter, sondern vor allem die Erzählweise.

Ein grausames Mord-Video

Der Protagonist und Ich-Erzähler dieses Romans verbringt die Osterferien mit seiner Lebensgefährtin - die er auch nur als solche Bezeichnet - und einem befreundeten Ehepaar, Eva und Heinrich, in der Steiermark. Während die Tage mit Federball und Tischtennis verbracht werden, unterbricht ein Nachrichtenbericht die ländliche Ferienidylle.

Ein grausamer Mord an zwei Jungen wurde ganz in der Nähe der Ferienresidenz begangen und vom Mörder selbst auf Kamera aufgezeichnet. Die beiden Paare verbringen nun den Großteil ihrer Zeit vor dem Fernseher, über den sogar Teile des Mordvideos übertragen werden. Sie versuchen über den Teletext, das Radio und Telefonate in der Nachbarschaft, mehr über das Geschehen herauszufinden. Und die Polizei ist auf der Spur des Mörders.

Nüchterne Erzählweise und Detailverliebtheit

Der Ich-Erzähler zeichnet sich vor allem dadurch aus, alles genau zu schildern, in unnatürlich hochgestochener Sprache und nur im Passiv. Direkte Reden gibt es keine. Uhrzeiten, Entfernungsangaben und andere Zahlen werden penibel genau angegeben. Man steht am Rande des Geschehens und erlebt es durch die Augen dieses seltsamen Protagonisten, der der Mord-Fahndung ebenso gebannt folgt wie die drei anderen Bewohner des Hauses. Emotionen sind - falls vorhanden - durch den Erzählstil nicht auszumachen.

Gerade aber das macht diese Roman zu etwas Besonderem. Immer wieder werden Zeitungsschlagzeilen, Teletext-Nachrichten und Beschreibungen des Mordvideos eingeworfen, die dem Leser das Grauen stets klar vor Augen halten.

Medien und Sensationsgeilheit

Die wahre Kritik, die Thomas Glavinic hier anspricht, gilt aber nicht nur dem Tathergang, sondern vielmehr dem Verlangen der Massen nach medienwirksamer Zurschaustellung der Tat. Dass ein deutscher TV-Sender tatsächlich Teile des Mordvideos zeigt, wird im Roman von den Charakteren schon kritisch angesprochen - sehen wollen es aber trotzdem alle.

Man kann sich als Leser sehr gut in diese Lage hineinversetzen, denn beim Lesen verspürt man auch selbst dieses Bedürfnis nach Aufklärung, diese verachtenswerte Neugierde. Man redet sich selbst mit Ausreden und logisch klingenden Argumenten ein, es sei ja hilfreich für die Fahndung. Man müsse den Mörder über die auf dem Video hörbare Stimme identifizieren können, etc.

So trifft Thomas Glavinic völlig ins Schwarze und man muss sich als Leser eingestehen, selbst kein minder wichtiges Produkt unserer Mediengesellschaft zu sein als die Protagonisten.

Ein Roman, der zum Nachdenken anregt, der nebenbei noch sehr spannend ist und durch seinen außergewöhnlichen Schreibstil besticht. Der Mörder kann zwar schon sehr bald erraten, oder zumindest vermutet, werden. Das stört aber nicht weiter, da das tatsächliche Augenmerk ja auf der Kritik unserer Gesellschaft liegt.

Thomas Glavinic: Der Kameramörder. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2006. Taschenbuch, 156 Seiten. 7,90 Euro

Nadine Gemeinböck, Nadine Gemeinböck

Nadine Gemeinböck - Nadine Gemeinböck begann ihre Karriere im zarten Alter von 3 Jahren, mit dem sie das Lesen und Schreiben erlernte. Von dahin war es ...

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