Thomas Plischke – Die Zwerge von Amboss

Ein Thriller, der in einer Fantasy-Welt spielt

Plischke: Die Zwerge von Amboss - Piper-Verlag
Plischke: Die Zwerge von Amboss - Piper-Verlag
Thomas Plischke hat mit dem bemerkenswerten Buch "Die Zwerge von Amboss" eine ganz neue und ungewohnte, dafür aber umso faszinierendere Art von Fantasy-Roman geschaffen.

Der Zwerg Garep Schmied lebt in der großen, zwergischen Industriestadt Amboss. Sie ist Teil des großen, modernen Zwergenreiches, das die stämmigen und rührigen Burschen sich rund um den Nordpol ihrer Welt geschaffen haben. Von Beruf ist er Sucher; so heißen bei den Zwergen die Kriminalpolizisten. Bei der Bearbeitung eines ungewöhnlichen Kriminalfalles gerät sein Leben aus den Fugen.

Eine Steampunk-Welt der Zwerge

Im Zwergischen Bund, so heißt diese Schöne Neue Welt der Zwerge, leben Bergzwerge, Seezwerge und als Brudervolk die Halblinge, die ihre eigene Heimat verloren haben. Letztere bilden im Zwergischen Bund gewissermaßen die Beamtenkaste und dazu gehört auch – die Geheimpolizei.

Das Ambiente der Zwergenwelt kann man als Steampunk bezeichnen: Es herrscht im wesentlichen der technische Standard der Gründerzeit mit Dampfkraft, Eisenbahn und Gaslicht, aber es gibt auch – wie es sich für eine Steampunk-Welt gehört – geheimnisvolle, phantastische wissenschaftlich-technische Errungenschaften, wie man sie etwa auch bei Jules Verne findet.

Auf den ersten Blick macht der Zwergische Bund den Eindruck eines modernen, demokratischen Staates, in dem Religion abgeschafft und durch Vernunft ersetzt ist, die, zusammen mit fleißiger Arbeit, das Glück aller schaffen soll. So steht das wohlgeordnete Land der Zwerge im krassen Gegensatz zur umliegenden Welt, die als „Die Zerrissenen Reiche bezeichnet“ wird. So lautet auch der Titel des siebenbändigen Roman-Zyklus, zu dem „Die Zwerge von Amboss“ den Auftakt bildet.

In den Zerrissenen Reichen herrschen Chaos und ständige Kriege, weil die Menschen dort verschiedenen Richtungen einer gemeinsamen Religion, dem Glauben an „Die Herren“ anhängen. Daher nehmen viele Menschen Asyl im Zwergischen Bund. Manche schaffen es Fuß zu fassen, bauen Existenzen auf , werden manchmal sogar reich. Andere leben in Armut, so wie auch viele Zwerge, denn durch die Technisierung der Zwergenwelt sind viele arbeitslos geworden.

Tatsächlich ist der Zwergische Bund gar nicht so demokratisch, wie er sich gibt. Einige Sippen sind reich und mächtig und im Hintergrund ziehen die Halblinge an ihren Fäden. Daher gärt in der Bevölkerung auch Hass auf die Menschen, die als Sündenbock dienen müssen.

Ein innerlich kaputter Zwerg findet Unglaubliches heraus

Garep Schmied ist innerlich kaputt und rauschgiftsüchtig, schafft es aber, nach außen hin normal zu wirken und sogar beruflich erfolgreich zu sein. Er hat seine Frau bei der Geburt ihres ersten Sohnes verloren, diesen zur Adoption freigegeben und ist aus seiner ländlichen Heimat vor sich selbst in die Großstadt geflohen.

Eines Tages wird er mit zwei mysteriösen Mordfällen konfrontiert: Beide Male bringt ein Mensch einen Zwerg und anschließend sich selbst um. Als er Arisascha von Wolfenstein, die Lebensgefährtin des zweiten Täters, in seinem Büro verhört, erscheinen zwei Halbling-Geheimpolizisten, nehmen sie mit und entziehen Garep den Fall.

Trotz unmissverständlicher Warnungen ermittelt Garep Schmied weiter und entdeckt nach und nach schreckliche Dinge: Kriegsvorbereitungen gegen die Menschenreiche, Versuche an Zwergen, Halblingen und Menschen sowie gewissenlose Machenschaften der Halblinge von der Geheimpolizei finden hinter der biederen und humanen Fassade statt.

Kurz nachdem eine Journalistin, die Garep Schmied Informationen geben wollte, vor seinen Augen durch einen Anschlag getötet wurde, verüben zwei Geheimpolizisten auch einen Mordanschlag auf ihn. Der Bruder von Arisascha rettet ihn und bringt den Zwerg mit, den Garep wohl am allerwenigsten erwartet hätte und der Arisascha befreit hat. Eine abenteuerliche Flucht aus dem Zwergenreich beginnt, denn außer der Geheimpolizei ist ihnen auch noch Garep Schmieds karrieregeiler ehemaliger Gehilfe auf den Fersen. Garep Schmied muss sich nicht nur äußerlichen Gefahren, sondern auch sich selbst und seiner Vergangenheit stellen, vor der er sich viele Jahre in die Rauschgiftsucht geflüchtet hat. Er findet aber auch etwas, von dem er dachte, dass es das für ihn nicht mehr geben würde.

Die Zwerge von Amboss, ein außergewöhnliches Buch

Thomas Plischke ist hier in der Tat ein außergewöhnliches Buch geglückt: Nicht nur, dass das Buch von der ersten bis zur letzten Seite packend und spannend geschrieben ist, er schafft es auch ganz aktuelle Probleme der realen Welt glaubwürdig in seine Geschichte einzuflechten und zu reflektieren.

Äußerst stimmig und gut durchdacht ist vor allem auch die Hintergrundwelt, die Thomas Plischke zusammen mit Ole Christiansen entwickelt hat: Man kann die bärbeißigen, Äxte schwingenden Kurzbeine aus den Welten von J.R.R Tolkien und Markus Heitz ohne weiteres in den technisierten Zwergen des Zwergischen Bundes wiedererkennen. Nicht nur, dass Bärte, Äxte und Stollen in den Redensarten der technisierten Zwerge von Amboss noch allgegenwärtig sind, es ist auch typisch zwergische Sturheit, die Garep Schmied den Kampf gegen den Rest der Welt einschließlich seiner Rauschgiftsucht aufnehmen lässt.

Ein außergewöhnliches Buch! Eine spannende Geschichte, mit Liebe zum Detail und in exzellentem Stil erzählt und gleichzeitig ein Buch, das zum Nachdenken über unsere Welt anregt. Die Zwerge von Amboss kann man nicht nur eingefleischten Fantasy-Liebhabern empfehlen, dieses Buch wird auch so manchem gefallen, der mit Fantasy eigentlich gar nichts am Hut hat.

Thomas Plischke: Die Zwerge von Amboss. Die zerrissenen Reiche Band 1. Piper 2008. Kartoniert, 494 Seiten. Euro 8,95 (D), 9,20 (A), CHF 16,90.

Volker Wollny, Journalist, Autor und Blogger, Saskia Wollny

Volker Wollny - Tätig als Publizist und Freier Dozent, abgeschlossenes Studium als Ingenieur für Produktionstechnik, Gesellenbriefe im ...

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