
- Thomas Glavinics Roman - Hanser Verlag
„Man sucht sich die Sätze nicht aus, die Sätze kommen von selbst“, so spricht der Protagonist und Ich-Erzähler Tom in Thomas Glavinics neuem Roman „Lisa“. Und das demonstriert er dann auch gleich. Auf über 200 Seiten schwafelt er dahin, gibt Alltagsweisheiten von sich und verliert immer wieder den Anschluss an die Geschichte, die er eigentlich erzählen möchte. Nämlich die von den Taten der skrupellosen Massenmörderin, die er „Lisa“ nennt und deren DNA-Spuren nach einem Einbruch in seiner Wohnung gefunden wurden. Mit dem Verschwinden seines Polizisten-Kumpels Hilgert, der „Lisa“ auf der Spur war, ist beim Ich-Erzähler die Panik ausgebrochen und er hat sich mit seinem Sohn Alex in ein Landhaus in den Bergen zurückgezogen. Er kommuniziert mit der Außenwelt nur noch über Internet-Radio, wobei ungewiss ist, ob ihn jemand hören kann. Zwischen Alkohol und Koks scheint sich die Angst immer mehr in Paranoia zu wandeln und das Reden über alltägliche Dinge wird für den Ich-Erzähler zur Therapie.
Thomas Glavinics „Lisa“ als Monolog eines Paranoikers und Zynikers
In seinem Roman „Lisa“ setzt Thomas Glavinic wieder einen Ich-Erzähler ein. Ähnlich wie schon in seinem Kriminalroman „Der Kameramörder“ verrät dabei die Art und Weise, wie erzählt wird, viel mehr über die Figur des Erzählers als das Erzählte selbst. Während Sprache und Stil im „Kameramörder“ den Ich-Erzähler als Mörder entlarven, entpuppt sich der Ich-Erzähler in „Lisa“ als Paranoiker und Zyniker. Wenn er von den Taten der Mörderin Lisa spricht, dann tut er das genauso abfällig wie von der gesamten Gesellschaft. Sein Weltbild erklärt er mit Gleichgültigkeit, wobei seine Sprache nicht gerade von politischer Korrektheit geprägt ist. Tom schreckt nicht davor zurück, ganze Gesellschaftsgruppen zu diffamieren. Er macht sich lustig über Scheinkultur, Performancekünstler, Sex, Krieg, Frauenbilder, Drogen, Politiker, Bankiers und hat sogar zu den Gräueltaten von Lisa einige lustige Ansichten auf Lager. Die Tatsache, dass die Schilderung der grausigen Morde von Lisa immer wieder mit Assoziationen zu Sex, Drogen und witzigen Geschichten aus dem Alltag unterbrochen werden, verrät dabei wenig Sensibilität.
Realitätsbezüge und Gesellschaftskritik in Thomas Glavinics „Lisa“
Im Roman „Lisa“ schildert Thomas Glavinic keine fiktive Welt, sondern bezieht sich auf aktuelle Themen aus der Realität. So werden unter anderem die Wirtschaftskrise, die Gehässigkeit von Postern auf dem Forum der Tageszeitung „Der Standard“ oder die Ausländerzuwanderung thematisiert. Einmal nimmt der Ich-Erzähler Tom auch auf den Unfall Bezug, der zum Tod Jörg Haiders führte. Die Art und Weise, wie der Ich-Erzähler sprachlich mit den Themen umgeht, nämlich phrasenhaft und sensationslustig, muss dem Leser inkorrekt erscheinen. Da Thomas Glavinic hier aber nur Diskurse aufgreift, die tatsächlich medial verbreitet wurden, werden diese gesellschaftskritisch durchleuchtet. Mit der nötigen Selbstironie erkennt sich der Leser als Teil der kranken Welt, wie sie im Roman dargestellt wird.
Der Roman „Lisa“ hat durchaus Wendungen zu bieten, die uns in Spannung versetzen. Der Blick auf die heutige Realität außerhalb des Buches vermag aber eher, uns zu erschrecken und gleichzeitig unglaublich zu amüsieren.
Der Schriftsteller Thomas Glavinic
Thomas Glavinic, geboren 1972 in Graz, ist einer der bedeutendsten österreichischen Vertreter der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Debüt-Roman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ (1998) handelt vom Leben eines Schachmeisters und wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit seinem zweiten Roman „Herr Susi“ (2000), der eine Abrechnung mit dem Fußball-Vermarktungsgeschäft darstellt, wird erstmals die Bedeutung von Sprache und Erzählstil im Werk Thomas Glavinics klar. Ein weiterer Beleg hierfür ist der Krimi „Der Kameramörder“ (2001), der mit dem Friedrich-Glauser-Preis auf der Criminale ausgezeichnet und besonders aufgrund seiner gesellschaftskritischen und medienkritischen Inhalte gefeiert wurde. Der eigentliche Durchbruch gelang Thomas Glavinic mit dem satirischen Entwicklungsroman „Wie man leben soll“ (2004). Diese Erfolgsliste setzte Glavinic mit dem psychologisch interessanten Roman „Die Arbeit der Nacht“ (2006) fort, in dem der Protagonist an einem scheinbar gewöhnlichen Morgen als einziges Lebewesen der Welt erwacht. „Das bin doch ich“ (2007) thematisiert das Leben eines Autoren und den Wunsch nach Erfolg. Vor „Lisa“ erschien zuletzt der Roman „Das Leben der Wünsche" (2009), in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen.
Thomas Glavinic: Lisa. Roman. München: Hanser Verlag. 2011.
