
- Glavinic: Das Leben der Wünsche - Hanser Verlag
Wer die vorherigen Romane des Wiener Autors kennt, weiß um deren sprachliche Vielfalt: Eine zur Unerträglichkeit gesteigerte Sachlichkeit ("Der Kameramörder"), eine unseriös verallgemeinernde man-Form ("Wie man leben soll"), eine satirische fiktiv-autobiografische Lektüre ("Das bin doch ich") oder düster-gruslige Weltendestimmung in "Die Arbeit der Nacht". Glavinics neuestes Buch "Das Leben der Wünsche" erinnert in Stimmung und Sprache wieder stark an den letztgenannten Roman. Obwohl es ein eigenständiges Buch ist, hat Glavinic beide Arbeiten miteinander verwoben, was sich am auffälligsten in der Namensgleichheit der Protagonisten zeigt: Jonas und Marie.
Das Leben der Wünsche
Jonas und Marie, beide verheiratet, haben eine Affäre miteinander. Der Kinder wegen scheuen sie eine Trennung vom jeweiligen Partner. Die Beziehung halten sie geheim, keiner weiß davon. Bis Jonas eines Tages im Park ein alter, nach Bier stinkender Penner begegnet, der über Jonas' Geheimnis unterrichtet ist. "Das Leben der Wünsche" beginnt wie ein modernes Märchen: Der Unbekannte verspricht, Jonas drei Wünsche zu erfüllen. Jonas wünscht sich, halb verunsichert, halb verärgert, dass alle seine Wünsche in Erfüllung gehen sollen.
Ein Märchen ohne Happy-End
Entgegen dem märchenhaften Anschein entwickelt sich Glavinics Roman jedoch nicht zu einem Happy-End hin – im Gegenteil. Brutale Unfälle häufen sich, vorsintflutliche Überschwemmungen verwüsten Städte, Jonas' Frau Helen stirbt unerwartet. Gehen hier unbemerkt Jonas' Wünsche in Erfüllung? Oder handelt es sich um Zufälle, wie Jonas zuerst selbst vermutet? Der Schlüssel zum Verständnis liegt vielleicht im Gespräch mit dem seltsamen Penner: "Es geht nicht darum, was Sie wollen, sondern darum, was Sie sich wünschen", gibt der Alte Jonas mit auf den Weg. Und so geschehen dann auch noch einige Wunder. Dass sie anders aussehen, als der Leser spontan vermuteten möchte, eben hierin liegt das Überraschungsmoment des Buches.
Ein Roman über Einsamkeit und Liebe
Denkt man noch einmal an "Die Arbeit der Nacht" zurück, fallen auch inhaltliche und thematische Parallelen auf: In "Die Arbeit der Nacht" ist Jonas der einzige Mensch auf der Erde, seine Gedanken kreisen um die große Liebe Marie, die er mit letzter Kraft aufzufinden versucht. Die Frage, was außerhalb des Individuums existiert und ob oder wie die Beziehung zu anderen Menschen möglich ist, haftet auch dem neuen Roman an. Glavinics Sprache ist klar und beschreibend, zuweilen wirken die Szenen fast unwirklich, manchmal geradezu künstlich. Die sich aufbauende Spannung wird jedoch nicht aufgelöst, sondern gipfelt in einem drastischen, surrealen Schluss. Erklärungen gibt Glavinic wie auch in seinem anderen Roman nicht. Das mag den ein- oder anderen Leser verwirrt zurücklassen. Einer Kritik diesbezüglich pflegt sich der Autor zu entziehen.
Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche. Hanser Verlag 2009. Hardcover, 320 Seiten. Euro 21,50 .
