
- Explosiv und faszinierend - Miriam Elmers
Es hat schon früh angefangen. „Damals, als Kind, war ich fasziniert von diesem goldenen Papier, in das kleine Schokoladenstücken eingewickelt waren“, erzählt Thomas Sarbach, die schwarzen Augen glänzen. „Ich habe das Papier immer ganz glatt gestrichen – und irgendwann eine Collage daraus gemacht.“ Vielleicht waren das die Anfänge für den Stil, mit dem der Schweizer heute bekannt und erfolgreich ist: Bilder in Gold. Bilder aus Gold. Bilder, die leuchten. Bilder, die faszinieren. Bilder mit Geschichte.
Bewegte Biographie
Doch es war kein nahtloser Übergang vom Schokoladenpapier zu seinen aktuellen Werken. Thomas Sarbach ist keiner von denen, die einmal einen Weg beschreiten und dann immer darauf weitergehen, ohne Blicke nach rechts und links. Keiner von denen, die in eine Schublade passen. Schon seine Biographie ist alles andere als stringent: Geboren im südamerikanischen Paraguay, wird er als Baby von einem Schweizer Entwicklungshelfer-Ehepaar adoptiert, wächst in einem kleinen Dorf im Wallis auf. Südamerika und die Schweiz, das eine sieht man heute noch, das andere hört man.
Seine künstlerische Ader zeigt sich schon früh. Thomas Sarbach zeichnet Bilder für seine Mitschüler, malt, macht Collagen eben aus Goldpapier. Nachdem er die Schule beendet hat, bezieht er gleich sein erstes Atelier, er will Künstler werden. Und er wird Künstler. Weil Galeristen ihn in immer wieder in künstlerische Ecken drängen wollen, gründet er mit Freunden selbst eine Galerie, die „Young Art Gallery“ in Luzern. Hier gibt er anderen jungen Künstlern eine Chance, und vor allem: Hier kann er selbst ausstellen. Seine Kunst, das, was er will. Und er will viel – und viel verschiedenes.
Nicht nur eine Stilrichtung
Er arbeitet mit allen denkbaren Materialien, lernt Bodypainting und Air-Brush, findet seine große Leidenschaft im Graffiti-Sprayen. In dieser Disziplin wird er landesweit bekannt, nennt sich Tom Fly – und er ist es, der den offiziellen Auftrag für das größte Graffiti in der gesamten Schweiz bekommt, 580 Quadratmeter.
Faszination Gold
Und dann kommt das Gold. „Früher war ich von Gold fasziniert, weil es so schön glitzert“, erzählt Thomas Sarbach. „Doch als ich älter wurde, habe ich Fragen gestellt. Woher kommt Gold, warum fasziniert es uns überhaupt? Warum ist es so wertvoll? Warum müssen für Gold Menschen sterben, warum werden Kriege darum geführt?“ Er recherchiert, lernt, will alles wissen. „Wenn ein Mensch sich für etwas interessiert, dann muss er sich auch Wissen darüber aneignen“, ist der Künstler überzeugt. Wenn er heute über Gold spricht, dann hat das nicht nur mit Schönheit zu tun, ganz im Gegenteil. Er kennt die chemische Formel, den Schmelzpunkt, die Dichte, die Eigenschaften. Er weiß viel über die Gewinnung, über die Geschichte von Gold. „Wussten Sie, dass etwa sechzig Prozent allen Goldes auf der Welt eine blutige Vergangenheit hat? Wenn Sie eine Goldkette tragen, können Sie fast sicher sein, dass dahinter viel Geschichte steckt.“ Denn ein Großteil des Goldes von heute ist uralt, wurde immer wieder eingeschmolzen und neu verarbeitet. Wie auch das Blattgold, mit dem Thomas Sarbach heute arbeitet.
Filigrane Arbeit
In einer Kiste in seinem Atelier in Zürich: dutzende Tütchen, gefüllt mit feinstem Blattgold. „Vergleichen Sie mal“, sagt er und nimmt zwei kleine Beutel aus dem Karton. „Sehen Sie die feinen Unterschiede in der Farbe und in der Struktur? Gold ist nicht gleich Gold – und das macht es so interessant.“ Man muss schon sehr genau hinsehen, doch er hat Recht. Mit einem feinen Pinsel nimmt Thomas Sarbach ein Goldblättchen auf, platziert es vorsichtig auf der vorbereiteten Leinwand. Was hier genau entstehen wird, er weiß es, verrät es aber nicht, noch nicht.
Doch die vielen Gold-Bilder, die er in den vergangenen Jahren kreiert hat, geben Hinweise. Da gibt es Werke, die ausschließlich golden sind, der Betrachter ahnt sein eigenes Spiegelbild im warmen Gold der Oberfläche. Da gibt es grafisch anmutende Kompositionen, da gibt es Bilder, die durch ihre Perspektive förmlich ins Innere ziehen, mal wie eine Explosion, mal wie eine weite Landschaft mit Horizont. Auch andere Farben kommen vor, ein warmes Rot, ein dunkles Türkis, Brauntöne. Doch immer ist das Gold der Protagonist.
Philosophie in Gold
Der Wert an sich ist dabei das, was Thomas Sarbach als letztes interessiert. Ihm geht es um die Faszination – und um das, was dahinter steckt. Er weiß, auch das Gold seiner Bilder hat Geschichte, selbst wenn er nicht zurückverfolgen kann, welche.
„Durch meine Arbeit versuche ich auch, den Wert des Goldes zu banalisieren – auch, indem ich es verschenke“, erklärt er. Im Sommer 2008, pünktlich zur Fußball-Europameisterschaft in seinem Land, hat er begonnen, große Findlinge, Bänke, Mauerstücke und andere Alltagsgegenstände an der so genannten „Goldküste“ in Zürich zu vergolden. Heimlich, anonym. Das hätte ihm eine Strafe einbringen können, denn immerhin sind die Steine öffentliches Eigentum. Doch keiner hat das Gold entfernt, keiner hat den Täter gesucht – die Goldsteine, die Bänke, die Mauerstücke sind immer noch golden, sie gefallen den Menschen. „Sie denken darüber nach, wer das wohl gemacht hat – es steht ja kein Hinweis dabei“, sagt Thomas Sarbach schmunzelnd. „Und genau das will ich erreichen: Ich will die Menschen bewegen, über Gold nachzudenken.“
Informationen über die Biographie Thomas Sarbachs und über aktuelle Ausstellungen sind zu finden auf seiner Internetseite, dort finden sich auch Presseberichte.
